Drama der Erdgeschichte Als das Mittelmeer verschwand

Eine zwei Kilometer tiefe Senke statt des Ozeans, und Mallorca war ein Hochplateau - vor sechs Millionen Jahren passierte Unglaubliches: Das Mittelmeer verdunstete. Was war geschehen?

Daniel Garcia-Castellanos

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Das Mittelmeer war weg, so, als hätte jemand den Stöpsel gezogen. An Stränden, auf die zuvor die Wellen brachen, fiel die Küste 2000 Meter steil ab. Tiefe Canyons durchschnitten die schroffen Hänge, in den Kerben stürzten Flüsse zu Tal. Auf Felsterrassen an den Flanken krallten sich Nadelbäume fest.

Eine karge Tiefebene erstreckte sich, wo zuvor Wasser schwappte. Am Grund schimmerte eine grauweiße Salzwüste, in der einzelne Seen glitzerten. Wie platte Kegel ragten Hochplateaus hervor - die Inseln Mallorca, Korsika, Sardinien und all die anderen heutigen Urlaubsparadiese.

Auf der Jahrestagung der European Geosciences Union (EGU) in Wien legten Forscher nun neue Erklärungen vor, wie es zu dem Verschwinden des Mittelmeers gekommen ist.

Dass etwas Kolossales passiert sein musste, dämmerte Naturkundlern bereits im 19. Jahrhundert: In Südfrankreich waren Arbeiter beim Bohren von Brunnen auf eine unterirdische Schlucht gestoßen, die mit Erde zugedeckt war.

Das Erstaunen wollte kein Ende nehmen

Weitere Bohrungen zeigten, dass der Graben sich wie ein Untergeschoss unter dem gesamten Rhône-Tal entlangzog. Der Fluss, so viel schien klar, musste sich also einst tief in den Boden geschliffen haben.

Es blieb eigentlich nur eine Folgerung, die aber noch kaum ein Forscher auszusprechen wagte: Der Pegel des Mittelmeers musste extrem niedrig gelegen haben.

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Vor knapp 60 Jahren dann entdeckten Geoforscher im Boden des Mittelmeers Merkwürdiges: Bei der Erkundung des Untergrunds mittels Schallwellen, zeichnete sich auf den Monitoren ihres Forschungsschiffes eine Linie ab: Etwa hundert Meter tief im Schlick wurden Schallwellen reflektiert.

Das Erstaunen wollte kein Ende nehmen: Die Linie war überall, sie verlief im gesamten Meeresgrund. Eine Schicht musste sich ozeanweit abgelagert haben. Um was handelte es sich?

Es dauerte mehr als zehn Jahre, bis Bohrungen enthüllten, dass die Schicht aus Salz bestand. Jetzt fragten sich die verdutzten Forscher: Warum hatte es sich gleichmäßig über den gesamten Grund verteilt?

Die Analyse ergab, dass es sich wesentlich um Anhydrit handelte - ein Salz, das zurückbleibt, wenn Meerwasser verdunstet.

Flussmündung am Meeresgrund

Weitere Bohrungen lieferten die nächste Überraschung: In dem Salz erspähten die Forscher versteinerte Bakterienmatten, sogenannte Stromatolithen. Diese seit Urzeiten die Erde bevölkernden Wesen gedeihen im Flachwasser.

Jetzt sprachen die Wissenschaftler aus, was kaum noch zu ignorieren war: Der Grund des Mittelmeers muss einst nahezu trockengefallen sein.

Alles passte zusammen: Große Flüsse wie Nil und Rhône hatten bis zu 2400 Meter tiefe Schneisen in die Küsten geschnitten, wie Erkundungen ergaben.

Eine Bohrung vor Sardinien brachte den finalen Beweis: Dort lagen im Meeresgrund große Mengen Kies. Es handelte sich um Schotter aus dem Schwemmfächer einer urzeitlichen Flussmündung. Wasser musste sich aus dem Fluss direkt auf den Meeresboden ergossen haben.

Aber wie lange war das her?

Mit Spannung warteten die Gelehrten auf das Resultat ihrer Altersbestimmung des Salzes. Atome darin zerfallen in gleichbleibender Menge. Indem man die Menge der zerfallenen Teilchen mit der Menge der Ursprungsteilchen vergleicht, lässt sich das Alter der Substanz bestimmen.

Was war geschehen?

Das Ergebnis war eine riesige Überraschung: Das Salz hatte sich vor knapp sechs Millionen Jahren abgelagert, also in geologisch gesehen jüngster Vergangenheit. Zu jener Zeit muss das Mittelmeer verdampft sein und das Salz hinterlassen haben, folgerten die Wissenschaftler.

Seither debattieren Forscher über die Ursachen des Erdgeschichtsdramas. Klar scheint, dass sich die Straße von Gibraltar einst geschlossen haben muss, jene 14 Kilometer schmale Meerenge zwischen Europa und Afrika, durch die das Mittelmeer mit Wasser aus dem Atlantik versorgt wird.

Aber wie könnte das geschehen sein? Auf der EGU-Tagung in Wien favorisierten Geoforscher zwei Theorien:

  • Eine Erdplatte, der sogenannte Gibraltar-Bogen, habe sich gedreht - und den Seeweg schließlich blockiert, meint eine Gruppe um Ana Crespo-Blanc von der Universidad de Granada in Spanien.
  • Vulkane hätten den Zugang zum Mittelmeer verstopft, meinten Guillermo Booth-Rea und seine Kollegen vom selben Forschungsinstitut.

Ana Crespo-Blanc und ihre Kollegen haben die Bewegungen der Erdplatten rekonstruiert, die bei Gibraltar ein kompliziertes Puzzle vieler Platten sind: Die Region geriet einst in den Sog der Alpenentstehung: Die Afrikanische Erdplatte schiebt sich wie ein Sporn in die Europäische, wobei sich in der Knautschzone die Alpen türmen.

Verbogene Platte

Auch westlich und östlich verbiegen sich seither die Platten. Vor neun Millionen Jahren, so berichteten es Ana Crespo-Blanc und ihre Kollegen auf der Wiener Tagung, begann sich dabei ein knapp 200 Kilometer breiter Block entgegen dem Uhrzeigersinn in die Straße von Gibraltar zu drehen - bis die sich schließlich vor knapp sechs Millionen Jahren geschlossen hatte.

Die Gruppe um Guillermo Booth-Rea hingegen präsentierte Bilder des Untergrunds, die sie vor Gibraltar mit Schallwellen gewonnen hatten. Dort taucht eine Erdplatte unter eine andere. Die Bilder zeigen die kilometerdicken Ablagerungen von Vulkanen, die vor zehn bis sechs Millionen Jahren dort am Meeresgrund ausgebrochen waren. Sie könnten den Seeweg schließlich blockiert haben, meinen die Forscher.

War der Wasserzufluss ausgedünnt, könnte eine Kettenreaktion eingesetzt haben, meint Rob Govers von der Universität Utrecht in den Niederlanden: Eine leichte Absenkung des Wasserpegels reiche aus, um die Austrocknung des Mittelmeers unumkehrbar zu machen.

Das Meer lief wieder voll

Als sich nämlich der Wasserspiegel senkte, wurde der Meeresgrund entlastet - er hob sich. Die Hebung verkleinerte die Straße von Gibraltar weiter. Folglich verringerte sich der Wasserzustrom aus dem Atlantik noch mehr - und damit wiederum die Wasserlast auf dem Meeresgrund. Die Hebung des Bodens setzte sich fort.

Dass das Mittelmeer überhaupt wieder volllief, verdankt sich nach Meinung der Forscher der abtauchenden Erdplatte: Sie zerrt den Grund des Mittelmeers unterhalb der Straße von Gibraltar mittlerweile mit in die Tiefe. Vor 5,3 Millionen Jahren hatte sich das Land so weit gesenkt, dass wieder Wasser vom Atlantik ins Mittelmeer strömte.

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Erde von der verrückten Seite


insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
roland_riese 25.04.2016
1. Und das Kliema veraenderte sich.
Und seit Milionen von Jahren aendert sich so das Kliema. Wenn unsere Erde so sensitive zu kleinen Veraenderungen waere dann wuerde es kein Leben auf der Welt geben. Think about that.
DenkenKannHelfen! 25.04.2016
2. Lesetipp
Wolfgang Jeschke - "Der letzte Tag der Schöpfung". Spielt (unter anderem) genau zu dieser Zeit.
noalk 25.04.2016
3. Sowohl als auch
Die beiden Theorien zur Entstehung der Gibraltar-Blockade schließen sich nicht gegenseitig aus. Mir scheint im Gegenteil eine mehr oder weniger zeitgleicher Ablauf beider Prozesse nicht unwahrscheinlich.
knuty 25.04.2016
4.
Zitat von roland_rieseUnd seit Milionen von Jahren aendert sich so das Kliema. Wenn unsere Erde so sensitive zu kleinen Veraenderungen waere dann wuerde es kein Leben auf der Welt geben. Think about that.
Sie wissen aber schon, dass es in 85% der Erdgeschichte aufgrund des ungünstigen Klimas kein höheres Leben gab oder?
Tiananmen 25.04.2016
5.
Zitat von DenkenKannHelfen!Wolfgang Jeschke - "Der letzte Tag der Schöpfung". Spielt (unter anderem) genau zu dieser Zeit.
Ein großartiger Roman. Dass das Mittelmeer (Meer, Herr Bojanowsky, des halb keine "ozean-weite" Ablagerung) wieder volllief, kann man darin erfahren, daran waren die Öl-Scheichs schuld: sie haben den Isthmus atomar gesprengt. Die wollten sich nicht einfach "das Öl unter dem Hintern wegpumpen lassen" (Zitat). Leider passt nach heutiger zeitlicher Ordnung nicht, dass sich die Amerikaner als Hilfstruppen Homo erectus rekrutierten.
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