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Vulkan in Italien: Forscher wollen Neapels Magmamonster anbohren

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Tief unter der Erde bei Neapel schlummert eine feurige Gefahr: Die Phlegräischen Felder gelten als einer der größten Vulkane der Welt - mitten in einem dichtbesiedelten Gebiet. Jetzt zeigt der Koloss ungewohnte Aktivität. Wissenschaftler sind alarmiert.

Phlegräische Felder: Das Monster unter Neapel Fotos
Thomas Wiersberg

Die Bohrung bei Neapel zielt mitten ins Herz einer der gefährlichsten Lavaschleudern der Welt. Es geht um die Phlegräischen Felder, ein rund 150 Quadratkilometer großes Gebiet in der Nähe der Metropole am Mittelmeer.

Das gewagte Ziel des Unternehmens: Herausfinden, wo das Magma unter dem Areal brodelt. "Wir sind bereit", sagte Projektleiter Giuseppe De Natale vom INGV-Osservatorio Vesuviano in Neapel vergangene Woche auf der Jahrestagung der Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien.

Die Phlegräischen ("Brennenden") Felder nahe Neapel sind eine gespenstische Landschaft. Aus gelbbraunen Hügeln wehen schweflige Dämpfe, die nach faulen Eiern riechen. Mancherorts schießen Fontänen heißen Wassers aus der Erde. Doch kein Vulkankegel verrät das Ungetüm. Beim letzten großen Ausbruch vor 39.000 Jahren stürzte die Erdkruste ein, nachdem sich die riesige Magmakammer entleert hatte. Zurück blieb ein Krater, die sogenannte Caldera.

In ihr liegt nun der Großteil der Metropolregion Neapel (siehe Karte links). Angesichts von 1,5 Millionen Menschen in der näheren Umgebung handele es sich um "das gefährlichste Vulkangebiet der Welt", sagt De Natale. Eine große Eruption wie vor 39.000 Jahren könne gar "weite Teile Europas" unter einer dicken Ascheschicht begraben, ergänzt Agust Gudmundsson von der University of London.

Ein Wissenschaftlerkonsortium will in den nächsten Jahren im Rahmen des International Continental Scientific Drilling Program (ICDP) und des Integrated Ocean Drilling Program (IODP) an sieben Stellen Bohrungen anbringen - sechs in den Meeresboden, eine an Land. Ziel sei es, Ausbrüche vorhersagen zu können und das Verhalten von Vulkanen zu verstehen, sagt De Natale.

Vorstoß ins Ungewisse

Die Forscher wollen Einblick in das Innere des Ungetüms erhalten und in den Bohrlöchern Messgeräte installieren. Zwar steht die Finanzierung noch nicht komplett. Doch die ersten beiden Bohrungen seien genehmigt, erklärte De Natale in Wien.

Der erste Vorstoß soll im September auf einem alten Fabrikgelände direkt an der Küste beginnen. Eigentlich war der Start schon für Dezember 2009 geplant. Doch die Bürokratie habe das Projekt verzögert, berichten Forscher. Die Planung war anspruchsvoll, Behörden mussten von den Sicherheitsvorkehrungen überzeugt werden.

Experten des Geoforschungszentrums Potsdam entwickelten eigens ein Bohrgerät, das der Hitze im Untergrund widerstehen soll. Magma erwärmt die Erdkruste im Bohrgebiet auf mehr als 500 Grad, erwarten die Experten. Doch Gefahr bestehe nicht, beruhigt De Natale. Befürchtungen von Vulkanologen, solche Bohrungen könnten Ausbrüche auslösen, bezeichnet er als "Unsinn".

Wie es im Untergrund aussieht, wissen die Forscher allerdings nur aus indirekten Beobachtungen, etwa mit Hilfe von Schallwellen, die Querschnittbilder des Bodens liefern. Die oberen Erdschichten der Phlegräischen Felder scheinen demnach uninteressant: Sie bestehen vor allem aus Kalkstein, sagt De Natale.

Was passiert, wenn die Bohrung auf Magma trifft?

Es gebe aber Hinweise auf Magma in sieben bis acht Kilometern Tiefe - und die wichtigste Frage ist laut De Natale, ob das geschmolzene Gestein auch in geringerer Tiefe schlummert. Die geplanten Bohrungen sollen bis zu vier Kilometer tief in den Boden vordringen. Damit erscheint es eher unwahrscheinlich, dass man direkt auf Magma trifft. Sollte es dennoch geschehen, wäre auch das kein Risiko, wie der Würzburger Vulkanologe Bernd Zimanowski meint. Eine Bohrung in eine Magmakammer ähnele einem "Stich in einen äußerst zähen Kuchenteig".

Eine solch schwerfällige Masse könne durch eine kleine Bohrung nicht in Wallung geraten, meint auch Christopher Kilburn vom University College London, ein leitender Wissenschaftler des Projekts. Um einen Ausbruch auszulösen, müsste "eine Kettenreaktion in einer großen Magmakammer in Gang kommen", die Gasblasen im Magma wachsen ließe und so den Druck im Untergrund stark erhöht. Ein "kleines Bohrloch" habe jedoch keinen solch großen Einfluss. Magma sei "viel zu zäh, um durch das Bohrloch zu fließen", so Kilburn.

Der Vulkan atmet

In Island jedoch ist vergangenes Jahr genau das geschehen. Ende Juni 2009 musste das Iceland Deep Drilling Project (IDDP) gestoppt werden, mit dem Erdwärmeenergie erschlossen werden sollte. Bei 2104 Metern war überraschend Magma ins Bohrloch gequollen. Mit einer kleinen Explosion hatte das heiße Vulkangemisch Bohrflüssigkeit verdampfen lassen. 2005 erschraken Forscher eines Bohrprojektes auf Hawaii, als eine Substanz mit der Konsistenz von dickem Sirup in ihr Bohrloch quoll. Auch hier mussten die Arbeiten eingestellt werden. Ansonsten blieben die Zwischenfälle aber folgenlos.

Explodieren könne das Magma ohnehin nur, wenn der Vulkan "sowieso vor dem Ausbruch" stünde, meint Kilburn. Für eine bevorstehende Eruption gebe es bei den Phlegräischen Feldern zwar keine Hinweise. Seit 1968 sei der Vulkan allerdings etwas unruhig geworden. Der Hafen der Stadt Pozzuoli habe sich seither um drei Meter gehoben; Straßen werfen Wellen.

Der Vulkan bewegt die Landschaft seit Menschengedenken. Davon zeugen drei berühmte Marmorsäulen aus der Römerzeit auf dem Marktplatz von Pozzuoli. Die Bauwerke stehen auf dem Trockenen und tragen dennoch Spuren von Muscheln. Nicht der Meeresspiegel schwankte hier so stark, sondern das Land. Wie ein unter der Erde atmender Riese heben und senken die Phlegräischen Felder das Gestein.

Mehrfach überschwemmte das Meer daher den Marktplatz von Pozzuoli. Dreimal in den vergangenen 2000 Jahren reichte das Wasser an die Muschellöcher heran, im 5., im 9. und im 14. Jahrhundert. Doch obwohl sich die Erde ständig bewegte, gab es Ausbrüche nur etwa alle 500 Jahre. Zuletzt spuckten die Phlegräischen Felder im Jahr 1538 etwas Lava und Asche; 24 Menschen sollen damals gestorben sein.

Stadt musste evakuiert werden

Bodenhebungen seien kein verlässliches Warnsignal für Vulkanausbrüche, resümiert De Natale. Vermutlich sei es nicht immer Magma, das den Untergrund hebe. Ebenso komme erhitztes Grundwasser in Frage. Als jedoch Anfang der achtziger Jahre der Boden immer heftiger bebte und Gebäude bröckelten, bekamen es die Behörden mit der Angst zu tun: Tausende Bewohner mussten die Altstadt von Pozzuoli verlassen - aus Furcht vor einer Eruption. Doch der Vulkan blieb friedlich.

Seither ist der Boden wieder abgesunken. Doch vor sechs Jahren hat er sich erneut zu heben begonnen, sagt De Natale. Viele Einwohner fragen sich nun: Was geht im Untergrund vor? Die Bohrungen sollen das Geheimnis der Brennenden Felder lüften.

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1. Prima Idee,
Klartext007 10.05.2010
Zitat von sysopTief unter der Erde bei Neapel schlummert eine feurige Gefahr: Die Phlegräischen Felder gelten als einer der größten Vulkane der Welt - mitten in einem dichtbesiedelten Gebiet. Jetzt zeigt der Koloss ungewohnte Aktivität. Wissenschaftler sind alarmiert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,693642,00.html
den Vulkan unterirdisch anzubohren. In Süddeutschland hat es sich gezeigt, wie Häuser unter der Erdwärmebohrung einfach wegbröseln. Viel Spaß. Aber bitte keine Aschewolke erzeugen, ich möchte noch in Urlaub Fliegen!
2. Titel
perpendicle, 10.05.2010
Zitat von sysopTief unter der Erde bei Neapel schlummert eine feurige Gefahr: Die Phlegräischen Felder gelten als einer der größten Vulkane der Welt - mitten in einem dichtbesiedelten Gebiet. Jetzt zeigt der Koloss ungewohnte Aktivität. Wissenschaftler sind alarmiert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,693642,00.html
Wenn man auch schon lange auf ein Erwachen des Vesuvs wartete, so scheint es doch jetzt, wo nacheinander so ziemlich alles auszubrechen scheint, was Schlote ins Erdinnere hatv , auch wohl bald soweit zu sein. Das wäre ja auch m.W. dann auch der erste richtige Ausbruch des Vesuvs seit Pompeji und ich will nur hoffen dass dieser verkehrsminister bei dem dann zu erwartenden Ascheregen auch wirklich nun ein notfalls verkehrskonzept hat, wie im Falle weiterer Flugverbote vor allem wichtige Waren sofort mit Schiffen Zügen Kühlvontainern etx transportiert werden können! Wenn nicht- muss , bzw sollte er sein Amt gleich niederlegen- wegen Unfähigkeit!! Dann haben "wir" nämlich nur Nahrungsmittel knappheit und extreme Preiserhöhungen davon zu erwarten .- Aber nur weil dann tausende Tonnen nahrungsmittel weggeworfen werden müssen. http://alien-homepage.de/earthquake_statistics_1977-2006/2010/earth_quake_statistics_%20mainframe_2010.html Das Anbohren eines Vulkans wäre vielleicht ja auch eine Option um die Brisanz solcher "Schläfer" zu entschärfen. Schon aus der antike wurde über Dädalus berichtet, dass unter anderem den Ätna angebohrt haben soll , bzw dessen Energie nützte um damit warme Quellen zu erzeugen (kurz nachdem er aus dem Labyrinth es Minos entkommen war) Im modernen Sinne hieße das geothermische Kraftwerke. Nur damit ließen sich im Nu alle Atomkraftwerke abschalten und nur sie kann den Energiehunger der Zukunft befriedigen. Man sollte sich ein Beispiel an Island nehmen, 90 % geothermische Energie. Nur der ejafiallajöküll(?) hat dort noch kein CO2 Umweltsiegel.-Island würde ja auch gerne Strom exportieren, aber... ...da stehen aber die privatwirtschaftlichen Interessen der Politiker im Berliner Parlament und dem der EU dagegen. Ob die nun für Förderungen von Solarzellenfirmen sorgen ) , an denen sie beteiligt sind ( Bärbel x- die Grünen) , überall diese grässlichen Windräder aufstellen, oder die Großen Öljunkies Mais- und Zuckerernten abgreifen, um daraus Äthanol zu gewinnen und das dann auch noch Ökologisch nennen: Sie alle haben höchstens eine Schr*** locker und den Schildbürgerpreis verdient. Nur die Natur kann machen was sie will.
3. Titel für den Beitrag
perpendicle, 10.05.2010
Zitat von Klartext007den Vulkan unterirdisch anzubohren. In Süddeutschland hat es sich gezeigt, wie Häuser unter der Erdwärmebohrung einfach wegbröseln. Viel Spaß. Aber bitte keine Aschewolke erzeugen, ich möchte noch in Urlaub Fliegen!
wusste ich noch gar nicht- gibt es da einen Artikel drüber bei SPON oder haben Sie da einen Link?? Wieviele Bohrungen gibt es da derzeit? ein oder zwei, soweit ich weiß. Vielleicht wird da ja viel gesabbert und alles unter Dampf gesetzt..Natürlich sind auch das Urgewalten und damit sollte man grundsätzlich nicht in der Nähe von Häusern oder kleinen Kindern spielen In Island funktioniert es aber, oder? Oder meinten Sie doch die Häuser die da am Rand einer ehemaligen Kohleschachts eingebrochen sind . Wo war das gleich wieder?
4. In Staufen
Klartext007 10.05.2010
Zitat von perpendiclewusste ich noch gar nicht- gibt es da einen Artikel drüber bei SPON oder haben Sie da einen Link?? Wieviele Bohrungen gibt es da derzeit? ein oder zwei, soweit ich weiß. Vielleicht wird da ja viel gesabbert und alles unter Dampf gesetzt..Natürlich sind auch das Urgewalten und damit sollte man grundsätzlich nicht in der Nähe von Häusern oder kleinen Kindern spielen In Island funktioniert es aber, oder? Oder meinten Sie doch die Häuser die da am Rand einer ehemaligen Kohleschachts eingebrochen sind . Wo war das gleich wieder?
in Südbaden werden seit 2007 Erdwärmebohrungen vorgenommen. Seit dem bekommen die Häuser dort immer stärkere Risse, teilweise sind sie kaum noch bewohnbar. Die Stadt hat das wohl mittlerweile anerkannt, sieht sich aber außerstande, die hohen Schadenersatzansprüche zu bedienen.
5. Nix Vulkan
blaubärt 10.05.2010
Zitat von Klartext007in Südbaden werden seit 2007 Erdwärmebohrungen vorgenommen. Seit dem bekommen die Häuser dort immer stärkere Risse, teilweise sind sie kaum noch bewohnbar. Die Stadt hat das wohl mittlerweile anerkannt, sieht sich aber außerstande, die hohen Schadenersatzansprüche zu bedienen.
Das hat aber Nullkommanull mit Vulkanismus zu tun, sondern damit, dass durch die Bohrung Grundwassser in (jetzt bin ich nicht sicher) Gipsschichten gelangt ist, und in Folge dessen sich das Gestein aufgebläht hat. Es gab wohl mehrere solche Fälle im Süden BaWüs und in der Schweiz.
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