Waschbär, Marderhund, Mink Eingeschleppte Arten bedrohen heimische Tierwelt

Für die Herstellung von Pelzen holte der Mensch einst Waschbären, Marderhunde und Amerikanische Nerze nach Europa. Nun werden die Tiere zur Bedrohung für die heimische Artenvielfalt und sollen abgeschossen werden.

DPA

Eine schnelle Bewegung zwischen den Bäumen, ein Huschen an der Landstraße, ein nächtliches Rascheln im Garten. Meist unbemerkt breiten sich hierzulande nicht nur die Waschbären aus. Marderhund und Amerikanischer Nerz, auch Mink genannt, werden ebenfalls in immer mehr Gebieten gesichtet. Das belegen die von den Jägern erlegten Tiere und das vom Deutschen Jagdverband (DJV) betreute Wild-Monitoring.

Bei dem Projekt zur bundesweiten Erfassung ausgewählter Wildtierarten steht die Ausbreitung im Vordergrund, nicht die Jagd. Seit 2006 überwachen Jäger so auch die drei einst wegen ihrer Pelze nach Europa importierten Arten. Die Überwachung umfasst knapp 250.000 Reviere - das entspricht fast der Hälfte der gesamten land- und forstwirtschaftlichen Fläche in Deutschland.

Waschbären besetzten Vogel-Nistplätze

"Der Waschbär hat sein Verbreitungsgebiet deutschlandweit in sieben Jahren nahezu verdoppelt und kommt jetzt fast in jedem zweiten Jagdrevier vor", sagt DJV-Sprecher Torsten Reinwald. Im Jagdjahr 2012/2013 wurden erstmals mehr als 100.000 der Kleinbären erlegt oder überfahren. Innerhalb von nur zehn Jahren habe sich damit die Zahl getöteter Tier verdreißigfacht, sagt Reinwald.

Vor allem in Hessen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg sind die Tiere zu finden. Dort sei der Waschbär (Procyon lotor) in mehr als drei Viertel der Jagdreviere gelangt, so Reinwald. Sieben Jahre zuvor seien es nur 42 Prozent gewesen. Die rasante Ausbreitung ist eine Gefahr für einheimische Arten.

"Bis zu einem Viertel aller potenziellen Uhu-Nistplätze in Thüringen ist bereits vom Waschbär besetzt", erklärt Martin Görner von der Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen. "Auch in den Horsten von Greifvögeln und Störchen sichten wir immer wieder Waschbären. Das hindert die Vögel am Brüten - da muss etwas geschehen."

Waschbär frisst bedrohte Schildkrötenart

Görner glaubt nicht an eine natürliche Lösung und fordert eine scharfe Bejagung. Zum Schutz der Wiesenvögel hat die Verwaltung des Biosphärenreservats Elbtalaue in Niedersachsen Lebendfallen für Waschbären gekauft und Revierinhabern ausgeliehen. Dort waren die Kletterkünstler sogar im Seeadlerhorst gesichtet worden.

Als Experte für Sumpfschildkröten des Landesamtes für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz in Brandenburg sieht auch Norbert Schneeweiß eine erhebliche Bedrohung im Waschbär: "Er wird nicht nur in Brandenburg zur Gefahr für die ohnehin vom Aussterben bedrohte Europäische Sumpfschildkröte und ihre letzten Vorkommen bei uns - wir finden immer wieder Opfer des Kleinbären", berichtete der Zoologe. "Es gibt Bereiche, wo bis zu 50 Prozent der beobachteten Schildkröten schwer verletzt sind."

Marderhunde in Sachsen und Sachsen-Anhalt

"Der aus Asien stammende Marderhund lebt bereits in jedem dritten Revier, das sind zehn Prozentpunkte mehr als 2006", sagt Reinwald. Im Jagdjahr 2013/2014 wurden genau 20.140 erlegte oder überfahrene Tiere gezählt, rund 1500 mehr als im Vorjahreszeitraum. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern seien die Tiere in mehr als 80 Prozent aller Reviere nachgewiesen worden. Den größten Zuwachs gab es in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Zuerst waren die Marderhunde (Nyctereutes procyonoides) im Westen der damaligen Sowjetunion aufgetaucht, nun breiten sie sich Richtung Atlantik aus.

Der Mink (Neovison vison), eine aus Nordamerika stammende Nerzart, kommt mittlerweile in neun Prozent der Reviere vor, in Sachsen-Anhalt wurde er sogar in mehr als 25 Prozent nachgewiesen. Experten halten ihn für den gefährlichsten der drei Einwanderer (siehe Bilderstrecke).

Bejagung der Waschbären, Wiederansiedlung der Luchse

Der DJV fordert eine intensivere Erforschung des Einflusses auf die heimische Artenvielfalt und eine Intensivierung der Fallenjagd. "Die Jäger-Daten sind alarmierend", sagt Reinwald. Marderhunde und Waschbären seien nachtaktiv - eine Einschränkung der Fangjagd mit Fallen, wie etwa in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen geplant, sei da höchst kontraproduktiv.

Während die drei Neuzugänge in Deutschland bekämpft werden, kümmern sich Naturschützer um die Wiederansiedlung der Luchse. Die letzte Raubkatze im Harz wurde im Jahr 1818 erlegt. Von Menschenhand wurden zwischen dem Jahr 2000, als die Wiederansiedlung begann, und 2006 insgesamt 24 Tiere in die Natur gebracht. Sie haben sich bereits kräftig vermehrt - zum Unmut der Jäger: Was die Luchse fressen, können sie nicht mehr schießen.

jme/dpa



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