Wandlung der Elbe Vom Giftstrom zum Badefluss

Quecksilber, Cadmium, Chemiemüll - die Elbe war vor 25 Jahren ein vergifteter Fluss. Jetzt kann dort gebadet werden, doch es gibt auch Probleme.

Blick auf die Elbe in Dresden
SINGER/ EPA/ REX/ Shutterstock

Blick auf die Elbe in Dresden


Giftbrühe, toter Fluss, chemische Reinigung: Die Beinamen der Elbe waren vor dem Mauerfall alles andere als schmeichelhaft. Wie sehr sich dieses Bild gewandelt hat, zeigt sich nun: Seit Samstag lenkt eine mehr als 500 Kilometer lange Schwimmstaffel die Blicke auf den Fluss. In Etappen führt sie vom sächsischen Bad Schandau bis zur Staustufe in Geesthacht in Schleswig-Holstein. Doch trotz ihrer guten Wasserqualität hat die Elbe Stress.

Zwei Tage nach dem Mauerfall wurde eine geheime Studie des DDR-Umweltministeriums bekannt. Danach lag die Belastung der Elbe mit Schwermetallen um ein Vielfaches über den Höchstwerten der europäischen Trinkwasserrichtlinie.

Es ging um Quecksilber, Cadmium, Chlorkohlenwasserstoffe und anderen Chemiemüll aus Kombinaten und Fabriken entlang der Elbe und ihren Nebenflüssen - eine Brühe, die vom deutsch-deutschen Grenzfluss in die Nordsee gespült wurde.

Das Düngeproblem

Heute gleicht das Flusssystem Elbe an langen Abschnitten einem Naturparadies. "Ökologische Systeme haben ein hohes Regenerationsvermögen. Dass sich die Elbe aber so schnell erholt und auch viele Tiere wie der Elbebiber zurückkommen, das hat kaum jemand erwartet", sagt Markus Weitere, Gewässerökologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg.

Doch es bleibt ein großes Aber. Die Elbe sei durch Eutrophierung, also den Eintrag von Nährstoffen und dem daraus folgenden Algenwachstum, immer noch ein problematischer Fluss, berichtet Weitere mit Blick auf Nitrat und Phosphat aus der Landwirtschaft.

Dazu komme die vom Menschen veränderte Form des Flusses mit Strömungen und Ufern. "Wenn wir den gesamten ökologischen Zustand des Systems Elbe anschauen, wird er immer noch nicht als gut bewertet, sondern in weiten Teilen als mäßig und unbefriedigend", sagt Weitere.

Christian Wolter vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei stimmt zu: "In den letzten Jahrzehnten hat man sich vor allem auf die chemische Wasserqualität gestürzt und hatte da auch große Erfolge", sagt er. Seltene Flussfischarten wie Barbe, Hasel oder Aland kehrten zum Beispiel zurück. Auch der Lachs wird wieder angesiedelt.

Antibiotika im Fluss

Seit Ende der 1990er Jahre aber seien Verbesserungen relativ marginal geblieben, ergänzt Wolter. Deshalb sei es Zeit für einen Paradigmenwechsel, ganz im Sinne der neuen Wasserrahmenrichtlinie: Nicht nur die chemische Wasserqualität zählt. Die ökologische Qualität ist gleichwertig.

Susanne Heise, Ökotoxikologin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, hat vor allem die Ablagerungen der Elbe im Blick - ihre Sedimente. Sie sind wie das Gedächtnis eines Flusses. "Schwebstoffe und Schadstoffe in den Sedimenten sind heute die großen Probleme für die Elbe", urteilt sie. Dazu zählen auch Altlasten wie Schwermetalle, die immer noch eingeschwemmt oder bei Hochwasser wieder aufgewirbelt und in großen Mengen weiterverteilt werden.

Neben den Einträgen aus der Landwirtschaft gibt es andere, die man nicht sieht und von denen man nichts ahnt. "Dazu gehören Mikroschadstoffe und Antibiotika-Rückstände aus Krankenhäusern. Die lassen sich nicht so einfach aus dem Abwasser filtern und werden auch von Kläranlagen nicht vollständig zurückgehalten", sagt Gewässerökologe Weitere. "Dazu kommt Mikroplastik, zum Beispiel aus dem Abrieb von Plastikflaschen oder Tüten. Das ist per se nicht giftig, aber es ist ein sehr widerstandsfähiges Material, das in die Nahrungskette gelangt."

Von Ulrike von Leszczynski, dpa/boj



insgesamt 5 Beiträge
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klaus64 26.06.2017
1. Unsere Flüsse - der Sinneswandel
Schön, dass unsere Flüsse nun wieder sauberer sind. Es ist leider nicht auf der ganzen Welt so. Auch in Deutschland hat das gedauert. Interessant eine Wortmeldung in der Zeitung ; betraf im Wesentlichen den Rhein. "Die Welt" vom 15. März 1961: "Professor Wurzschmitt, ein Vertreter der Industrieinteressen, ist der Auffassung, jeder Aufwand für die Reinigung von Abwässern sei eine Vergeudung von Volksvermögen."
TheK79 26.06.2017
2.
Vor der Wende witzelte man hier "in der Elbe ertrinkt keiner, der löst sich vorher auf". Ja, definitiv ein Beispiel erfolgreicher Umweltpolitik – noch nicht perfekt (nicht zuletzt auch, weil immer noch auf Flächen gebaut wird, die eigentlich Überschwemmungsgebiet sind), aber bereits sehr sehr viel besser!
mitch72 27.06.2017
3. Passt ja alles
nur schade, dass man die Landwirtschaft nicht dazu bekommt, ihre Äcker nicht als Kippe für Gülle und Co zu nutzen. Etwas Düngung ist ja ok, aber wenn man so schaut - auch hier unten am mittlerweile schönen sauberen Bodensee - was da so auf den Wiesen landet, ist dies eine Verseuchung ohne Gleichen.
Goldwin 27.06.2017
4.
Zitat von mitch72nur schade, dass man die Landwirtschaft nicht dazu bekommt, ihre Äcker nicht als Kippe für Gülle und Co zu nutzen. Etwas Düngung ist ja ok, aber wenn man so schaut - auch hier unten am mittlerweile schönen sauberen Bodensee - was da so auf den Wiesen landet, ist dies eine Verseuchung ohne Gleichen.
Das schätzen Sie warum so ein? Ist das ein Bauchgefühl, oder haben Sie konkrete Anhaltspunkte dass es sich um eine Verseuchung handelt?
fisch_mit_rad 27.06.2017
5. es gibt noch viele Möglichkeiten für die Elbe
1. keine weitere Vertiefung zwischen Hamburg und Nordsee mehr 2. die Binnenschifffahrt könnte zumindest bis Magdeburg den Elbeseitenkanal und Mittellandkanal nutzen, die Elbe könnte in dem Abschnitt wieder flacher werden. Man müsste auch nicht viel dafür tun, eventuell ein paar Steine aus den Buhnen herausnehmen. Mit den Geldern die bei der Gewässerunterhaltung gespart werden, könnte die Binnenschifffahrt subventioniert werden.
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