Knochensplitter

"Walking with Dinosaurs" Die kalkulierte Dino-Welle

Constantin Film

Von


Die BBC hofft, einen weltweiten Weihnachts-Blockbuster zu landen: Sie hat ihre gefeierte Dokumentation "Walking with Dinosaurs" zu einem zuckersüßen Kinderfilm gemacht. Patchi der Pachyrhinosaurus schickt sich an, neue Paläontologie-Fans zu gewinnen.

Auf fast nichts kann man so vertrauen, wie auf den Beginn der nächsten Dino-Mania: Circa alle Dutzend Jahre wieder gelingt es einem Kino-Blockbuster, eine neue Welle der Dinosaurier-Begeisterung loszutreten. Meistens sind Kinder die primäre Zielgruppe.

Die letzten großen Wellen dieser Art schlug im Jahr 2000 der Disney-Film "Dinosaurier", in dem das Iguanodon Aladar nach einer Katastrophe seine Herde ins gelobte Land führt - ein aus unerfindlichen Gründen verschontes, blühendes Tal.

Fans animierter Dino-Rührstücke erinnerte das ein wenig an "In einem Land vor unserer Zeit" von 1988, in dem der kleine Sauropode Littlefoot nach einer Katastrophe seine Herde ins gelobte Land führte - ein aus unerfindlichen Gründen verschontes, blühendes Tal.

Der Littlefoot-Film erlebte zwölf (!) Fortsetzungen, die sich qualitativ aber nicht unbedingt steigerten. Dass die Dino-Begeisterung in den neunziger Jahren ihren bisherigen Höhepunkt erreichte, war dann auch eher "Jurassic Park" (1993) geschuldet. Auf den vierten Teil dieser Dino-Saga müssen Fans nach einer aktuellen Verschiebung noch bis 2015 warten - so wie auch auf Pixars "The Good Dinosaur".

Keineswegs verschoben ist damit aber der fällige Beginn der nächsten Dino-Mania: In "Walking with Dinosaurs" - im Deutschen hat man den poetischen Titel zu einem ungelenken "Dinosaurier 3D - Im Land der Giganten" verhackstückt - erleben wir, wie Patchi zu einem respektablen Pachyrhinosaurus heranwächst, der seine Herde ... - siehe oben.

Alles wie gehabt also?

Natürlich steht uns da ein eher süßer Film ins Haus. Der aber ist in mehrfacher Hinsicht State of the Art. Auch wenn wir die Geschichte des Films von einem animierten Vogel erzählt bekommen, ist der nach Stand der Wissenschaft zumindest anatomisch korrekt.

So wie all die Kreaturen, die im Film auftreten. Anders als bei Spielberg, der in "Jurassic Park" aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ignorierte, erleben hier mit dem Raptor Troodon erstmals auch gefiederte Saurier einen größeren Auftritt. Pterosaurier staksen jagend auch mal am Boden herum - hochbeinig auf ihren geklappten und geflügelten Vorderarmen stehend. Selbst gezeigte Verhaltensweisen basieren zumindest auf begründeten Vermutungen. Das "Personal" des Kinderfilms könnte man so problemlos in der nächsten TV-Doku recyceln.

Die Tiere sprechen auch nicht im eigentlichen Sinn, ein Erzähler sorgt für ihre Stimme. Das erinnert an Disneys Naturfilme der fünfziger Jahre ("Die Wüste lebt") oder die Großen Human-Touch-Naturdokus der vergangenen Jahre ("Die Reise der Pinguine").

"WwD": Das Mega-Wissens-Franchise der BBC

Kein Wunder. Im Grunde ist "Walking with Dinosaurs" die Verniedlichung der gleichnamigen TV-Dokumentation von 1998. Und die war ein Meilenstein, der sich für Dokumentationen mit paläontologischen Themen bis heute als stilprägend auswirkte. Sie gilt als meistgesehene Doku-Serie dieser Art - und gemessen am Preis pro Sendeminute als teuerste je gedrehte TV-Dokumentation überhaupt.

Für den international von 20th Century Fox, in Deutschland von Constantin Film vertriebenen Kinofilm nahmen die kommerzielle BBC-Tochter BBC Earth und ihre Partner variierenden Angaben zufolge zwischen 60 und 80 Millionen Dollar in die Hand. Das ist heute nicht mehr sensationell, aber noch immer beachtlich.

Filmtrailer "Dinosaurier 3D": Die verzuckerte Doku

Dino-Mania-Potential hat der Film aus mehreren Gründen. Zum einen scheint er - das zeigen die Film-Trailer bei Youtube - gut animiert. Zum anderen aber ist er eben BBC - und die nimmt nicht nur ihren Bildungsauftrag ernst, sondern auch das Streben nach Gewinn.

So erscheint zum Film nicht nur ein Kinderbuch und ein Buch zum Film, sondern auch ein Sachbuch über all die im Film gezeigten Saurier. Dazu kommen Sammelbücher für Sticker-Süchtige, ein "Wonderbook"-Spiel für die Spielkonsole PS3 sowie zahlreiche Fan-Artikel bis hin zum Dino-Ei, aus dem ein Patchi schlüpft - oh Tannenbaum, das könnt 'was geben.

Da mag mancher zucken und hinter so viel Kommerz zwangsläufig Minderqualität vermuten. Das muss aber nicht so sein: "Walking with..." ist für die BBC seit 1998 eine gewinnbringende Marke, mit der sie als Nebenwirkung zum Entertainment tatsächlich Wissen vermittelt.

Auch zur ursprünglichen Doku gab es nicht nur ein Buch und Merchandising-Artikel, sondern auch eine bis heute gepflegte Webseite, ein PS3-Wonderbook für Kinder, Paläontologie-Apps für Smartphones und mehrere Spin-Offs in Form weiterer Dokumentationen. Seit 2007 tourt zudem eine gleichnamige Bühnenshow um die Welt.

Kurzum: Ohne diesen Mix aus Pop und Paläontologie gäbe es wohl unzählige tausend Menschen weniger, die sich für das Thema interessierten. Mitunter ist so eine Dino-Mania nichts schlechtes, sondern ein Spaß, der zu echtem Interesse führen mag.

Japanisches Fernsehen: Was man mit "Walking"-Figuren so alles anfangen kann
Der Raptor in diesem Youtube-Clip ist übrigens eine der Figuren aus der "Walking with Dinosaurs"-Bühnenshow.



Diskutieren Sie mit!
3 Leserkommentare
jens-o-mat 30.09.2013
jölle 30.09.2013
Yike 01.10.2013

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.