Meeressäuger Darum wurden Wale so riesig

Wale sind die größten Tiere der Welt. Nun haben Forscher untersucht, warum die Meeressäuger ihre Körperlänge innerhalb kurzer Zeit mehr als verdoppelt haben. Schuld war demnach die Temperatur im Meer.

Buckelwal vor Alaska
NOAA

Buckelwal vor Alaska


Nicht mal die Dinosaurier können da mithalten. Blauwale sind die größten Tiere, die jemals auf der Erde gelebt haben. Die größten Dinosaurier reichen zwar mit ihrer Länge von mehr als 30 Metern an sie heran, nicht aber mit ihrem Gewicht, das bei Blauwalen bis zu 140 Tonnen betragen kann. Wie konnte es dazu kommen? Warum haben sich die Meeressäuger vor zwei bis drei Millionen Jahren zu solchen Giganten entwickelt?

Wissenschaftler vom Smithsonian National Museum of Natural History in Washington und der Universität von Chicago wollen eine Antwort gefunden haben: Kaltes, nährstoffreiches Wasser vermuten Nicholas Pyensonals und seine Kollegen als Grund für das enorme Wachstum.

Durch die Eigenschaften des Wassers hätte sich die Nahrung der Tiere an einigen Stellen so stark vermehrt, dass die Meeresgiganten evolutionäre Vorteile gehabt hätten, schreiben die Forscher im Fachjournal "Proceedings B"der britischen Royal Society.

Bartenwale, zu denen auch die großen Blauwale gehören, ernähren sich hauptsächlich von tierischem Plankton wie kleineren Krebsen (Krill). Täglich filtern sie mit ihren Barten bis zu dreieinhalb Tonnen Krill aus dem Wasser. Es ist bekannt, dass einige Arten bereits vor 30 Millionen Jahren lebten. Doch wann und weshalb die Tiere so groß wurden, ist unter Meeresbiologen umstritten.

Von zwölf auf 30 Meter gewachsen

Pyenson fand 2011 heraus, dass die Größe der Jochbeinknochen von Walschädeln ein guter Hinweis auf die Größe des gesamten Tiers ist. Auf dieser Basis und mithilfe von Computersimulation erstellten die Forscher eine Übersicht, wie groß die verschiedenen ausgestorbenen Arten gewesen sein könnten.

Dabei stellten sie zum einen fest, dass das enorme Größenwachstum erst vor zwei bis drei Millionen Jahren eingesetzt hat. Bis dahin waren die größten Meeressäuger gerade einmal zwölf Meter lang. Zum anderen wurden mehrere Walarten unabhängig voneinander so groß.

Das Team vermutet, dass sich die Nahrungssituation in den Meeren zu Beginn des Pleistozäns vor rund 2,6 Millionen Jahren entscheidend veränderte. Die Vereisung der Arktis habe im Sommer zu nährstoffreichem Schmelzwasser geführt. Kaltes Wasser kann mehr Sauerstoff aufnehmen als warmes. In der Folge hätten sich an manchen Küsten Krill und Plankton stark vermehrt und die Nahrungsgrundlage für die Bartenwale gebildet. Allerdings lagen die Futterquellen weit auseinander.

Erderwärmung könnte Nahrungsgrundlage verschlechtern

Größere Wale hätten zudem ein günstigeres Verhältnis von Stoffwechsel und Masse als kleinere, schreiben die Forscher weiter. Auch bei der Nahrungsaufnahme und beim Zurücklegen weiter Strecken hätten sie Vorteile, argumentieren die Forscher. "Als Wal ist es das Einfachste, von dichten aber weit auseinanderliegenden Futterquellen zu profitieren, wenn man groß wird", sagt Graham Slater von der Universität Chicago.

Olivier Lambert vom Königlich Belgischen Institut für Naturkunde, der nicht an der Studie beteiligt war, nannte das Ergebnis "ein überzeugendes Szenario". Allerdings sei der Mangel von Fossilien aus der Zeit ein Problem.

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Wale: Die Faszination für die Meeresgiganten

"Unsere Forschung gibt Aufschluss darüber, weshalb die Ozeane und das heutige Klima die massivsten Wirbeltiere der Erde ernähren können", wird Pyenson in einer Mitteilung seines Museums zitiert. Daraus ergebe sich für ihn allerdings die Frage, ob angesichts der schnellen Veränderungen durch den Klimawandel die Ozeane weiterhin genug Nahrung für die weltweit größten Wale liefern könnten.

Krill-Forscherin Lavinia Suberg vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven geht davon aus, dass die Erwärmung der Erde einen "extremen Effekt auf das Ökosystem" und die Menge des Krills haben wird. Die Krill-Larven seien in besonderem Maße auf das Meereis angewiesen: Es sei für sie eine Schutzzone vor Fressfeinden. Auch ernährten sie sich von Algen, die unter dem Eis eingeschlossen sind.

Für die Antarktis sei es sehr wahrscheinlich, dass mit dem Meereis auch die Krill-Biomasse zurückgehen wird, sagt Suberg. Allerdings nähmen Meeresbiologen an, dass Wale auch auf andere Nahrungsquellen ausweichen könnten.

Stefan Parsch, dpa/brt



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