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Sensationsfossil Ida: Doch nur eine Großcousine

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Mario Tama/Getty Images/AFP

Darwinius masillae alias Ida: Die vermeintlich älteste Vorfahrin von Affen und Menschen war wohl eher eine Großcousine

Vor sechs Jahren präsentierten Forscher Ida als das Bindeglied zwischen Affe und Mensch. Doch die Zähne des fossilen Wesens aus Hessen zeigen nun: Ida gehört wohl zu den ferneren Verwandten.

Forscher der kanadischen Universität Toronto Scarborough stellen die bisherige Deutung des Primaten Darwinius masillae infrage, dessen Überreste in der Grube Messel bei Darmstadt gefunden wurden. Ihren Analysen zufolge sei Darwinius, der vor rund 47 Millionen Jahren im damals tropischen Hessen lebte, wohl kein direkter Vorfahr von Affen und Menschen.

Ida, so der populäre Spitzname des weiblichen Fossils, anhand dessen man die Art beschrieben hat, weise vielmehr deutlichere Ähnlichkeiten mit heutigen Lemuren auf, als bisher gedacht.

Als Jørn Hurum, Paläontologe von der Universität Oslo, im Mai 2009 erstmals Bilder und Analysen des urweltlichen Primaten vorstellen konnte, machte das weltweit Schlagzeilen. Im euphorischen Überschwang wurde Ida schnell als "missing link" und "Vorfahr von Affe und Mensch" verbucht. Schnell meldeten Fachkollegen Bedenken an.

Zwar wies auch Hurum selbst schon auf körperliche Ähnlichkeiten mit heutigen Lemuren hin. Er deutete jedoch Unterschiede im Aufbau des Gebisses als vermeintlich klaren Hinweis darauf, dass Ida nicht zu den Lemuren gehöre, sondern den Affen zuzuordnen sei.

Verschiedene Familien und Gruppen innerhalb der Ordnung der Primaten zeigen für sie typische Muster in Bezug auf Art und Zahl ihrer Zähne. Hier ergab sich für Ida kein klares Bild: Viele körperliche Merkmale sagten "Lemur", die Bezahnung eher "Affe".

Spätere Studien relativierten Darwinius Position im Stammbaum und erklärten die Art eher als nahen Verwandten, denn als direkten Vorfahr. Bisher wird die Einordnung von Darwinius in die Entwicklungslinie von Affen und Menschen aber noch von vielen Forschern akzeptiert.

Lemuren: Früher als Halbaffen bezeichnet sieht man sie heute als Schwestergruppe der Affen und Menschen innerhalb der Ordnung der Primaten Zur Großansicht
DPA

Lemuren: Früher als Halbaffen bezeichnet sieht man sie heute als Schwestergruppe der Affen und Menschen innerhalb der Ordnung der Primaten

Der Stammbaum der Primaten teilt sich in die sogenannten Feuchtnasenprimaten, zu denen neben Lemuren auch die Makis mit Ausnahme der Koboldmakis gehören, und die Trockennasenprimaten, zu denen Affen und Menschen zählen. Die gemeinsamen Vorfahren beider Gruppen lebten vermutlich in der Kreidezeit - Primaten-Fossilien aus dem darauf folgenden Paläogen können meist schon klar einer der beiden Gruppen zugeordnet werden.

Mit der Einordung in die Entwicklungslinie der Feuchtnasenprimaten würde "Ida" also zu einer entfernten Verwandten - einer Art Großcousine von Affen und Menschen. "Idas" Zähne würden diesen Befund stützen, schreiben die Kanadier im Fachjournal "Royal Society Open Science" .

Idas Beißer brachen falsch

Idas Zähne weichen zwar, wie Hurum bei der Erstbeschreibung der Art 2009 festgestellt hatte, von der Bezahnung ab, die man heute bei Lemuren findet. Absolut typisch für Lemuren, behauptet Sergi López-Torres, Hauptautor der aktuellen Studie, sei dagegen die Reihenfolge, in der die Zähne durchbrachen.

Tatsächlich ist diese Reihenfolge, in der bestimmte Zähne wachsen und durch das Zahnfleisch brechen, eines der Unterscheidungskriterien zwischen den zwei großen Entwicklungslinien der Primaten. Und hier sei Ida ganz Lemur.

Der Studie liegt der Vergleich von 97 Arten fossiler und lebender Primaten zugrunde. Laut López-Torres zeigten die jeweils primitivsten bekannten Vorfahren der Primaten insgesamt, sowie der Trocken- und Feuchtnasenaffen noch das gleiche Muster beim Durchbruch der Bezahnung. Erst danach prägte sich offenbar der Unterschied zwischen den zwei großen Gruppen aus.

Der Besterhaltene

Und der liegt vor allem im Zeitpunkt, zu dem der sogenannte dritte Molar durchbricht, so bezeichnen Fachleute einen großen Backenzahn. Bei Feuchtnasenaffen geschieht das früh. Bei Affen und Menschen passiert es dagegen relativ spät, wie viele von uns aus schmerzhafter Eigenerfahrung wissen - der populäre Name für den dritten Molar ist Weisheitszahn.

Bei Ida, sagt López-Torres, habe man kein Anzeichen für ein spätes Durchbrechen des dritten Molar gefunden, "und das lässt sie wie einen modernen Lemur aussehen".

Darwinius masillae ist damit ein weiteres Stück entzaubert - der hessische Ur-Primat saß wahrscheinlich auf einem anderen Ast unseres gemeinsamen Stammbaums.

Die "Umordnung" von Ida im Stammbaum ist quasi ein Nebeneffekt der Studie, die eigentlich allgemeiner die Wachstumsmuster von Darwinius untersuchte. Unter anderem taxiert die Studie auch das geschätzte Alter und vermutete Lebendgewicht des Fossils anders als bisher: Ida sei zum Zeitpunkt ihres Todes etwas älter und etwas leichter gewesen, als bisher gedacht.

Eine Besonderheit aber bleibt: Noch immer aber ist Ida das besterhaltene Primaten-Fossil, das jemals gefunden wurde.

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1. .
martaul 14.09.2015
Ich gebe einen Teil des Textes wider: "Ihren Analysen zufolge sei Darwinius, der vor rund 47 Millionen Jahren im damals tropischen Hessen lebte, wohl kein direkter Vorfahr von Affen und Menschen." Wer kann mit Sicherheit sagen, dass dieses Tier zu dieser Zeit in Hessen lebte? Mensch, Aufwachen! Es gibt keine seriösen Methoden, um solch ein Alter zu deuten.
2. Wieso nicht?
cindy2009 14.09.2015
Zitat von martaulIch gebe einen Teil des Textes wider: "Ihren Analysen zufolge sei Darwinius, der vor rund 47 Millionen Jahren im damals tropischen Hessen lebte, wohl kein direkter Vorfahr von Affen und Menschen." Wer kann mit Sicherheit sagen, dass dieses Tier zu dieser Zeit in Hessen lebte? Mensch, Aufwachen! Es gibt keine seriösen Methoden, um solch ein Alter zu deuten.
Was haben Sie denn an den unterschiedlichen Datierungsmethoden genau auszusetzen, die sich auch noch gegenseitig stützen?
3. Altersgrenzen
cassandros 14.09.2015
Zitat von martaulIch gebe einen Teil des Textes wider: "Ihren Analysen zufolge sei Darwinius, der vor rund 47 Millionen Jahren im damals tropischen Hessen lebte, wohl kein direkter Vorfahr von Affen und Menschen." Wer kann mit Sicherheit sagen, dass dieses Tier zu dieser Zeit in Hessen lebte? Mensch, Aufwachen! Es gibt keine seriösen Methoden, um solch ein Alter zu deuten.
Man kann immerhin mit Sicherheit sagen, daß zu dieser Zeit in "Hessen" die CDU regiert hat. Mensch, aufwachen! Hessen gab es zu der Zeit noch gar nicht; das Gebiet gehörte damals noch zu Baden-Württemberg!
4. Zunehmend ...
brotherandrew 14.09.2015
... müssen Wissenschaftler irgendwelche "Sensationen" verkünden, um die immensen Forschungsgelder zu rechtfertigen. Dann kommt halt so etwas dabei heraus.
5. Kennen Sie die Geschichte nicht?
Ein_denkender_Querulant 14.09.2015
Zitat von cindy2009Was haben Sie denn an den unterschiedlichen Datierungsmethoden genau auszusetzen, die sich auch noch gegenseitig stützen?
Die Erde ist höchsten 10.000 Jahre alt. Das habe ich im High-School Jahr in den USA gelernt. Wie soll dann etwas 47 Millionen Jahre alt sein. Und es wurde nur und ausschließlich Kreationismus gelehrt. Unfassbar. 47Mllionen Jahre ist für übliche Radionuklidverfahren ein ungeschicktes Alter. Es gibt aber genugend indirekte Messverfahren, mit denen umgebendes Gestein datiert werden kann. Das ist ungenau, aber genau genug zur Bewertung.
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Evolution
Die Veränderung des Erbguts und damit des Phänotyps von Individuen von Generation zu Generation.
Population
Eine Gruppe von Organismen einer Art oder auch verschiedener Arten (Mischpopulation) an einer bestimmten Örtlichkeit.
Phänotyp
Das Erscheinungsbild eines Individuums ist die Gesamtheit der durch die Erbanlagen (Genotyp) und die Einflüsse der Umwelt sich ausprägenden Merkmale eines Lebewesens.
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Die einzelnen Individuen einer Art besitzen genetische Unterschiede.
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Das Erbgut von Individuen einer Art wird nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit weiter gegeben. Manche Individuen einer Population vermehren sich stärker als andere - je nachdem wie überlebenstüchtig sie in einer bestimmten Umwelt sind. Selektionsfaktoren der Umwelt üben eine natürliche Selektion aus.
sexuelle Selektion
Ein Individuum bevorzugt bei seiner Partnerwahl bestimmte Merkmale. Dadurch haben nicht alle potentiellen Sexualpartner die gleichen Chancen zur Fortpflanzung, es findet somit eine Selektion statt. Die Erbanlagen, die die Merkmale hervorbringen, die fr die Partnerwahl entscheidend waren, werden dadurch weiter gegeben.
künstliche Selektion
Vom Mensch gewünschte Eigenschaften werden durch Selektion und Zucht einzelner Individuen gezielt vermehrt.
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Auch Gendrift genannt. Vorgang bei der Evolution, der zu einer Veränderung im Genbestand kleiner Teilpopulationen gegenüber der Ausgangspopulation führt. Je kleiner eine Population ist, umso leichter kann der Zufall eine vom allgemeinen Durchschnitt abweichende Kombination von Genen zusammenführen. Gelangen beispielsweise nur wenige Individuen einer Art in ein isoliertes Gebiet (Insel, abgeschnittenes Gebirgstal), so können sich nun von ihrem Selektionswert unabhängige Mutationen aufgrund des Zufalls durchsetzen oder verlorengehen. Dies kann zu Formen führen, die in einzelnen Merkmalen nicht angepasst sind (beispielsweise auffällige Färbung, die sie als Beutetiere mehr gefährdet). Der Wirkungsgrad der Gendrift kann durch die mathematische Statistik erfasst werden.


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