Wal-Kadaver Toter Riese in Hamburgs Hafen

Zuerst hielt die Hamburger Feuerwehr die Meldung für einen Scherz: Ein Wal wurde im Hamburger Hafen gesichtet. Doch dann stellte sich heraus, dass tatsächlich der Kadaver eines Meeressäugers im Hafenbecken trieb - zwölf Meter lang, gut 13 Tonnen schwer.

Von Markus Brügge und Christina Stefanescu


Ein Löschboot der Feuerwehr schleppte den Wal-Kadaver in den Hamburger Hansa-Hafen
DDP

Ein Löschboot der Feuerwehr schleppte den Wal-Kadaver in den Hamburger Hansa-Hafen

Das Erste, was man im Hamburger Hafen bemerkt, ist der Gestank. Wer jemals im Hochsommer seine Nase in eine Biomülltonne gesteckt hat, kann erahnen, wie der Wal riecht, der im grün-braunen Wasser des Hansa-Hafens dümpelt.

Der Morgen ist herbstkalt und oktobersonnig. Günter Cords wird noch lange von diesem Tag erzählen. "Katzen im Baum hatte ich ja schon einige", sagt der Einsatzleiter der Hamburger Feuerwehr. Ein Wal aber sei ihm noch nicht untergekommen. Im Urlaub in Südafrika hat sich Cords geärgert, dass die riesigen Tiere nicht auftauchten, als er mit dem Boot zum "whale watching" fuhr. Jetzt hat er seinen ersten Wal direkt vor der Nase: zwölf Meter lang, etwa 13 Tonnen schwer - und tot.

Tiefe Wunden von Schiffsschrauben

Um 7.23 Uhr ging der Anruf bei der Feuerwehr ein: ein Wal im Hamburger Hafen. Von einem Schwimmkran aus war das tote Tier gesichtet worden, und die Wehr schickte ein Löschboot - "obwohl wir natürlich zuerst an einen Scherz gedacht haben", wie Peter Braun sagt. Braun ist Pressesprecher der Hamburger Feuerwehr, seit 1973 im Dienst - und hat noch nie einen Wal aus der Nähe gesehen. Jetzt steht er fünf Meter neben dem Kadaver, streicht sich über seinen Kaiser-Wilhelm-Schnauzer und versucht zu erklären, wie ein Wal in den Hamburger Hafen kommt.

Dabei war anfangs noch nicht einmal klar, was für eine Wal-Art dort am Kai trieb. Kopf und Schwanzflosse des Riesen lagen unter Wasser, nur der weiße, von Verwesungsgasen aufgeschwemmte Bauch ragte heraus. An manchen Stellen ist die Haut abgeschürft und blassrot, seitwärts schneiden zwei dunkelrote Kerben tief ins Fleisch. Ob es die Schiffsschrauben waren, die das Tier töteten, oder ob es schon verendet die Elbe hochtrieb - Braun kann nur spekulieren.

Immerhin hat Greenpeace ihm per Ferndiagnose schon ein paar mögliche Erklärungen geliefert. "Er könnte von den Gezeiten hergetrieben worden sein oder er wurde im Sog eines Schiffs mitgezogen", sagt Braun. Später wird sich herausstellen, dass es sich bei dem toten Tier - wie von den Umweltschützern vermutet - um einen jungen Finnwal handelt.

Inzwischen stehen ein gutes Dutzend Hafenarbeiter zwischen den Feuerwehrmännern, den Kamerateams, den Fotografen, Krankenwagenfahrern und Tierärzten. Ina Langer, die sonst für das Veterinäramt die Fleischeinfuhr überwacht, beugt sich über den Rand des Hafenbeckens. "Das ist schon traurig, dass wir den hier finden - hundert Kilometer von der Nordsee entfernt." Sie schüttelt den Kopf und dreht das Gesicht zur Seite, als eine Bö den Geruch des Kadavers noch oben weht.

Feuerwehr-Kran birgt den Kadaver

Toter Wal: Vermutlich von Schiffsschrauben getötet
DPA

Toter Wal: Vermutlich von Schiffsschrauben getötet

Woher der tote Riese stammt, was ihn tötete, wie er herkam: Einsatzleiter Cords hat andere Sorgen. Taucher sollen runter, um die genaue Größe des Wals zu bestimmen. Karsten Schulz, einer der Taucher, birgt normalerweise Ertrunkene aus den Hamburger Badeseen oder repariert kleinere Schäden an den Löschbooten. Wenn Schulz aus dem Hafenbecken wieder auftaucht, wird Cords wissen, ob die Bergung des Wals einfach sein wird - oder ein Problem.

Ein Feuerwehr-Kran soll das Tier aus dem Wasser wuchten - doch mehr als maximal 16 Tonnen bei einer Auslegung von zehn Metern schafft auch der nicht. Cords und seinen Leuten fehlt ein Netz, in das sie den tonnenschweren Körper legen könnten. "Solche Netze gab es früher, als die Waren noch nicht per Container verladen, sondern per Kran von Schiff zu Schiff gehievt wurden." Die Feuerwehr versucht, ein passendes Netz auf die Schnelle zusammenbauen zu lassen.

Immer öfter gestrandete Wale in der Nordsee

Iris Menn und Thilo Maack sehen nicht schockiert aus, als sie über den Rand des Kais schauen. Vielleicht liegt es daran, dass es nicht ihr erster toter Wal ist. Die Meeresbiologen von Greenpeace haben schon viele verendete Riesen gesehen. "1997, da waren es sieben Kadaver im Wattenmeer", sagt Iris Menn. An den Gestank kann man sich wohl dennoch nie gewöhnen. Während sie und Maack in einem Bestimmungsbuch blättern, presst sich Iris Menn ihr buntes Halstuch fest vor die Nase.

Dass ein Wal im Hamburger Hafen auftaucht, ist zwar auch für Maack ein besonderes Erlebnis - wirklich wundern aber kann er sich nicht darüber. "Die Zahl der verirrten oder gestrandeten Wale hat in den letzten zehn, zwanzig Jahren drastisch zugenommen." Die Nordsee sei eben kein sehr freundlicher Ort für die friedlichen Riesen: "Ständiger Unterwasserlärm durch Ölplattformen, Überfischung, Verschmutzung." Aber dass ein Wal dieser Größe angetrieben wird, ist für Maack ein trauriger Höhepunkt. Tote Schweins- und Entenwale, kleine Tiere, die gab es immer mal wieder im Hafen. Der letzte Finnwal soll in den Dreißigern in Hamburg gesehen worden sein - lebend.

Am späten Nachmittag dieses kalten, sonnigen Herbsttages zieht der rote Feuerkran den toten Koloss schließlich aus dem Hafenbecken. Viel wird von ihm nicht übrig bleiben, jetzt, da er geborgen ist. Ein Pathologe wird ihn untersuchen, Zoologen haben ihr Interesse angemeldet. Später wird man den Kadaver zerteilen und in einer Tierkörperbeseitigung in Niedersachsen verbrennen. Nur der Kopf und die Barten, die Hornplatten am Maul, sollen im Zoologischen Institut Hamburg präpariert und ausgestellt werden.

Greenpeace würde gerne die Speckschicht des Tieres untersuchen - in ihr lagern sich die meisten Gifte ab. "Eigentlich", sagt Iris Menn, "müssten Wal-Kadaver als Sondermüll deklariert werden."



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