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Wald-Zukunft: Deutschland sucht den Superbaum

Von Jochen Bölsche

Die Fichte, Waldbaum Nummer eins, ist dem Klimawandel nicht gewachsen. Das Umweltbundesamt fahndet nach resistentem Ersatz – doch Buche und Eiche sind durch Luftschadstoffe bereits schwer geschädigt. Plötzlich macht ein seit Jahren vergessenes Wort erneut die Runde: Waldsterben.

Anfang der achtziger Jahre war der Begriff bundesweit in aller Munde, und selbst im Ausland ging "the waldsterben" und "le waldsterben" in den Sprachgebrauch ein.

Dann aber sank die Vokabel für zwei Jahrzehnte in die Vergessenheit ab – schließlich standen ja überall noch Wälder, und überhaupt: "Irgendwann waren andere Themen halt einfach sexier", wie voriges Jahr die "Frankfurter Allgemeine" über das Phänomen schrieb, von dem man "lange nichts gehört" habe.

Doch urplötzlich ist das verdrängte Wort wieder da - auch in der "FAZ": Der Klimawandel, schwant dem Blatt, könne Schadinsekten derart fördern und Bäume derart schwächen, "dass es zu einem vermehrten Waldsterben kommen kann".

Die "Frankfurter Rundschau" echot: "Waldsterben geht weiter." Und aus Baden-Württemberg meldet die "Stuttgarter Zeitung": "Das Waldsterben lässt sich im ganzen Land registrieren."

Was ist passiert? "In der Forstwirtschaft nimmt man zur Kenntnis, dass der Klimawandel bereits begonnen hat und sich auf unbestimmte Zeit fortsetzen und verstärken wird", sagt Christian Kölling, einer der führenden bayrischen Forstexperten.

Bei einem Krisen-Symposium des Umweltbundesamtes berichtete Kölling unlängst über den massenhaften Niedergang der "besonders empfindlichen" Fichte, die "im großen Umfang außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets angebaut" wurde und nun im Zuge eines "rechtzeitig eingeleiteten Waldumbaus" ersetzt werden müsse.

Aber was soll an die Stelle der Fichte treten?

Plötzlich richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf den alljährlich veröffentlichten Waldzustandsbericht, dessen Nachrichtenwert in den letzten zwei Jahrzehnten allmählich gegen Null gegangen war, weil er stets dasselbe mitteilte: Den Waldbäumen gehe es weiterhin schlecht, an eine Entwarnung sei nicht zu denken.

Buche ist Hauptopfer der Luftverschmutzung

Das gilt auch für die Buche, das "wichtigste Element des natürlichen Waldkleides unseres Landes" (Kölling). Dieser Laubbaum, der 15 Prozent der deutschen Waldfläche prägt, wurde im 19. Jahrhundert von Forstwissenschaftlern noch als "Mutter des Waldes" gefeiert. Und noch gegen Ende des 20. Jahrhunderts galt er in der Fachliteratur als "erfolgreichste Pflanzenart Deutschlands und Mitteleuropas".

Doch auch der häufigste Laubbaum in den hiesigen Wäldern ist heutzutage schwer geschädigt. Nach dem jüngsten Waldzustandsbericht, den das Berliner Agrarministerium im Januar vorgelegt hat, weist die Buche von allen Baumarten den höchsten Flächenanteil mit deutlichen Kronenverlichtungen auf. Mit 48 Prozent ist sie, vor der Eiche (44 Prozent), das Hauptopfer von Luftverschmutzung, Bodenversäuerung und Trockensommern – und damit kaum mehr jener verzweifelt gesuchte Superbaum, der den Wald vor dem Klimawandel retten könnte.

Ursache des Dauerstresses, dem auch die Laubbäume ausgesetzt sind, ist nach Ansicht der Experten ein tückisches Zusammenwirken des Klimawandels mit einigen jener seit langem bekannten Luftgiften, die in den achtziger Jahren die Angst vor einem flächendeckenden Waldsterben ausgelöst haben.

Massenproteste der Bevölkerung, Gesetzesinitiativen der Regierung und Millioneninvestitionen der Industrie haben dafür gesorgt, dass die damals heftig diskutierten Worst-case-Szenarien nicht Wirklichkeit wurden: Der Einbau von Entschwefelungsanlagen und, in den Neunzigern, die Schließung von Dreckschleudern in der einstigen DDR haben den Ausstoß des Baumkillers Schwefeldioxid drastisch reduziert und dem Wald zu einer Atempause verholfen.

Doch eine andere Belastung hielt an: Der Eintrag von Stickoxiden, vor allem aus der wachsenden Automobilflotte und aus der Landwirtschaft, übersteigt in vielen Wäldern weiterhin die Toleranzschwelle, wie der Vorsitzende der europäischen Expertengruppe Waldzustandserhebung, der Göttinger Professor Johannes Eichhorn, resümiert.

Das "Eiserne Gesetz des Örtlichen"

Trotz aller Ergänzungskalkungen haben die sauren Schadstoffe die Waldböden und das Wurzelsystem der Bäume vielerorts dauerhaft beeinträchtigt - "der Boden hat ein jahrzehntelanges Gedächtnis", wie die grüne Agrarpolitikerin Renate Künast formuliert. In den extremen Hitzesommern der letzten Jahre hat sich in den vorgeschädigten Beständen das Risiko vervielfacht, von Pilzen und Käfern befallen zu werden.

"Dem Wald geht's so schlecht wie nie zuvor", meldete der Düsseldorfer Umweltminister Eckard Uhlenberg nach der jüngsten Waldinventur in Nordrhein-Westfalen, wo nur noch jeder vierte Baum gesund ist.

Bei der Suche nach dem Baum der Zukunft, der das marode Fichten-Einerlei ersetzen könnte, müssen die Forstwissenschaftler angesichts der allgemeinen Verschlechterung des Waldzustandes mehr denn je die althergebrachte Grundregel des Waldbaus beachten, das so genannte "Eiserne Gesetz des Örtlichen". Soll heißen: Der Bestand muss zum Standort passen.

So warnen die Experten des Umweltbundesamtes davor, die Feuchtigkeit liebende Buche in solche Nadelbaumbestände einzubringen, die "bereits heute Grenzbedingungen für Buchenwälder aufweisen". Dort könne auf Eiche oder Hainbuche ausgewichen werden.

Für trockene Standorte empfiehlt auch die Landwirtschaftskammer Niedersachsen angesichts des erwarteten Temperaturanstiegs eher die Eiche. Denn die reiche "in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet deutlich weiter in den submediterranen Raum als die Buche".

Doch auch dieser Rat hat einen Haken: Der Gesundheitszustand der deutschen Eiche, die verstärkt von einem Schadpilz namens Phytophthora befallen wird, ist laut Landwirtschaftskammer "sehr bedenklich". In Belgien sind bereits zwei von drei Eichen mit diesem Pilz infiziert.

Lesen Sie demnächst den 3. Teil dieser Serie: Vorwärts in den Wald von gestern

Zum 1. Teil der Serie über den deutschen Wald: Der Angriff der Killerkäfer

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