Flug nach Italien Waldrappe teilen sich die Führungsarbeit

Jeden Herbst fliegen Waldrappe von Deutschland in die Toskana. Dass den seltenen Vögeln die kräftezehrende Reise gelingt, haben sie auch ihrem Teamgeist zu verdanken: Intuitiv teilen sie sich die anstrengende Führungsarbeit auf dem weiten Flug.

Markus Unsöld

Noch vor gut zehn Jahren gab es keine Waldrappe mehr in Mitteleuropa. Seither versucht das Artenschutzprojekt Waldrappteam, die Tiere in Deutschland und Österreich wieder in freier Wildbahn anzusiedeln. Mit Ultraleichtflugzeugen bringen die Vogelschützer den Jungtieren ihre Flugrouten ins Winterquartier in der Toskana bei. Einzelne Tiere haben den Rückweg bereits allein geschafft.

Dass die Wiederansiedlung der Waldrappe gelingt, liegt offenbar aber auch am Teamgeist der Vögel. Obwohl es ihnen niemand gezeigt hat, teilen sie sich auf ihren langen Reisen intuitiv die anstrengende Führungsarbeit, berichten Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Sparsame V-Formation

Wie viele Zugvögel, fliegen Waldrappe in V-Formation. Modellen zu Folge ist so eine Energieersparnis von bis zu 20 Prozent möglich. Der Trick: Die hinteren Tiere nutzen den Aufwind, der durch den Flügelschlag des Vogels an der Gruppenspitze entsteht. Dass Waldrappe ihren Flügelschlag und die Position dabei exakt aufeinander abstimmen, konnte Johannes Fritz vom Waldrappteam gemeinsam mit Kollegen bereits im Januar 2014 zeigen. Nun hat der Waldrapp-Experte den Vogelflug erneut untersucht.

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Waldrappe in Europa: Rückkehr eines Vielfliegers
Im Herbst statteten Fritz und Kollegen 14 Wandrappe mit GPS-Sendern aus. Mit den Geräten konnten sie die Positionen der Vögel zueinander exakt bestimmen. Alle Tiere waren zur Aussiedlung per Hand im Salzburger Zoo großgezogen worden. Die Gruppe aus drei Geschwisterpaaren und acht nicht verwandten Vögeln wurde mit einem Ultraleichtflugzeug nach Italien begleitet.

Keine Chance für Drückeberger

Laut Datenauswertung verbrachten die Waldrappe 32 Prozent der Flugzeit im Aufwind eines vorausfliegenden Waldrapps. Allerdings flogen sie immer nur kurze Zeit am Stück in der gleichen Position. Immer wieder wechselten sie das Führungstier und die Führungsposition. Auf einer Strecke von 39 Kilometer registrierten die Forscher zwischen 167 und 315 Positionswechsel pro Vogel. Meist splittete sich die Vogelgruppe in mehrere Zweierformationen, maximal in Gruppen von zwölf Tieren.

Unabhängig von der Formationsgröße achteten die Vögel penibel darauf, dass die Führungsarbeit gerecht verteilt wurde. Jeder Waldrapp verbrachte in etwa die gleiche Zeit im Aufwind eines voranfliegenden Artengenossen, wie dieser Artgenosse auch in seinem Aufwind fliegen durfte. Und das unabhängig davon, ob die Vögel verwandt waren oder nicht. Statt auf Verwandtschaft oder Bekanntschaft zu achten, scheinen die Waldrappe einfach mit dem Vogel zu tauschen, der gerade in der Nähe fliegt.

"Der Flug in V-Formation ist nicht nur ein überzeugendes Beispiel für wechselseitigen Altruismus bei Tieren, sondern liefert auch Hinweise auf die Umstände, unter denen er sich evolutionär durchgesetzt haben könnte", schreiben die Forscher. Bereits vor 40 Jahren hatten Wissenschaftler selbstloses Verhalten bei Tieren als entscheidende Grundlage dafür beschrieben, dass nützliche Kooperationen zwischen Artgenossen entstehen. Direkte Beweise sind bis heute allerdings rar.

Mühsame Auswilderung

Vor dem Menschen konnte der Teamgeist die Waldrappe nicht schützen. Sie gehören zu den am stärksten bedrohten Vogelarten weltweit. Bis ins 17. Jahrhundert waren die Vögel in Europa verbreitet. Doch weil das Fleisch als Delikatesse galt, wurden Waldrappe in Massen gejagt - bis zum Aussterben in freier Wildbahn.

Derzeit werden Waldrappe noch in Italien geschossen - wenn auch illegal. Im Juni 2014 schoss ein Unbekannter erstmals auch auf einen Waldrapp in Österreich. Das Tier aus der Brutkolonie im bayerischen Burghausen wurde verletzt aufgefunden und musste vom Tierarzt behandelt werden.

Neben der Kolonie in Burghausen betreut das Waldrappteam eine zweite Gruppe bei Salzburg in Österreich. Die aufwendige Auswilderung der Vögel und die begleiteten Flüge in die Toskana werden seit Anfang 2014 durch die EU im Rahmen des "Life+"-Programms gefördert. Bis 2019 sollen laut Projektziel 120 Waldrappe selbstständig nach Italien und zurück fliegen.

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Waldrapp als Zielscheibe: Seltener Vogel unter Beschuss

jme



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