Zugvögel: Flugexperiment zeigt Energiegeheimnis der V-Formation

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Markus Unsöld/ Waldrappteam

Zugvögel fliegen oft in der typischen V-Formation, und die ist noch ausgeklügelter als gedacht: Die Tiere stimmen ihren Flugrhythmus exakt aufeinander ab, um Aufwinde zu nutzen und Energie zu sparen. Ein Praxistest mit Waldrappen offenbart die erstaunliche Effizienz der Vögel.

Zugvögel müssen mit ihren Kräften haushalten. Hunderte, manchmal sogar Tausende Kilometer legen sie zwischen Brutplätzen und Winterquartier zurück. Jede unnötige Anstrengung beim Flug geht an die Substanz.

Dass die V-Formation von Vorteil ist, erscheint logisch. Bis zu 20 Prozent Energieersparnis sind Modellen zufolge drin, wenn die Tiere Aufwinde nutzen, die der Vogel schräg vor ihnen erzeugt. Doch bewiesen war das bisher nicht. Und es gab Gegenstimmen: Die dafür nötige Genauigkeit sei schwer zu erreichen. Kostet sie am Ende mehr, als die Energieeinsparung durch das Nutzen des Aufwindes einbringt?

Extrem leichte Messgeräte

Ein Team um Steven Portugal von der University of London hat nun die Frage mit einem Experiment beantwortet. Sie statteten eine Gruppe junger Waldrappen mit extra für diesen Zweck entwickelten Messgeräten aus. Per GPS ermittelten sie die Position jedes Vogels bis auf 30 Zentimeter genau, mit einem Beschleunigungssensor überwachten sie seinen Flügelschlag. Die Geräte wiegen nur 23 Gramm - "das Gewicht ist sehr wichtig, weil zu schwere Geräte den natürlichen Flug der Vögel beeinträchtigen", sagt Portugal. Der Waldrapp selbst wiegen im Schnitt 1,3 Kilogramm.

Die Zugvögel halten sich laut der im Fachmagazin "Nature" veröffentlichten Studie sehr genau an das im Modell vorhergesagte Muster. Das heißt, sie stimmen Flügelschlag und Position exakt aufeinander ab. Allerdings ist die Struktur des Schwarms dynamisch. Einzelne Vögel wechseln immer wieder die Position, auch die an der Spitze wird oft neu besetzt.

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Waldrappe in Europa: Rückkehr eines Vielfliegers
Portugal und seine Kollegen waren vor dem Experiment skeptisch bezüglich der Energiesparthese, aber die Daten überzeugten sie. "Die Waldrappe können entweder spüren oder sogar vorhersagen, wo Auf- und Abwinde sind", sagt Portugal.

Wie das den Vögeln gelingt, lässt sich schwer erforschen. Portugal nennt drei Möglichkeiten.

  • Erstens könnten sie schlicht beobachten, was die Vögel vor ihnen machen und ihren Flug anpassen.
  • Zweitens könnten sie über ihre Federn möglicherweise Druckveränderungen und Ähnliches wahrnehmen.
  • Oder drittens könnten sie den optimalen Flug durch Versuch und Irrtum erreichen - indem sie einfach losfliegen und dann in der Position und bei dem Flügelschlagrhythmus bleiben, der das Vorankommen am leichtesten macht.

Wiederansiedlung in Europa

Möglich war das Experiment auch, weil die untersuchten Waldrappe ganz besondere Vögel sind - bei denen die Forscher problemlos Messgeräte an- und ablegen können. Geronticus eremita, ein zu den Ibissen zählender Schreitvogel, wurde in Europa schon vor Jahrhunderten ausgerottet. Sein Fleisch war eine begehrte Delikatesse, die Waldrappe wurden in Massen gejagt. Die Wiederansiedlung in Europa begann vor einigen Jahren. Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie hat das Waldrappteam eine Brutkolonie im bayerischen Burghausen sowie bei Salzburg in Österreich etabliert. Beide Gruppen überwintern in Italien, in der südlichen Toskana. Eine weitere Brutkolonie solle angesiedelt werden, sagt Johannes Fritz vom Waldrapp-Team. Diese werde entweder in Baden-Württemberg oder in Bayern liegen. Seit Anfang 2014 wird die Wiederansiedlung des Waldrapps von der EU im Rahmen des "Life+"-Programms gefördert.

Um die Ibisse wieder anzusiedeln, war es notwendig, eine Flugroute zu etablieren. Deshalb haben die Forscher in den vergangenen Jahren kleine Waldrapp-Gruppen mit dem Leichtflugzeug beim Zug ins Wintergebiet angeführt. Inzwischen finden einige Vögel den Weg schon allein - sie überqueren, ebenso wie ihre Kinder und Enkel, selbstständig die Alpen. Um die Population zu vergrößern, werden jedoch weitere in Zoos aufgezogen und an den Menschen gewöhnte Waldrappe per Leichtflugzeugbegleitung auf den rechten Weg gebracht. Bis 2019, so ein Projektziel, soll die Population aus mindestens 120 Vögeln bestehen.

Von Wilderern bedroht

Dabei droht dem Waldrapp leider das, was schon vor Jahrhunderten sein Aussterben in Europa besiegelte: Wilderer. Insbesondere in Italien sind die Vögel gefährdet, obwohl auch dort das Abschießen der vom Aussterben bedrohten Vögel verboten ist. Informationskampagnen sollen helfen, Jäger davon abzubringen. Und Abschreckung. Ein Jäger, der im Herbst 2012 zwei Waldrappe abgeschossen haben soll - laut Fritz hat er das der Polizei gestanden -, muss sich nun nicht nur in einem Strafverfahren verantworten. Man bereite eine anschließende Zivilklage auf Schadensersatz vor, sagt Fritz. Es soll um mindestens 10.000 Euro gehen. "Als zusätzliche Abschreckung für den kleinen Teil der Jäger, die sich nicht an die Gesetze halten."

Kleine, leichte GPS-Sender helfen deshalb nicht nur bei der Erforschung ihres Fluges, sondern auch beim Schutz der Tiere: So können die Forscher den aktuellen Standpunkt ihrer Vögel immer ermitteln - und besser auf sie aufpassen.

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1.
rainer_humbug 15.01.2014
Zitat von sysopZugvögel fliegen oft in der typischen V-Formation, und die ist noch ausgeklügelter als gedacht: Die Tiere stimmen ihren Flugrhythmus exakt aufeinander ab, um Aufwinde zu nutzen und Energie zu sparen. Ein Praxistest mit Waldrappen offenbart die erstaunliche Effizienz der Vögel. Waldrapp-Experiment offenbart Effizienz der V-Formation von Zugvögeln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/waldrapp-experiment-offenbart-effizienz-der-v-formation-von-zugvoegeln-a-943532.html)
Was die Dame aus dem Risikokapitalmanagement mit ihrer "75 Stunden-Non-Stop-Hardcore-Konferenz Woche" wohl darüber sagen würde?
2. an vermeintlich empfindliche strafen
hannns 15.01.2014
ist man in italien gewöhnt, man sehe nur einmal nach was es kostet ein auto vor den losfahren warmlaufen zu lassen. leider schrecken hohe strafen kaum ab. wenn etwas mit so hohen strafen belegt wird deutet das eher auf eine laxe verfolgung durch die behörden hin und ist eher aktionismus. bitte nicht falsch verstehen, das ist eine aussage über die ital. behörden über nichts anderes!
3.
Stäffelesrutscher 15.01.2014
Zitat von rainer_humbugWas die Dame aus dem Risikokapitalmanagement mit ihrer "75 Stunden-Non-Stop-Hardcore-Konferenz Woche" wohl darüber sagen würde?
Sie würde sagen: Donnerwetter, die haben eine 168-Stunden-Arbeitswoche! Das mit dem Ablösen an der Spitze (»belgischer Kreisel«) würde ihr allerdings nicht gefallen ...
4. Die etablierte Kolonie in Österreich ist
glass88 15.01.2014
in Grünau im Almtal, ca. 80 km weg von Salzburg
5. Unglaublich! Wer hätte das gedacht...?
tylerdurdenvolland 15.01.2014
Zitat von sysopZugvögel fliegen oft in der typischen V-Formation, und die ist noch ausgeklügelter als gedacht: Die Tiere stimmen ihren Flugrhythmus exakt aufeinander ab, um Aufwinde zu nutzen und Energie zu sparen. Ein Praxistest mit Waldrappen offenbart die erstaunliche Effizienz der Vögel. Waldrapp-Experiment offenbart Effizienz der V-Formation von Zugvögeln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/waldrapp-experiment-offenbart-effizienz-der-v-formation-von-zugvoegeln-a-943532.html)
Man muss schon Wissenschaftler sein um sowas nicht schon als Kind von seinen Eltern erklärt zu bekommen. Jeder der den Wind beobachtet, wir er Dinge durch die Liuft bewegt, sieht das bei durchschnittlicher Intelligenz selber. Die anderen dachten wohl die Vögel fliegen so, weil sie wissen, dass das für Menschen unten am Boden so echt eindrucksvoll aussieht, gell?
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Hässliches Entlein, schöner Schwan