Konferenz in Warschau Staaten einigen sich nach Schlussdrama auf Klimakompromiss

Die Staaten haben sich bei der Klimakonferenz auf Grundzüge eines neuen Abkommens verständigt. Die starre Grenze zwischen Industrie- und Entwicklungsländern ist gefallen. Arme Staaten bekommen mehr Hilfe bei Wetterkatastrophen.

Aus Warschau berichtet

Beifall in Warschau: Einigung auf Klimaabkommen
REUTERS

Beifall in Warschau: Einigung auf Klimaabkommen


Was für ein Schlussakt: Bei der Uno-Klimakonferenz in Warschau konnten sich die Staaten doch noch zusammenraufen - einen vollen Tag später als geplant und nach einem dramatischen Finale. Der Weg zum neuen internationalen Klimaabkommen, das 2015 in Paris beschlossen werden soll, ist zunächst frei. Zudem ist die bisherige starre Trennung nach Industrie- und Entwicklungsländern gefallen, und Entwicklungsländer erhalten künftig mehr Hilfen bei Wetterkatastrophen - geregelt durch eine neue Arbeitsgruppe unter der Ägide des Uno-Klimasekretariats.

Um letzteren Punkt entwickelte sich kurz vor Schluss ein veritables Drama. Auf allen wichtigen Feldern hatten sich die Delegierten nach zähen Verhandlungen endlich geeinigt. Doch dann zogen die Entwicklungsländer im letzten Moment die Handbremse: Gerade als der polnische Konferenzpräsident Marcin Korolec die Entscheidung für gefallen erklärte und den Hammer auf sein Pult senken wollte, ergriff der Vertreter der Fidschi-Inseln das Wort im Namen der Entwicklungsländer (G77).

Er erklärte, dass es doch keinen Konsens gebe. Ein einziges Wort störte. Es stand für einen zentralen Punkt: den Hilfen für arme Länder, die von Wetterkatastrophen heimgesucht werden - und durch den Klimawandel künftig womöglich noch öfter als bisher. Die Debatte über die Schäden und Verluste, im Uno-Jargon "Loss and Damage", hatte sich zuvor bereits als umstrittenster Punkt der Verhandlungen herauskristallisiert.

"Take it or leave it"

Die Industriestaaten, allen voran die USA, hatten eine rote Linie gezogen: "Loss and Damage" wird nicht in einer komplett neuen Infrastruktur unter Uno-Ägide behandelt, sondern im Rahmen bereits beschlossener Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel. Zuletzt hieß es aus Delegiertenkreisen, dass den Entwicklungsländern die Pistole auf die Brust gesetzt worden sei: "Take it or leave it" - entweder ihr nehmt dieses Angebot an, oder es wird überhaupt keine Einigung zu "Loss and Damage" geben.

Doch die Entwicklungsländer spielten überraschenderweise nicht mit. Vertreter gleich mehrerer dieser Staaten schritten nun im Plenum ein: Man sei genau ein Wort von einer Einigung entfernt. Das Wort lautet "unter" und bezieht sich auf den zentralen Satz, nämlich dass "Loss and Damage" unter den bereits bekannten Anpassungsmaßnahmen abgehandelt werden sollte.

Wenig später präsentierte Korolec zur allgemeinen Erleichterung den Kompromiss: "Loss and Damage" werde zwar unter Anpassung abgehandelt, bei der 22. Klimakonferenz im Jahr 2016 aber werde der Status des "Warschau-Mechanismus für Verluste und Schäden" neu verhandelt. Zudem enthält der Vertrag den Passus, dass die Verluste und Schäden durch Wetterkatastrophen über die bloße Anpassung an den Klimawandel hinausgehen - eine Feststellung, die den Entwicklungsländern äußerst wichtig war.

"Das ist ein Meilenstein", kommentierte Koko Warner von der Universität der Vereinten Nationen in Bonn, eine der Hauptautorinnen des neuen Sachstandsberichts des Uno-Klimarats IPCC. "Es ist äußerst wichtig, dass dieses Thema endlich auf der internationalen Agenda angekommen ist." Der Vertreter der Bahamas sprach sagte, dass eine "philosophische Brücke " bei Klimawandel-Folgen geschlagen worden sei.

"Dieses Abkommen wird nicht ambitioniert sein"

In anderen Punkten gab es zuvor Einigungen. Die vielleicht wichtigste: Die starre Trennung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern fällt weg. Bei der Uno-Konferenz im polnischen Warschau haben sich die Staaten darauf geeinigt, dass ein künftiges Klimaschutzabkommen "für alle Parteien" gelten werde. In den zähen Verhandlungen in Warschau hatten sich große Länder wie China und Indien, die bisher offiziell zu den Entwicklungsländern gehörten, gegen die Neuordnung gewehrt. Der Grund: Bisher waren diese Staaten von verbindlichen Klimaschutzzielen ausgenommen.

Im Gegenzug wurden allerdings die Ambitionen für den neuen internationalen Klimavertrag, der 2015 in Paris verabschiedet werden soll, heruntergeschraubt: Während in früheren Entwürfen noch von "Verpflichtungen" die Rede war, sind diese nun durch "Beiträge" ersetzt worden. "Damit ist formal der Weg zu einem neuen Abkommen im Jahr 2015 geebnet", kommentierte Christoph Bals von der Umweltorganisation Germanwatch. "Aber dieses Abkommen wird wahrscheinlich nicht besonders ambitioniert ausfallen."

Andere Umweltverbände äußerten sich noch kritischer. "Das in Warschau erzielte Zwischenergebnis ist gefährlich schwach", sagte Oxfam-Mitarbeiter Jan Kowalzig. "Kohlerauch verhüllt Klima-Ambitionen", schrieb das Climate Action Network, ein Zusammenschluss mehrerer Umweltorganisationen.

Offen ist zudem, wie die neue Weltordnung in Sachen Klimaschutz aussehen wird. Die beiden alten Blöcke gibt es nicht mehr. Doch wodurch sie ersetzt werden, weiß niemand. Sicher ist nur, dass arme Entwicklungsländer nicht die gleichen Aufgaben erfüllen müssen wie reiche Industriestaaten - und dass Länder wie China und Indien stärker in die Verantwortung genommen werden dürften.

Historische Emissionen: China überholt EU im Jahr 2025

Große Schwellenländer wie China und Indien hatten es bisher abgelehnt, sich auf verbindliche Ziele zur Senkung ihres Treibhausgas-Ausstoßes festzulegen. Ihr Argument: Da der Westen für den bisherigen Klimawandel verantwortlich sei, müsse er auch beim Klimaschutz vorangehen. "Die Aufteilung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern sollte bestehen bleiben", sagte Chinas Delegierter Su Wie noch kurz vor dem Kompromiss.

Es war der letzte Versuch, die alte Aufteilung in die Zukunft zu retten. Denn China führt die Liste der größten CO2-Emittenten längst mit großem Abstand vor den USA an; auf Rang drei folgt bereits Indien. Beim Pro-Kopf-Ausstoß, der als ein Indikator für individuellen Wohlstand gilt, hat China inzwischen mit der EU gleichgezogen.

Selbst der Hinweis auf die historischen Emissionen und die daraus erwachsende Verantwortung des Westens wird bald nicht mehr ziehen: Nach neuesten Berechnungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung sind die 27 EU-Staaten für 17 Prozent der Emissionen seit dem Jahr 1850 verantwortlich - und China bereits für elf Prozent. Um das Jahr 2025, so eine grobe Schätzung, wird Chinas Anteil an der Summe aller bis dahin aufgelaufenen CO2-Emissionen den der EU übersteigen.

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nitram1 23.11.2013
1. Die wievielte Inszenierung des Klassikers von Hans Christian Andersen,
des Kaisers neue Kleider war das eigentlich? Und wie viel Bonzen haben da wieder teilgenommen? Wie viel Milliarden unnütze Arbeitsstunden und Vermögen muß der deutsche Bürger wieder für die Ideologie der Klimakirche spenden? Und es gibt immer noch keinen Journalisten, geschweige denn einflussreichen Politiker der diesen Bonzen endlich sagt, dass der Kaiser splitter faser nackt ist! Denk ich an Deutschland in der Nacht..............
nana22 23.11.2013
2. Die nächsten Beschlüsse um den Steuerzahlern
das Geld aus der Tasche zu ziehen. Bereits vor der Industriealisierung hat es Klima und Klimawandel gegeben. Im Übrigen brauchen sich nur die Sonnenaktivitäten zu ändern oder starke Saharawinde aufzutreten oder Vulkane auszubrechen, oder Waldbrände und schon ist die ganze Berechnung wieder mal Makulatur.
Mannfreed 23.11.2013
3. Und?
Zitat von sysopREUTERSDie Klimakonferenz von Warschau ist mit einer Einigung zu Ende gegangen. Die Staaten haben sich auf Grundzüge eines neuen Klimaabkommens geeignet, die starre Grenze zwischen Industrie- und Entwicklungsländern ist gefallen - und arme Staaten bekommen mehr Hilfe bei Wetterkatastrophen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/warschau-uno-klimakonferenz-endet-mit-einigung-nach-schlussdrama-a-935309.html
Und? Wenn man so groß einen Erfolg betont, dann kann man ja auch schreiben, was das nun KONKRET bedeutet? Welche ZIELE haben sich die Länder gesetzt? Und wie sehen die STRAFEN aus, wenn diese nicht erreicht werden? Ach? Es gibt NICHTS zu melden. Dann fände ich es richtig, das aus so zu schreiben.
KaWiDu 23.11.2013
4.
Mir ist klar, dass Konferenzen wichtig sind. Miteinander reden, miteinander beschließen. Alles klar. Trotzdem bin ich dieses Geredes überdrüssig. Was für ein Erfolg: Das Wörtchen "unter" hatte gestört! Und, wow, jetzt wird nicht mehr zwischen Industrie- und Entwicklungsländern unterschieden! Yeah! Die Welt ist gerettet! Oder so. Am Ende sind diese Klimakonferenzen und -beschlüsse allesamt Feigenblätter, die das Problem nicht an der Wurzel angehen: übermäßiger Konsum, Wegwerfgesellschaft, Externalisierung von (sozialen und ökologischen) Produktionskosten.
MaxSeelhofer 23.11.2013
5. Klimawandel hat es IMMER gegeben - OHNE die Menschen ... !!!
„Klimawandel“ („globale“ Temperatur steigt, fällt, steigt, etc. / Gletscher [mal hier, mal dort] wachsen, ziehen sich zurück, wachsen, etc. / Meeresspiegel [Wo ?] steigt, sinkt, steigt, etc.) hat es IMMER gegeben, seit zig-Millionen von Jahren (d.h. 99.999% der Zeit - und dies alles OHNE Mensch(en), den/die gibt es erst seit einigen wenigen zehntausend Jahren). Haben wir doch alle/alles in der Schule gelernt. Das von Menschenhand erzeugte CO2 und andere sog „Gase“ liegen mengenmässig im Nullbereich, spielen also überhaupt keine Rolle. Falsch: Die CO2 Konzentration in der Atmosphäre steigt, dann steigt die Temperatur „global“. RICHTIG: Die Temperatur „global“ steigt, und mit einer Zeitverzögerung von 600 bis 1000 Jahren steigt die CO2 Konzentration in der Atmosphäre. - Der Mensch hat damit nichts zu tun - wer/was denn wohl? Mit andern Worten: alle die sog. Klimagipfel und -konferenzen sind totaler Unfug plus Verschwendung von Geldern, die der/die naive SteuerzahlerIn bezahlt. Das Wort „Klimaschutz“ z.B. ist rein semantisch die Krone des unfreiwilligen Humors (Wer schützt wen vor was? - Der Mensch das Klima, oder das Klima den Menschen?). Zudem: „Klimapolitik“ muss was ganz anderes heissen, nämlich: „Wie passen wir uns an an etwas (Darwin lässt grüssen ...), das ohne unser Zutun ohnehin stattfindet (falls „es“ überhaupt stattfindet) - Was den ökonomischen Aspekt anbelangt (die Welthandelsströme werden vermutlich [oder doch nicht?] sich dramatisch verändern: Wein aus Norwegen nach Australien, Mangos aus England nach Peru, Grönland wir (wieder) zu Grünland (die dortigen Gemüsebauern im Süden der Insel wird es freuen), in Sibirien und im Norden Kanadas muss weniger geheizt werden (Kostenreduktion zugunsten der Haushalte und weniger CO2-Ausstoss [wenn schon ...], etc.) ist die SPIEGEL-Online Wirtschaftsredaktion (Motto: „L'imagination au pourvoir“) angefragt. Und was alles andere anbelangt („Verführtes Denken“ plus „Was hätte Kant dazu gesagt?“), da sollte sich ist SPIEGEL-Online Kultur-Redaktion mal hinter den Ohren kratzen (nicht ironisch gemeint). Der Klimawandel findet seit zig-Millionen von Jahren statt und wird auch in den kommenden zig-Millionen von Jahren stattfinden, der Mensch hat „global“ (ich wiederhole: „global“) damit nichts zu tun, er kann das Klima „global“ nicht beeinflussen, er kann sich nur „anpassen“. Das würde dann auch implizieren, dass die vielzitierten „Umweltverbände“ („you name it“ - „moralische Instanzen“, „Lachnummern“ ... ???) - ja was sind sie denn wohl ...?
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