Dinosaurier-Bedrohung Säugetier-Vorfahren flüchteten in die Nacht

Forscher haben die Augenringe von Säugetier-Vorfahren untersucht. Demnach waren die Synapsiden schon sehr früh in der Entwicklungsgeschichte nachtaktiv - wahrscheinlich, um nicht von Dinosauriern gefressen zu werden.

An den Augenringen abgelesen: Ob die Synapsiden nachts aktiv waren, lässt sich an ihren Skleralringen ablesen - auch nach 300 Millionen Jahren.
Kenneth Angielczyk

An den Augenringen abgelesen: Ob die Synapsiden nachts aktiv waren, lässt sich an ihren Skleralringen ablesen - auch nach 300 Millionen Jahren.


Geht es um die Nachaktivität der Synapsiden, Vorfahren der Säugetiere, tappten Forscher bislang ziemlich im Dunkeln. Wie Wissenschaftler des Field Museum of Natural History in Chicago, Illinois, und des Claremont McKenna College, Kalifornien, herausfanden, waren die Synapsiden bereits rund hundert Millionen Jahre früher nachtaktiv als bislang angenommen. Dies berichten Forscher in den "Proceedings of the Royal Society B".

Die Synapsiden sind eine Gruppe landlebender Tiere, deren erste Vertreter vor etwa 320 Millionen Jahren lebten. Zu ihnen gehören die Vorfahren aller heutigen Säugetiere sowie zahlreiche andere, inzwischen ausgestorbene Verwandte der Säugetiere. Die Wissenschaftler wollten testen, ob die frühen Säugetiere bei Nacht den Dinosauriern entgehen wollten, die tagsüber Jagd auf sie machten.

Dafür haben sie die Skleralringe von 24 Synapsiden-Arten untersucht. Diese knöchernen Ringe in der Augenhöhle verrieten etwas über Größe und Form verschiedener Teile des Augapfels, erläutert Lars Schmitz, Wissenschaftler am Claremont College, in einer Pressemitteilung des Field Museum. "Diese Information wiederum erlaubt uns, die Licht-Sensitivität des Auges abzuschätzen, die üblicherweise widerspiegelt, ob ein Tier am Tag oder in der Nacht aktiv ist."

Synapsiden weit vor Säugetieren nachtaktiv

Bisher gingen viele Experten davon aus, dass die Nachtaktivität innerhalb dieser Gruppe etwa zeitgleich mit den Säugetieren entstanden war, und zwar vor etwa 200 Millionen Jahren. Davon zeugten unter anderem die großen Gehirne der Säuger, die zur Verarbeitung von Sinneseindrücken der Ohren, der Nase oder des Tastsinns nötig gewesen seien.

Der Fleischfresser Dimetrodon jedoch - mit einem Alter von etwa 300 Millionen Jahren einer der ältesten Vertreter der Synapsiden - sei vermutlich nachtaktiv gewesen. "Die Vorstellung eines nachtaktiven Dimetrodon war sehr überraschend", sagte Kenneth Angielczyk, Mitglied der Forschergruppe am Field Museum. "Aber das zeigt, wie wenig wir wirklich wissen über die Lebensweise unserer ältesten Verwandten."

Von den heutigen landlebenden Säugetieren sind zwischen 45 und 55 Prozent nachtaktiv. Viele andere jagen in der Dämmerung. Ausschließliche Tagaktivität gebe es zwar innerhalb einiger Säuger-Ordnungen wie den Primaten, sie sei aber insgesamt weit weniger verbreitet.

Die Erkenntnisse über die Aktivität der Synapsiden stehen noch ganz am Anfang. Darauf weist auch Jörg Fröbisch hin, der am Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung am Museum für Naturkunde in Berlin unter anderem die Evolution der Synapsiden untersucht. "Es ist natürlich immer schwierig, von einem Merkmal auf das Verhalten einer ausgestorbenen Tierart rückzuschließen. Es ist denkbar, dass die frühen Verwandten nachtaktiv waren, aber vielleicht nur zum Teil, vielleicht waren sie tags ebenfalls aktiv."

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tst/dpa

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Layer_8 05.09.2014
1. Warmblüter
Kann es dann sein, dass auf Grund dieser Nachtaktivitäten die evolutionäre Ausbildung einer konstanten Körpertemperatur sehr von Vorteil war? Dass also die instinktive Tätigkeitsverlagerung der Synapsiden in die Nachtzeit diesem Attribut Vorschub leistete? Ich gehe davon aus, dass die Tiere zuerst mal wechselwarm waren, wie es bei Echsen halt immer noch üblich ist.
mborevi 05.09.2014
2. Eine Glanzleistung ...
... des Spiegel sind die Berichte über völlig neue wissenschaftliche Entdeckungen: Diese über die Nachtaktivität der frühen Säugetiere habe ich schon während meiner ersten Semester in Heidelberg in den frühen 1960er Jahren gehört.
Max Dralle 05.09.2014
3.
Zitat von mborevi... des Spiegel sind die Berichte über völlig neue wissenschaftliche Entdeckungen: Diese über die Nachtaktivität der frühen Säugetiere habe ich schon während meiner ersten Semester in Heidelberg in den frühen 1960er Jahren gehört.
Sie haben den Artikel nicht wirklich gelesen, oder?
Kraftfuchs 05.09.2014
4. Wieder mal durchgemacht...
Interessant, dass schon bei unseren frühesten Vorfahren eine erhöhte Nachtaktivität an Augenringen zu erkennen war!
hubert heiser 05.09.2014
5.
Zitat von mborevi... des Spiegel sind die Berichte über völlig neue wissenschaftliche Entdeckungen: Diese über die Nachtaktivität der frühen Säugetiere habe ich schon während meiner ersten Semester in Heidelberg in den frühen 1960er Jahren gehört.
In meinem Informatikstudium in den 80ern war die Nachtaktivität der frühen Säuger leider kein Thema. Insofern war der Artikel für mich durchaus interessant.
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