Streit um Buchen: Luftbilder sollen Abholzung von Bayerns Wald belegen

Wie intensiv dürfen Deutschlands Wälder genutzt werden? Über diese Frage streiten Umweltschützer und Förster seit einigen Wochen besonders erbittert in Bayern. Nun wollen die Öko-Aktivisten mit Luftbildern belegen, dass schützenswerte Waldgebiete misshandelt werden.

Buchenwälder in Bayern: Bilder der Zerstörung Fotos
Andreas Varnhorn / Greenpeace

Berlin - In Bayerns Wäldern ist es seit einiger Zeit mit dem Frieden vorbei. Umweltschützer kritisieren, dass staatliche Behörden und die private Forstfirma Bayerische Staatsforsten (BaySF) in Unterfranken wertvolle Buchen im Namen des Holzgeschäfts opferten. "Unsere heimischen Naturschätze werden auf den internationalen Holzmärkten zu Dumpingpreisen verramscht", beklagt Gesche Jürgens, Waldexpertin von Greenpeace. Waldbesitzer werfen den Umweltschützern wiederum vor, sie hätten 2000 frisch gepflanzte Douglasien widerrechtlich entfernt.

Bei dem Streit geht es vor allem um die Buchenwälder im Spessart. Die für Klima- und Artenschutz wichtigen Gebiete werden nach Ansicht der Umweltschützer zu stark gerodet und durch schnell wachsende Arten wie die Douglasie ersetzt. Greenpeace rechnet vor, dass Bayern im vergangenen Jahr rund 75.000 Tonnen Holz direkt nach China exportiert habe. Nur 36 Prozent des in Bayern insgesamt eingeschlagenen Laubholzes sei im Bundesland verblieben. BaySF wiederum verweist darauf, dass die Holzvorräte in den betreffenden Waldgebieten beständig zunehmen.

Die Umweltschützer hatten den Wald in den vergangenen Wochen aufwendig kartiert - weil sie von der Forstverwaltung die gewünschten Daten nicht erhalten hätten. Nun klagt Greenpeace vor dem Verwaltungsgericht in Regensburg die Herausgabe der offiziellen Aufzeichnungen ein und beruft sich auf das Umweltinformationsgesetz. Bei einer Protestaktion hatten Aktivisten außerdem 2000 frisch gepflanzte Douglasien ausgegraben und durch Buchen ersetzt. Der Chef des bayerischen Waldbesitzerverbands, Sepp Spann, sprach daraufhin von "Selbstjustiz" und "Ökoterrorismus".

Die BaySF - 805.000 Hektar bewirtschaftete Fläche, rund 2.800 Beschäftigte - erstatteten Strafanzeige nach der Aktion. "Die selbsternannten Waldretter sollen deutlich merken, dass wir bei Sachbeschädigung keinen Spaß verstehen", erklärte Firmenchef Rudolf Freidhager. Die "kleinflächige Beimischung" von Douglasien sei "angesichts des Klimawandels forstfachlich sinnvoll und rechtlich nicht zu beanstanden", so BaySF.

"Alte Laubwälder in Industrieforste umgewandelt"

Nun legen die Umweltschützer im Streit mit dem Forstbetrieb nach: Am Donnerstag befestigten Kletterer an der BaySF-Zentrale in Regensburg ein elf mal sechs Meter großes Protestbanner. Außerdem veröffentlichte Greenpeace Luftbilder der betroffenen Wälder. Sie zeigten, dass "die Forstwirtschaft immer intensiver in ökologisch wertvollste Waldflächen" vordringe und "systematisch alte Laubwälder in Industrieforste" umwandele, so die Organisation.

Ein dichtes Netz aus Schneisen sei aus der Luft deutlich zu erkennen. "Die schweren Maschinen, mit denen der Wald bewirtschaftet wird, haben vielerorts bereits etwa 20 Prozent des sensiblen Waldbodens zerstört", beklagt Gesche Jürgens. "Das nimmt der Vorstand der BaySF billigend in Kauf. Aber beim Schutz von nur zehn Prozent der öffentlichen Wälder läuft er Sturm."

Nach der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) aus dem Jahr 2007 sollen zehn Prozent der Wälder ohne Bewirtschaftung sich selbst überlassen bleiben. Nach Angaben des Bundes für Naturschutz Bayern liegt das Land hier aber bei gerade einmal zwei Prozent.

Die aktuell veröffentlichten Greenpeace-Bilder entstanden im März - und genau deswegen würde der Wald vielfach so licht aussehen, kontert BaySF-Sprecher Philipp Bahnmüller. "Würde man in ein, zwei Wochen den Flug machen, dann würde man nur grün sehen." Zum Teil würden Buchen allerdings gezielt "ausgelichtet" - um Platz für Eichen zu schaffen, wie Bahnmüller sagt: "Die hätten sonst keine Chance gegen die Buche."

Auch das Argument mit den 20 Prozent zerstörtem Waldboden will der BaySF-Sprecher nicht gelten lassen. Im Umkehrschluss blieben nämlich 80 Prozent des Waldbodens unangetastet: "Das ist ein Merkmal einer vorbildlichen, naturnahen Forstwirtschaft."

Im Herbst 2010 hatte die Unesco einige alte Buchenwälder in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen und Hessen zum Weltnaturerbe erklärt. Umweltschützer kritisieren, dass diese Flächen nicht ausreichen, um die Artenvielfalt ausreichend zu schützen.

chs

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1.
freigeist56 26.04.2012
Der Baum steht Jahrzehnte lang so rum. Völlig wertlos für die Brieftasche - Besonders in Bayern - machen wir doch Baugrundstücke daraus - Das bringt Kohle und den Rest betonieren wir zu - das ist Pflegeleicht - Ja das habe ich schön öfters gehört in Bayern...
2. Wie nett, dass...
ginfizz53 26.04.2012
Zitat von sysopAndreas Varnhorn / GreenpeaceWie intensiv dürfen Deutschlands Wälder genutzt werden? Über diese Frage streiten Umweltschützer und Förster seit einigen Wochen besonders erbittert in Bayern. Nun wollen die Öko-Aktivisten mit Luftbildern belegen, dass schützenswerte Waldgebiete misshandelt werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,829749,00.html
... sich die Waldexpertin Sorgen um zu geringe Erlöse der Staatsforsten macht... Aber vielleicht ist das ja auch die Rache der Bayern gegenüber Dumpingpreisen für chinesische Produkte...
3. Selbstgerechte Öko-Terroristen
Maynemeinung 26.04.2012
Zitat von sysopAndreas Varnhorn / GreenpeaceWie intensiv dürfen Deutschlands Wälder genutzt werden? Über diese Frage streiten Umweltschützer und Förster seit einigen Wochen besonders erbittert in Bayern. Nun wollen die Öko-Aktivisten mit Luftbildern belegen, dass schützenswerte Waldgebiete misshandelt werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,829749,00.html
Da werden also Setzlinge eingepflanzt, die nicht dem Gusto von Greenpeace entsprechen, und prompt lassen die Ökoterroristen ihre SA aufmarschieren, die die Bäumchen wieder ausreißt. Weil ja nur Greenpeace weiß, was gut für Natur und Mensch ist (auch wenn dafür schon mal Zahlen manipuliert werden müssen). Hoffentlich gibt es noch Richter in Bayern, die dieses selbstherrliche Treiben angemessen bestrafen.
4.
muellerthomas 26.04.2012
Zitat von sysopAndreas Varnhorn / GreenpeaceWie intensiv dürfen Deutschlands Wälder genutzt werden? Über diese Frage streiten Umweltschützer und Förster seit einigen Wochen besonders erbittert in Bayern. Nun wollen die Öko-Aktivisten mit Luftbildern belegen, dass schützenswerte Waldgebiete misshandelt werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,829749,00.html
Das scheint nicht nur Bayern zu betreffen. In NRW werden derzeit auch viele Wälder "gelichtet", weil das angeblich gut ist für den Wald. Und offenbar nicht nru für den Wald, auch an vielen Straßen werden seit einigen Monaten die Baumbestände abgeholzt. Offenbar haben die Gemeinden und Länder hier eine Geldquellte entdeckt, die sich nun rumspricht.
5.
exminer 26.04.2012
Wenn der letzte Fisch gefangen und der letzte Baum gefällt ist, werden wir sehen,daß man Geld nicht essen kann. Und ich denke wir sind auf dem besten Weg dort hin!
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