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Artensterben: Wie Milliarden Wandertauben blitzschnell verschwanden

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Corbis

Wandertaube: 1914 starb das letzte Exemplar der Art

Kein Vogel war in Nordamerika weiter verbreitet als die Wandertaube - doch dann starb die Art mit Milliarden von Tieren innerhalb kürzester Zeit aus. Jetzt zeigt eine Genanalyse: Nicht nur der Mensch war daran schuld.

Das Verschwinden der Wandertaube vollzog sich in atemberaubendem Tempo: Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es geschätzt drei bis fünf Milliarden Exemplare weltweit. Wenige Jahrzehnte später war kein einziges mehr übrig. Die wohl letzte Wandertaube starb im Zoo von Cincinnati, US-Bundesstaat Ohio, am 1. September 1914 gegen 12.45 Uhr. Martha wurde zum Symbol für das vom Menschen verursachte Aussterben von Arten.

Doch nun zeigt eine Erbgutanalyse taiwanischer Forscher: Am rasanten Verschwinden der Wandertaube war möglicherweise nicht der Mensch allein schuld. Die Population der Vögel sei über die Jahrtausende extremen Schwankungen unterworfen gewesen, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences". Erst ein Zusammenspiel natürlicher Faktoren und menschlicher Aktivität habe vermutlich zum Aussterben geführt.

Kritisches Minimum unterschritten

Das Team um Shou-Hsien Li von der National Taiwan Normal University in Taipeh analysierten Erbgut aus den Zehenballen von drei ausgestopften Wandertauben. Die Ergebnisse verglichen sie mit Informationen aus DNA-Proben der Felsentaube. Aus den genetischen Unterschieden schlossen die Forscher mit Computermodellen auf die Populationsdynamik der Wandertauben.

Die genetische Vielfalt ähnelte demnach der anderer regional oder kontinental verbreiteter Vögel. Aber sie schien viel zu klein zu sein für die gewaltige Population der Wandertauben. Eine Erklärung dafür sei, dass die Zahl der Vögel extrem stark schwankte, schreiben die Forscher. Dies werde von Modellrechnungen zu wechselnden Umweltbedingungen in Nordamerika gestützt - etwa der klimaabhängigen Ausbreitung der Eichenwälder. Mit der hohen Zahl eng beieinander lebender Tiere dürfte die Art zudem besonders anfällig für Seuchen gewesen sein.

Vor der Ausbreitung der Europäer in Nordamerika hätten sich die Wandertauben von einem Kollaps immer wieder gut erholen können, vermuten Li und seine Kollegen. Das Zusammenspiel von gnadenloser Jagd und natürlichem Populationsrückgang habe die Wandertaube dann aber nicht verkraftet. Einmal unter ein bestimmtes Minimum an Individuen gedrückt, sei ihr Schicksal besiegelt gewesen.

Ähnliches Schicksal bei Heuschrecken

Wenige Jahre bevor die letzte Wandertaube starb, sollen noch Schwärme von bis zu 500 Kilometer Länge den Himmel verdunkelt haben - mitunter mehrere Tage lang. Die Tauben waren Flugnomaden, die es auf Eicheln und Bucheckern abgesehen hatten. Brütete einer der gewaltigen Schwärme in einem Waldgebiet, brauchte dieses Jahre, um sich von der Verwüstung zu erholen. Unter dem Gewicht Tausender Tiere brachen Äste, am Boden tötete eine dicke Kotschicht viele Lebensformen.

Ähnlich plötzlich wie die Population der Wandertauben sank ab den späten Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts auch die der Rocky-Mountain-Heuschrecken in Nordamerika. Die Forscher halten es für denkbar, dass es bei ihrem Aussterben ein ähnliches Szenario gegeben hat wie bei den Wandertauben. Der Mensch habe in diesem Fall wahrscheinlich vor allem durch Pflügen und Bewässern von Feldern in das Leben der Heuschrecken eingegriffen.

Durch den Menschen bedroht

jme/dpa

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1. optional
andre_22 17.06.2014
Viele Arten sind gewaltigen Bestandsschwankungen unterworfen! Diese können Sie aber in der Regel ausgleichen! Im Endeffekt bleibt es aber dabei das die Wandertaube durch Überjagung ausgerottet wurde! Damals kannte man halt das Prinzip einer nachaltigen Nutzung noch nicht!
2. Genetische Verarmung ist ein lange bekanntes Aussterberisiko
strixaluco 17.06.2014
- das sollten wir auch bedenken, wenn wir versuchen, unsere Kulturpflanzen und Nutztiere zu "optimieren". Es mag sein, dass man mit gewissen "Hochleistungssorten" kurzfristig höchste Erträge erzielt - aber das nutzt auf die Dauer herzlich wenig, wenn dabei wichtige genetische Anpassungsreserven verloren gehen und man sich obendrein hochresistente Schädlinge züchtet. Die zweit - dritt - und zehntbeste Lösung ist in der Natur oft die nächstbeste, denn die Welt ändert sich jeden Tag...
3.
Mach999 17.06.2014
Es ist ja nicht Aufgabe der Wissenschaftler zu bewerten, ob der Mensch am Aussterben "schuld" ist oder nicht. Sie haben die Ursachen benannt, und das waren mehrere. Ich würde nach diesem - selbstverständlich kurz gefassten Artikel - die "Schuld" aber doch beim Menschen sehen. Die extremen Populationsschwankungen scheinen ja normal gewesen zu sein. Bei Tieren, die ihre eigenen Lebensgrundlagen (Eichenwälder) temporär zerstören, ist das ja auch nicht ungewöhnlich. Sie hätten sich auch diesmal vermutlich wieder erholt, wenn nicht als neuer Faktor der Mensch dazugekommen wäre, auf den sich die Art nicht mehr einstellen konnte. Und daher ist der Mensch meines Erachtens auch der auslösende Faktor für das Aussterben.
4. optional
andre_22 17.06.2014
Das Problem bei solchen bewertungen ist ja das viele Faktoren zusammenkomm und das fast immer! Die Wandertaube ist aber ein aussergewöhliches Beispiel weil sie in so Extremen Populationshöhen anzutreffen war! Es gibt berichte aus Nordamerika wo eine Handvoll Jäger loszogen und nach 3 Stunden über 2000 Tauben geschossen hatten! Die Wandertaube war eine leichte Beute, Sie wurde geschossen und mit Netzen gefangen! Eine Nahrungsquelle die für die Menschen damals unerschöpflich erschien! Der Mensch gefährdet ja nicht nur Arten durch jagd sondern auch durch indirekte folgen seinen Lebens! Kam zb. die Abholzung der Wälder im 17/18 Jahrhundert für die Landwirtschaft Arten wie Hase, Fasan Rebhuhn zugute, schadet die heutige Art der Grossfelderwirtschaft diesen Arten nun ungemein! Es geht also weniger um das Ob sondern um das Wie!
5.
Lanek 17.06.2014
Zitat von strixaluco- das sollten wir auch bedenken, wenn wir versuchen, unsere Kulturpflanzen und Nutztiere zu "optimieren". Es mag sein, dass man mit gewissen "Hochleistungssorten" kurzfristig höchste Erträge erzielt - aber das nutzt auf die Dauer herzlich wenig, wenn dabei wichtige genetische Anpassungsreserven verloren gehen und man sich obendrein hochresistente Schädlinge züchtet. Die zweit - dritt - und zehntbeste Lösung ist in der Natur oft die nächstbeste, denn die Welt ändert sich jeden Tag...
Das kann man ja oft auch daran erkennen, dass unsere Nahrungspflanzen zwar super Erträge liefern, aber in freier Wildbahn nicht überleben könnten und früher oder später gegen die anderen Pflanzen untergehen.
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