Fatales Wetterphänomen Die taghelle Kriegsnacht von 1941

Ein extremes Wetterphänomen mitten im Zweiten Weltkrieg ließ die Nacht hell leuchten, mit Folgen: Radios spielten verrückt, der Strom fiel aus - und im Atlantik hatte das Flackern tödliche Konsequenzen.

Nachtleuchten über Mason City, Iowa, USA: Foto vom 18. September 1941, aufgenommen von Safford Lock
Mason City Public Library Histor

Nachtleuchten über Mason City, Iowa, USA: Foto vom 18. September 1941, aufgenommen von Safford Lock

Von


Dass etwas nicht stimmte in der Nacht vom 18. auf den 19. September 1941, bemerkten als erstes Radiohörer im Norden der USA. Eben noch sang Bing Crosby "Where the Blue of the Night Meets the Gold of the Day", dann knarzte und knackte es - und plötzlich unterhielten sich zwei Männer über ihre Liebschaften, live auf Sendung.

Ihnen folgten zwei Frauen: "Ich habe es hinbekommen mit Eddie, dass er einen Kerl für dich klarmacht", sagte eine. Jedem Hörer war klar: Eine normale Radiosendung war das nicht. Tatsächlich waren private Telefongespräche übertragen worden.

Das ungewöhnliche Programm hatte überirdische Ursachen. Ein gewaltiger Sonnensturm hatte die Erde getroffen, störte Stromnetz, Flugverkehr, Radiosendungen - und er griff auf fatale Weise in den Zweiten Weltkrieg ein.

Flecken inmitten der Sonne

Die Geoforscher Jeffrey Love und Pierdavide Coisson vom Geologischen Dienst der USA, dem USGS, erzählen im Fachmagazin "Eos" nun die Geschichte jener Nacht.

Am 16. September 1941 ahnten Astronomen am Mount Wilson Observatory in Kalifornien bereits, dass die Sonne eine unangenehme Überraschung bereithielt. Sie hatten zahlreiche schwarze Flecken auf dem Gestirn beobachtet - Zeichen erhöhter Aktivität.

Die Flecken sammelten sich in der Mitte der Sonne, sie zielten Richtung Erde. Den Forschern war klar: Ein Sturm geladener Teilchen war zu erwarten. Dass es der stärkste je gemessene Sonnensturm werden würde, ahnten sie allerdings nicht.

Warnung verpuffte

Die Astronomen setzten eine Warnung ab, die auch an Radiostationen ging. Aber was sollten die Betreiber schon machen, außer zu hoffen, die Störungen würden schon gering ausfallen? 20 Stunden später zeigte sich, dass ihre Hoffnung trügen sollte.

Vom 18. auf den 19. September prasselten binnen 24 Stunden sechs Sonnenstürme der Stärke neun, also der höchsten Magnitude, auf die Erde. Der Strom geladener Teilchen dellte den magnetischen Schutzschirm unseres Planeten, der Tausende Kilometer über der Erde Sonnenwinde normalerweise vor dem Eintritt in die Atmosphäre abfängt.

Der Schirm versagte, magnetische Wellen schossen durch die Atmosphäre - sie störten die Elektronik auf der Erde, es gab zahlreiche Stromausfälle.

Ächzende Geräte

"Unkontrollierte Spannungsschwankungen" in den Leitungen ihrer Wasserkraftwerke, notierte etwa die Pennsylvania Water and Power Company . Transformatoren hätten "vibriert und geächzt". Das National Bureau of Standards meldete eine "große ionosphärische Störung", also eine Art magnetischen Schock elektrisch geladener Bereiche der Atmosphäre in großer Höhe.

Eigentlich wäre es in der Neumondnacht stockfinster geblieben. Doch jetzt flackerte es grell. "Ein kosmischer Pinsel bemalte den Himmel über Chicago mit Licht", schrieb die "Chicago Tribune" am nächsten Tag. Von "Neonlichtern" berichtete die Tageszeitung "Brooklyn Eagle".

Zeugen glaubten an militärische Aktivitäten. "War das ein Flugabwehrgeschütz?", fragten Anwohner laut "Washington Post". Die USA waren damals kurz davor, in den Zweiten Weltkrieg gezogen zu werden.

Die Ahnung des Seemanns

Im Nordatlantik hatte das Himmelsleuchten fatale Folgen. Eigentlich hätte SC-44, ein Konvoi kanadischer Frachtschiffe, unerkannt durch die Nacht gelangen können. Doch das Flackern verriet ihn.

"Einige Rauchwolken am Horizont, vermutlich Schiffe", notierte Kapitänleutnant Eitel-Friedrich Kentrat in seinem südlich vor Grönland liegendem U-Boot U-74. "Die Sicht ist hell wie am Tage", freute sich der Deutsche. An seine Flotte in der Umgebung funkte er: "Feindlicher Konvoi in Sicht." Eine Antwort erhielt er nicht, auch der Funk war gestört.

Auf der SC-44-Flotte ahnte ein Seemann das Unheil: "Was für eine Nacht für eine Torpedierung", sagte er an Bord der "HMCS Lévis" zu einem Kameraden.

18 Seeleute ertranken

Drei Kilometer entfernt gab Kapitänleutnant Kentrat auf dem U-74 den Befehl zum Abschuss von vier Torpedos. Einer zerriss die "HMCS Lévis" in der Mitte. Sie sank. 18 Seeleute ertranken, 40 wurden gerettet.

Auch in der Ostsee und in Leningrad erleuchteten Polarlichter nächtliche Schlachten, schreiben Jeffrey Love und Pierdavide Coisson in "Eos". Die beiden Forscher weisen auf die Folgen hin, die solch ein Sonnensturm heute hätte.

Satelliten könnten von ihrer Bahn abkommen und ausfallen, das GPS-Navigationssystem würde gestört, ebenso die Elektronik weltweit, Flugzeugbesatzungen wären extremer Strahlung ausgesetzt - und auch Radiosendungen würden wieder unterbrochen.

Die Folgen wären alles andere als unterhaltsam. Berechnungen der National Academy of Sciences der USA haben ergeben, dass extreme Sonnenstürme Schäden von mehr als einer Billion Euro verursachen könnten.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.