Wanderung der Meerestiere: Highway für Haie

Von

Es ist ein ehrgeiziges Projekt: Der "Census of Marine Life" ist die bisher größte Meerestier-Inventur. Jetzt melden Forscher ein neues Ergebnis: Erstmals haben sie die Wanderungen von marinen Raubtieren im Pazifik aufgezeichnet - und dabei einige Hauptverkehrsrouten entdeckt.

Turbulenter Pazifik: Das Treiben der Meerestiere Fotos
AFP

Wale, Robben, Seevögel, Thunfische, ja sogar Schildkröten und Haie - vor mehr als zehn Jahren hatten Forscher eine seinerzeit aberwitzig anmutende Idee: Könnte man über viele Jahre hinweg verfolgen, wie sich die Tiere des Pazifiks bewegen? Wohin schwimmen Haie, wohin fliegen Seevögel? Und könnte man aus den Bewegungsmustern vielleicht Rückschlüsse auf das gesamte Ökosystem Nordpazifik ziehen? Mehr als 50 Biologen, Meeresbiologen, Computerwissenschaftler und Ingenieure brüteten 1999 bei einem Workshop an der Hopkins Marine Station der Stanford University im kalifornischen Pacific Grove darüber, wie man ein solch ambitioniertes Projekt in die Tat umsetzen könnte.

Das Vorhaben, dem man den Namen "Tagging of Pacific Predators" (TOPP) gab, ist geglückt und zeigt ein völlig neues Bild der Tierwelt im Pazifik: Die Früchte seiner Mühen hat das Forscherteam nun erstmals als gesammeltes Werk im Wissenschaftsjournal "Nature" präsentiert. Es ist eine Arbeit, die alles zusammenfasst, was in mehr als 150 Publikationen der letzten Jahre als Einzelauswertung nachzulesen war. Und es ist eine Arbeit, in der mehr als 260.000 Positionsmeldungen von insgesamt 23 verschiedenen Tierarten stecken.

Die Studie des Forscherteams ist beeindruckend, umfasst sie doch insgesamt 4306 "Studienteilnehmer". 1999 ersannen die Forscher das Programm, schon ein Jahr später begannen sie mit der Sammlung der Messdaten. Dazu nutzten sie kleine Datenrekorder, mit denen sie die einzelnen Tiere nach und nach versahen. Zum Teil ließen sich die Daten dann per Satellit auslesen, zum Teil mussten die Tiere auch erneut gefangen werden.

Das Café zum Weißen Hai

Und so verfolgten die Forscher von 2000 bis 2009 die Wanderungen der marinen Raubtiere, darunter auch die von Weißen Haien. Die Fische tauchten überall im Pazifik auf - vor der Westküste Nordamerikas, vor Südafrika und vor Australien. Dabei steuerten sie offenbar immer wieder bestimmte Nahrungsgründe an. Dennoch scheinen sich einzelne Populationen nicht untereinander zu vermischen. Die Forscher stellten auf diese Weise beispielsweise auch fest, dass es ein "Café zum Weißen Hai" gibt - eine Art festen Treffpunkt im Pazifik, den die Tiere frequentierten.

Einzeln betrachtet unterscheiden sich die Bewegungsmuster sehr stark voneinander, je nach Tierart. Thunfische etwa schwammen bis nach Japan, Robben dagegen drehten auf halbem Weg von der Nordwestküste Amerikas nach Japan immer wieder um. Die größten Wanderwege legten Schildkröten und Albatrosse zurück. Die Seevögel schafften es bis nach Neuseeland, mitunter sogar bis an die Atlantikküste von Patagonien. Die Reise der Schildkröten führte sie von Kalifornien bis nach Vietnam. Wale dagegen blieben lieber in ruhigeren Gewässern - ihr Weg zeichnet eine Linie entlang der Küste Nordamerikas.

Ebenso beobachteten die Forscher, dass die Tiere auf ihrer Futtersuche oder zur Paarung nicht nur teils enorme Wegstrecken zurücklegen, sondern auch wiederkehrenden Routen folgen. "Regelrechte Hauptverkehrsrouten wurden im Meer sichtbar. Ähnlich wie sich der Mensch auf Straßen, Flugrouten oder Gleisen bewegt, gibt es auch im Meer regelrechte Autobahnen für die Tiermigrationen", sagt Jesse Ausubel. Der Forscher ist Mitbegründer des "Census of Marine Life", der bisher größten und einzigartigen Volkszählung in den Ozeanen.

Wie die Forscher schreiben, konnten sie anhand der Positionsdaten zudem einige Hotspots der Artenvielfalt im Ozean ausfindig machen - Orte, an die viele der Tierarten jährlich zurückkehrten. Dazu gehört demnach der Kalifornienstrom entlang der Westküste Nordamerikas sowie die Verbindung zwischen West- und Ostpazifik auf halbem Weg zwischen Hawaii und Alaska. Als nächstes planen die Forscher, das Projekt auch am Atlantik und im Indischen Ozean durchzuführen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die Fischereiindustrie wird sich bedanken
Malshandir 24.06.2011
Eine gute nützliche Idee der Forscher. Doch freuen sich jetzt schon sicher japanische Walfänger, die nun gezielter Wale jagen können.
2. Ist das klug?
maikcapetown 24.06.2011
Dann wissen die chinesischen Haiflossenfänger ja jetzt, wo sie fischen müssen ...
3. Finger wieder einziehen
negve 24.06.2011
Zitat von maikcapetownDann wissen die chinesischen Haiflossenfänger ja jetzt, wo sie fischen müssen ...
Damit sie ihre wöchentliche Schillerlocke essen können, und nicht wissen wollen, was sie sich da überhaupt reinschieben. Immer schön den Ball flach halten. Die EU-Flotten sind auch nicht gerade zimperlich.
4. kann keine positive Nachricht
Isotronic 24.06.2011
Zitat von negve...Die EU-Flotten sind auch nicht gerade zimperlich.
für die Meeresfauna erkennen. Für ein paar Doktortitel wird der Fischvernichtungsindustrie Tür und Tor aufgerissen.
5. Titel
unsuwe1978 24.06.2011
Ich verfolge jetzt schon seit einiger Zeit das Spiegel-Forum und bin immer wieder überrascht, wie aus jeder Meldung etwas negatives gesehen werden kann... PS: Ich fand den Artikel sehr interessant und wünsche mir mehr Forschungsergebnisse auf Spiegel Online!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Meerestiere
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
Fotostrecke
Census of Marine Life: Inventur in den Tiefen der Meere

Fotostrecke
Wunder der Tiefsee: Sonderbare Meerestiere