Wasser-Wirbel In der Tiefsee toben Taifune

In der Tiefsee vor Südamerika haben Forscher gewaltige Wasserwirbel entdeckt, die den Wirbelstürmen in der Erdatmosphäre ähneln. Sie könnten wichtige Hinweise auf drastische Veränderungen geben – wie etwa ein Versiegen des Golfstroms.


Tiefenrandstrom vor der Küste Brasiliens: Durch Strömungsmesser an der schwarzen Linie entdeckten die Forscher die Meeres-Taifune
IFM-GEOMAR

Tiefenrandstrom vor der Küste Brasiliens: Durch Strömungsmesser an der schwarzen Linie entdeckten die Forscher die Meeres-Taifune

Bisher hatten Meeresforscher angenommen, dass das Tiefseewasser im Atlantik ruhig und kontinuierlich fließt. Ein Irrtum: In 2000 Metern Tiefe wälzen sich bis zu 300 Kilometer breite Wirbel mit 150 Metern pro Stunde durch das Meer, berichten Forscher des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Die Forscher hatten vor vier Jahren Strömungsmessgeräte im Meeresboden vor der brasilianischen Stadt Recife verankert. Einmal im Jahr holten sie die Geräte zum Ablesen an Bord zurück. "Zuerst waren wir von den starken Strömungsschwankungen überrascht", berichtet Leibniz-Forscher Marcus Dengler, "doch dann konnten wir sie mit Hilfe von Simulationsmodellen als Wirbel identifizieren".

Wichtiger Hinweis auf Klimaveränderungen

Diese Meereswirbel heißen in der Fachsprache "Eddies". Sie entstehen alle 60 Tage, wenn die Atlantikströmung vor der Küste Brasiliens zerfällt und das Tiefenwasser wie in einer Falle in sich gefangen nimmt. Dann ziehen die Eddies Richtung Süden den Kontinentalabhang entlang - eine Zone, in der sich der Meeresboden vom 100 bis 200 Meter tiefen Schelfgürtel bis auf etwa 3500 Meter Tiefe absenkt. Danach geht der Hang ins Tiefseebecken über.

Auslegen der Strömungsmesser: Jedes Jahr werteten die Forscher die Daten aus
IFM-GEOMAR

Auslegen der Strömungsmesser: Jedes Jahr werteten die Forscher die Daten aus

Für Menschen und Schiffe sind die Tiefsee-Taifune nach Angaben der Forscher keine Gefahr, weil sie zu tief unter der Meeresoberfläche ihre Bahnen ziehen. Allerdings können sie ein wichtiger Indikator für Veränderungen im atlantischen Strömungssystem sein. Dieses System transportiert warmes Wasser im oberen Meeresbereich nach Norden und kaltes Wasser in der Tiefe nach Süden zurück. Damit besitzt es einen großen Einfluss auf das Weltklima.

Die Modelle der Forscher zeigen, dass die Eddies nur entstehen, wenn der Zustrom des Tiefenwassers aus dem Nordatlantik stark genug bleibt. Daher könnte eine Veränderung der Wirbel oder ihr Verschwinden ein wichtiger Hinweis auf einen Wandel der gesamten Atlantikströmung und damit auch des Golfstroms sein, der warmen Meeresströmung von Amerika nach Europa. Dank des Golfstroms besitzen große Teile West- und Nordeuropas ein milderes Klima, als es ihre geografische Breite vermuten lässt. Ein Versiegen des Stroms hätte einen massiven Klimawechsel in Europa zur Folge.



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