Antike Apokalypse Der Untergang von Santorin

Vor 3600 Jahren zerriss eine gewaltige Eruption die Insel Thera, heute Santorin. Eine 30 Kilometer hohe Säule aus Asche und Schutt schoss in den Himmel - die Apokalypse übertraf alles, was die Menschen je erlebt hatten.

7reasons

Von "National Geographic"-Autor Hans-Joachim Löwer


Der Boden unter den Füßen der Bewohner von Thera erzitterte häufig, als kündige ein unterirdisches Monster sein Kommen an. Die Menschen auf Thera wussten nicht, welche Vernichtungskraft diese Macht haben würde. Doch dann, um 1600 v. Chr., beschädigte ein Erdbeben viele ihrer Häuser schwer. Aber das Beben war nur ein Vorspiel für das, was ein paar Wochen später passierte. Die Afrikanische Platte hatte sich so stark unter die Eurasische Platte geschoben, dass ein wahrer Höllenschlund aufriss.

Dieser apokalyptische Tag X übertraf alles, was die Menschen im Mittelmeer je an Urgewalten erlebt haben.

Es begann mit einem dumpfen Grollen einer grauschwarzen Wolke, die aus der Caldera stieg. Asche und Bimsstein regnete den Menschen in Akrotiri auf die Köpfe. Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Eine Säule von Asche und Vulkanschutt schoss in den Himmel, vermutlich mehr als 30 Kilometer hoch.

Das Meer vor der jetzt sichelförmigen Insel brodelte wie überlaufende Milch. Das vulkanische Auswurfmaterial türmte sich bis zu 60 Meter hoch, wie man heute am Caldera-Kliff von Santorin mit bloßem Auge erkennen kann. Es deckte alles zu: Menschen, Häuser - und fast alles Leben. Es vergingen Jahrhunderte, ehe auf Thera wieder jemand leben konnte.

Mit Hacke und Spaten

Das Entsetzen über Santorins Untergang schlug sich vermutlich in einem Mythos nieder, der sich von Ägypten bis nach Griechenland verbreitete. Der Philosoph Platon schrieb ihn schließlich, gut 1200 Jahre nach der Katastrophe, in seinen Dialogen "Timaios" und "Kritias" nieder. Seither geistert die Atlantis-Sage durch Forschung und Literatur - unbewiesen, aber von apokalyptischer Faszination.

Zu denen, die an einen historischen Kern der Atlantis-Sage glaubten, gehörte der griechische Archäologe Spyridon Marinatos. Er arbeitete sich von 1967 an mit Hacke und Spaten durch die 3600 Jahre alten vulkanischen Schichten, unter denen das alte Akrotiri begraben liegt. 200 Meter von der heutigen Küstenlinie entfernt stieß er bereits am ersten Grabungstag auf bronzezeitliche Gefäße. In den folgenden Jahren legte er die Strukturen von drei Häusern ganz und von etwa zehn teilweise frei.

Nach dem Tod des Forschers im Jahr 1974 wurde sein Assistent Christos Doumas zum Grabungsleiter. Unter Doumas' Leitung stießen Arbeiter mehr als 20 Meter in die Tiefe vor: 15 Meter durch Asche und Bimsschichten, sieben durch vulkanischen Fels. Dabei wurden noch einmal 20 bis 25 Häuser identifiziert, aber nicht freigelegt. "Wir müssen erhalten, was wir haben", sagt Doumas. "Wenn wir weiterhin ausgraben, zerstören wir nur die schützende Hülle." Ich streife mit dem Geophysiker Immo Trinks vom Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien durch die Stätte. Sein Team hat die Siedlung an 850 Positionen mit Laserscannern vermessen.

Die Macht der Natur

Wir stehen zwischen graubraunen Ruinen und blicken fasziniert auf Details, die erahnen lassen, welche Pracht und welcher Erfindergeist sich hier vor mehr als 3600 Jahren entfalteten. Die Menschen konstruierten in den Häusern freitragende, nicht mit der Wand verbundene Treppen aus Holz und Stein. So verringerten sie das Risiko, dass sie bei einem Beben die Wand zum Einsturz brachten.

Plötzlich erblicken wir einen finsteren Schlund - und mir wird klar, dass wir ja im oberen Bereich der Häuser umhergehen: auf dem Niveau, das Doumas bei seinen Ausgrabungen erreicht hat. "Was Sie hier unten sehen, sind alles Mauern", sagt Trinks. "Dies ist vermutlich der dritte Stock eines Hauses. Wo sonst hat es in der Bronzezeit solche Gebäude gegeben?" Was das Ludwig Boltzmann Institut gemeinsam mit der österreichischen Firma 7reasons digital darstellt, sind nicht nur Gebäude - sondern ist auch Alltagsleben mit Menschen, Tieren, Festszenen. Exakte wissenschaftliche Daten werden durch Interpretation veranschaulicht - aber immer auf Basis von Fakten.

Die Wissenschaftler vom Ludwig Boltzmann Institut wollen dieses Stück Kulturgeschichte, die Arbeit von Marinatos, Doumas und anderen nun in digitalisierter Form retten. Sie haben guten Grund, sich zu beeilen: Noch immer ist das, was in Akrotiri geschieht, der Macht der Natur unterworfen. Santorin befindet sich in einer der unruhigsten tektonischen Zonen der Welt. Hier registrieren Wissenschaftler seit Jahren die größte seismische Aktivität der ganzen Region. Ihre Daten deuten darauf hin, dass es auf Santorin schon sehr bald wieder losgehen könnte.

So hat das alte Akrotiri nur zwei sichere Plätze, an denen es die Zeit überstehen kann: tief im Boden unter der schützenden Vulkanschicht. Und auf Festplatten von Computern.


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/akrotiri.



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