Klimafolgen von Vulkan-Eruption Es könnte kalt werden

Der isländische Vulkan Bárdarbunga spuckt seit August Lava. Der Ausbruch erreicht historische Dimensionen: Nur selten gelangte so viel Schwefelgas in die Luft - es könnte sogar das Klima abkühlen.

Lukas Gawenda

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Hamburg - Es wird unheimlich. Seit Ende August brodelt am isländischen Vulkan Bárdarbunga Lava aus einer kilometerlangen Spalte. Zunächst beobachteten Experten die etwa 50 Meter hohen Glutfontänen mit Erleichterung, denn der Berg baut Druck ab - eine große Eruption könnte vermieden werden, so lautete die Hoffnung.

Inzwischen aber bereiten die Schwefelgase, die der Ausbruch in riesigen unsichtbaren Wolken übers Land schickt, immer größere Sorge. In der Luft wandeln sie sich mit Wasser zu Säure, die bereits Spuren hinterlässt, wie Fotos von landwirtschaftlichen Geräten mit zerfressenem Lack nahelegen.

Auch Menschen sind bedroht: Bewohner in Windrichtung müssen ihre Häuser geschlossen halten, um ihre Atemwege zu schützen. Nie zuvor seit Beginn der Messungen in den Siebzigerjahren wurden in Island solch hohe Werte von Schwefeldioxid (SO2) in der Luft gemessen.

Erinnerung an Katastrophen

Allmählich rückt ein weiteres Problem in den Blickpunkt: das Klima. Die ausgestoßene Gasmenge erreiche bereits historische Dimensionen, berichtet die Umweltbehörde des Landes, die Icelandic Environmental Agency. Täglich schössen bis zu 60.000 Tonnen SO2 aus den Lavaspalten.

Rund zwei Millionen Tonnen SO2 hat der Bárdarbunga demnach bereits ausgestoßen. Nur die größten Eruptionen übertreffen diese Menge. Und der Vulkan scheint sich nicht zu beruhigen. Der Schwefeldunst legt sich wie ein Schleier vor die Sonne, in großen Mengen kühlt er das Klima. Für das bloße Auge bleibt er meist unsichtbar, Satelliten aber erfassen die SO2-Wolken, die bis auf das europäische Festland treiben.

Sie wecken Erinnerungen an Katastrophen. Am schlimmsten war es 1783 und 1784, als der isländische Vulkan Laki ebenfalls aus einer Spalte monatelang Lava und Gase spuckte. Ein Säurenebel legte sich über Nordwesteuropa. Zudem wurde der Kontinent von einem kalten Winter und Missernten heimgesucht. In Island starb ein Viertel der Bevölkerung an den Folgen der Eruption, auch in anderen Ländern kamen Tausende Menschen um.

Heutzutage, bei deutlich größerer Bevölkerung, wären die Folgen einer solchen Eruption noch dramatischer, haben Klimatologen um Anja Schmidt von der University of Leeds in Großbritannien ermittelt. Eine Wiederholung dieses Szenarios wäre die verheerendste Naturkatastrophe Europas.

Heiße Luftwirbel über dem Berg

Der Laki hat Schätzungen zufolge 122 Millionen Tonnen SO2 ausgestoßen, also mehr als das Sechzigfache der bisherigen Menge des Bárdarbunga. Und der Laki-Ausbruch verlief weitaus dynamischer, täglich setzte er rund 500.000 Tonnen SO2 frei. Die Eruption des Bárdarbunga müsste also noch weitaus stärker werden und lange andauern, um ähnlich bedrohlich zu werden wie das Jahrtausendereignis von 1783/84.

Mit den größten Ausbrüchen des 20. Jahrhunderts aber kann der Bárdarbunga schon jetzt konkurrieren. Der mexikanische El Chichón etwa schickte 1982 sieben Millionen Tonnen SO2 in die Luft, woraufhin sich das Klima weltweit abkühlte. Beim Ausbruch des philippinischen Pinatubo 1991 gelangten 20 Millionen Tonnen SO2 in die Atmosphäre. Die bodennahe Temperatur kühlte weltweit zwei Jahre durchschnittlich um ein halbes Grad ab - ein seltener Klimasturz.

Bis Weihnachten könnte der Bárdarbunga die SO2-Menge des El Chichón übertreffen. Dennoch dürfte seine Klimawirkung einstweilen erheblich geringer ausfallen. Denn während El Chichón und Pinatubo Aschewolken bis in die Stratosphäre schleuderten, schwebt der Schwefeldunst des Bárdarbunga großteils in Bodennähe. Dort waschen Niederschläge die Partikel aus der Luft; in der regenfreien Stratosphäre hingegen halten sich die Gase jahrelang.

Der Bárdarbunga müsste mithin ein Vielfaches an SO2 ausspucken, um das Klima dauerhaft abkühlen zu können. Zwei Besonderheiten jedoch könnten seinen Effekt stärken: In hohen Breiten wie Island liegt die Stratosphäre mehrere Kilometer flacher als in den Tropen - Gase gelangen schneller hinein. Zudem entfachen auch Spalteneruptionen wie am Bárdarbunga heiße Luftwirbel über dem Vulkan, die Gase bis in die Stratosphäre treiben können.

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Seite 1
Deep_Thought_42 10.10.2014
1. Klima ?
Jetzt bin ich aber überrascht. Atmosphärische Änderungen in Bereich von einigen wenigen Jahren werden hier im Artikel tatsächlich als "Klimaänderungen" eingestuft. Bisher war ich immer von der Definition ausgegangen, dass Klima Langzeittrends charakterisiert, die mindestens einige Dekaden ausmachen. Und kälter soll es auch noch werden! Wenn dann noch Vulkanasche dazukommt (bisher lt. Artikel nur SO2), wird es vielleicht sogar noch frostig.
blauervogel 10.10.2014
2. Hätte, könnte, müßte, wäre!
Zweifellos sehr interessant was da in Island passiert. Aber warum immer so reißerisch, als stünde übermorgen der Weltuntergang vor der Tür. Etwas anderes wäre es natürlich, wenn der Yellowston-Vulkan oder der Lacher See aktiv würden. Da würde ich mir Sorgen machen. Wenn sich das Klima weltweit! tatsächlich abkühlen sollte, dürfte das doch sicher die Niederlande, Malediven und alle Küstenbewohner freuen.
frank.w 10.10.2014
3. Es darf nicht sein was nicht sein kann...
Wie dass? Gibt es doch einen Gott der die Menscheit mag - und die Wissenschaftler nicht? Oder ist der Glaube an die Wissenschaft falsch, der Glaube an Gott richtig? Wie sonst kann es sein, dass all die Klimakatastrophenprediger nicht Recht behalten? Die Natur regelt mehr als der Mensch je kann...!!!
theos001 10.10.2014
4.
Man könnte nun darüber witzeln, das die Natur Klimagegenmaßnahmen startet um das Werk der Menschen zu beheben. Ist ja auch nicht der einzigste Vulkan der sich in letzter Zeit geregt hat.
drmilzbrand 10.10.2014
5. Und unsere Klimapolitik lässt uns schmunzeln...
Und wenn man anderswo überall gleichzeitig von wenigen Gramm gesparten CO2 liest, hat man bei diesen Dimensionen schon fast ein Schmunzeln gegenüber "Mutter Natur" auf den Lippen...
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