Wasserverschmutzung Seefische ändern ihr Geschlecht

Vor der Küste Kaliforniens haben Wissenschaftler eine beunruhigende Entdeckung gemacht: Sie fanden männliche Fische, denen weibliche Geschlechtsorgane gewachsen waren. Als Ursache vermuten sie Umweltverschmutzung.


Zwei Flachfischarten untersuchten die Wissenschaftler vom Southern California Coastal Water Research Project, und dabei fanden sie Eierstock-Gewebe in den Hoden der männlichen Tiere. Von 82 untersuchten Seezungen und Hornyhead Turbots wiesen 11 diese Veränderung auf. Diese Fischarten leben nah am Meeresgrund. Die Tiere wurden in Gegenden gefangen, in denen Abwasser ins Meer geleitet wird.

Schon seit längerem wird befürchtet, dass Östrogen im Wasser solche Veränderungen hervorrufen könnte. Dieses Hormon ist in Antibabypillen enthalten, wird ausgeschieden und gelangt so in großen Mengen ins Abwasser.

Andere Mitspieler als Östrogene?

Dan Schlenk von der University of California in Riverside sagte jedoch, in diesem Fall seien möglicherweise andere Stoffe mitschuldig an der Geschlechtsveränderung der Tiere. In den Bereichen, in denen die Tiere mit dem weiblichen Gewebe gefunden worden seien, seien die Östrogen-Auswirkungen vergleichsweise gering. "Es könnte sein, dass bei diesem Spiel noch andere mitspielen", sagte Schlenk.

Im Verdacht hat er zum Beispiel DDT. Obwohl das Pestizid in den USA seit 1972 verboten ist, findet es sich immer noch in den Sedimenten, die sich vor der kalifornischen Küste im Ozean ablagern. Gerade die untersuchte Gegend beim Los Angeles County sei "wahrscheinlich einer der am stärksten DDT-kontaminierten Orte in Nordamerika", sagte Schlenk. DDT kommt seiner Ansicht nach als Ursache der Verwandlung in Frage.

Zwei weitere Studien in der Gegend des südkalifornischen Orange County fanden ebenfalls männliche Fische mit der abnormen Fähigkeit, Eier zu produzieren. In diesem Fall waren sogar zwei Drittel der Tiere im Bereich nahe eines großen Abwasserkanals von den Veränderungen betroffen. Auch in einem Laborexperiment wurde die Wirkung der Sedimente nachgewiesen: Fische, die ihnen unter kontrollierten Bedingungen ausgesetzt wurden, änderten ebenfalls ihre Geschlechtsmerkmale.

Sorge um Verweiblichung der Meere

Beunruhigend finden die Wissenschaftler vor allem, dass Seefische von den Veränderungen betroffen sind. Steve Weisberg, der Leiter des Forschungsprojektes in Kalifornien, sagte, die Ergebnisse machten weitere Studien nötig. Es müsse geprüft werden, ob in den Ozeanen geschlechtsveränderte Fische bereits weit verbreitet seien.

Bislang wurden solche Effekte vor allem bei Süßwasserfischen beobachtet. Im vergangenen Jahr wurden beispielsweise männliche Fische, die Eier produzierten, im Potomac River in Maryland gefunden.

Der britische Endokrinologe John Sumpter hängte schon Mitte der Neunziger Käfige voller Forellen in britische Gewässer, in der Nähe der Einleitungen von Klärwerken. Er wollte Berichten von Hobbyfischern nachgehen, die ungewöhnlich viele Zwitter geangelt haben wollten - männliche Fische, die jedoch viele äußere Merkmale von Weibchen entwickelt hatten.

Prompt stieg im Blut der männlichen Fische im Klärwerk-Wasser die Konzentration von Vitellogenin um den Faktor 10.000, einem Molekül, das nur unter dem Einfluss von Östrogenen gebildet wird. Im Abwasser, so folgerte Sumpter damals, mussten östrogenähnlich wirkende Substanzen (Pseudoöstrogene) die Verweiblichung ausgelöst haben.

Es gibt übrigens auch Fische, die von Natur aus zugleich männlich und weiblich sind, deren Gonaden sowohl Eierstock- als auch Hodengewebe enthalten. Die Brutpaare eines bestimmten Zackenbarsches tauschen sogar bei jeder neuen Paarung die Rollen.



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