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Früheste Lebewesen mit Zellkern: Schmutz entzaubert Sensationsstudie

Tierzellen: Wann entstand komplexes Leben? Zur Großansicht
Corbis

Tierzellen: Wann entstand komplexes Leben?

16 Jahre hatte sich die Sensation gehalten - so lange schien es, als hätte sich komplexes Leben bereits vor 2,7 Milliarden Jahren entwickelt. Doch die vermeintlichen Beweise waren verunreinigt.

Im August 1999 erregte eine Studie im Wissenschaftsmagazin "Science" weltweit Aufsehen: Sie präsentierte Indizien aus 2,7 Milliarden Jahre altem Gestein aus dem Hammersley-Gebirge im Westen Australiens. Es enthalte Spuren der ersten Lebewesen mit Zellkern, schrieben die Forscher.

Hatten sich Wesen mit Zellkern, sogenannte Eukaryoten, also mehr als eine Milliarde Jahre früher entwickelt als angenommen? Die ersten Lebewesen mit Zellkern waren ganz besondere Wesen: Sie sind die Vorfahren aller Tiere, Pflanzen und Pilze, also auch der Menschen; Bakterien gehören nicht dazu.

Die Wissenschaftler gründeten ihre Entdeckung auf angeblichen Versteinerungen von Fetten, die in charakteristischer Form im Grund urzeitlicher Gewässer erhalten bleiben können. Solche Steroide stammen von Lebewesen mit Zellkern.

"Beispiellose Vorsichtsmaßnahmen"

In den vergangenen Jahren jedoch verdichtete sich der Verdacht, die Gesteinsproben aus der Erdfrühzeit könnten verunreinigt gewesen sein. "Die Kontaminationsfrage spaltete unsere Fachkollegen allmählich in zwei widerstreitende Lager", erklärt Christian Hallmann vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena (MPI) in einer Mitteilung seines Instituts.

Hallmann und seine Kollegen bohrten erneut in das australische Felsgestein. "Sie ergriffen bislang beispiellose Vorsichtsmaßnahmen, um Verunreinigungen zu vermeiden", berichtet das MPI. Kontrollen im Labor hätten schließlich ergeben, dass in ihre Proben nicht mal ein Billionstelgramm fettartiger Verunreinigungen gelangt wären. Indes: Urzeitliche Fettrelikte fanden sie nicht.

Das Ergebnis, dass die Forscher nun im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" vorstellen, habe folglich die Vermutung bestätigt: Frühere Proben seien kontaminiert gewesen, schreiben Hallmann und seine Kollegen um Katherine French von der Woods Hole Oceanographic Institution in den USA. Die angeblichen Fette der frühesten Eukaryoten stammten aus der Gegenwart.

Die ältesten bekannten Lebewesen mit Zellkern sind damit 1,2 Milliarden Jahre später entstanden als 1999 proklamiert: Der älteste Beweis für Eukaryoten findet sich in 1,5 Milliarden Jahre alten Versteinerungen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
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1.
TS_Alien 26.05.2015
Wissenschaftliche Sensationen müssen genau überprüft werden. Viel zu oft sind sie keine. Wieso die anderen Forscher im gleichen Fachgebiet die Ergebnisse nicht zeitnah überprüfen, verstehe ich nicht. Das ist in anderen Bereichen ein Standardvorgehen. In "Science" und "Nature" kommen solche Pseudosensationen zu oft vor. Da stimmt etwas im Reviewprozess nicht.
2. Ich fühl mich gleich jünger..
mikesch0815 26.05.2015
...irgendwie. ;) So interessant diese Forschungen sind, sie sind letztlich allesamt mit sehr hohen Ungenauigkeiten verbunden.
3. Pasteuers
bruno47 26.05.2015
Bis jetzt warten wir noch auf einen naturwissenschaftlichen Versuch, in dem beobachtbar aus unbelebter Materie eine lebende Zelle entsteht. Auch sind die Gesetze, nach denen eine solche Entwicklung stattfinden könnte, unbekannt. Pasteuers ist bislang unwiderlegt.
4. irreführend
Waschlaff Duschmann 26.05.2015
Die ältesten Stromatolithen werden auf ~3,5 milliarden Jahre datiert. Das sind natürlich Blaualgen und die sind Bakterien (kling dämlich, wurde aber re-klassifiziert von "Alge" zu "Bakterie") und haben keinen Zellkern. Insofern ist die Aussage richtig, aber irreführend. Es geht hier wirklich ausschließlich um Eukaryoten. Da unter Eukaryoten alle Mehrzeller fallen, impliziert das Mehrzeller, aber eben die Domäne, mehr nicht. Insofern ist "komplex" wie in "Mehrzeller" sowieso schon recht gewagt. Nachweis fossiler Spuren einzelner Zellen in derartigen Zeiträumen ist ziemlich herausfordernd, selbst chemisch nicht unkritisch. Die Kontaminatinskarte kann man natürlich immer spielen, das Problem kennen wir ja aus der Astrobiologie zur genüge. Wann genau die ersten Mehrzeller (oder entsprechende Domänen) auftraten ist natürlich höchst interessant weil höchst unklar und schwierig.
5.
cromagnon 26.05.2015
Zitat von TS_AlienWissenschaftliche Sensationen müssen genau überprüft werden. Viel zu oft sind sie keine. Wieso die anderen Forscher im gleichen Fachgebiet die Ergebnisse nicht zeitnah überprüfen, verstehe ich nicht. Das ist in anderen Bereichen ein Standardvorgehen. In "Science" und "Nature" kommen solche Pseudosensationen zu oft vor. Da stimmt etwas im Reviewprozess nicht.
Der Artikel berichtet doch genau über die von Ihnen geforderte Überprüfung, haben Sie ihn nicht gelesen?
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