Wasserversorgung in Kalifornien Beben könnte Los Angeles trockenlegen

Der Norden Kaliforniens könnte zu einem zweiten New Orleans werden. Auch hier könnten Deiche brechen, warnen Forscher, und der Ozean riesige Landflächen überfluten. Auch die Trinkwasserversorgung von Los Angeles wäre dann bedroht.

Aus San Francisco berichtet


Es ist eine bizarre Landschaft: In dem riesigen Fluss-Delta östlich von der San Francisco Bay liegt praktisch sämtliches Land unterhalb des Meeresspiegels. Die mit Deichen umsäumten Wasserarme umfließen Inseln, die nur noch aus historischen Gründen so heißen: Brannan Island, Staten Island, Bouldin Island. "Früher waren das tatsächlich einmal richtige Inseln, die aus dem Wasser ragten", sagt Michael Miller, California Department of Water Resources, "heute müsste man sie eigentlich Löcher nennen".

Fünf Meter und mehr liegen die Inseln unterhalb der Wasserlinie. Wenn die Flut das Wasser vom Pazifik in das Delta hineindrückt, hat man von größeren Booten aus einen wunderbaren Blick über das Delta der Flüsse Sacramento und San Joaquin. Der Vergleich mit der Landschaft um New Orleans drängt sich auf - zu Recht. Denn hier wie da fürchten Wissenschaftler Dammbrüche mit katastrophalen Folgen.

Im Sacramento-San-Joaquin-Delta sind es freilich keine Wirbelstürme wie "Katrina", vor denen die Anwohner zittern. Die Gefahr kommt in Kalifornien nicht aus der Luft, sondern tief unten aus der Erde. Gleich mehrere Bruchlinien der Erdkruste verlaufen in unmittelbarer Nähe von Nordwesten nach Südosten: Greenville, Concord-Green-Valley und Calaveras. Wie bei der weiter westlich gelegenen San-Andreas-Verwerfung auch muss im Prinzip jederzeit mit einem Beben gerechnet werden.

Geologen fürchten Schlimmes, selbst wenn es sich nur um ein vergleichsweise harmloses Beben der Stärke 6 handelt: Die maroden Deiche könnten gleich an mehreren Stellen brechen, das Delta würde binnen kürzester Zeit großflächig unter Wasser stehen. "Im Worst-Case-Szenario bebt die Erde in einem sehr trockenen Jahr", sagt Wasser-Experte Miller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Weil sowohl der Sacramento als auch der San Joaquin dann besonders wenig Wasser führen, gelangt das Meerwasser vom Pazifik mit der Flut weit ins Landesinnere - das Flusswasser versalzt.

Bereits 2005 hatten Forscher die Wahrscheinlichkeit dafür berechnet, dass nach einem Beben Deiche bersten: Sie kamen auf beängstigende 70 Prozent. Dass dann die vor allem landwirtschaftlich genutzten Flächen tage- oder wochenlang unter Wasser stehen, ist nur der kleinere Teil des Problems. Weitaus schlimmer, ja geradezu katastrophal wären die Folgen für die Trinkwasserversorgung von Los Angeles. Die Metropole im Süden Kaliforniens wird nämlich hauptsächlich mit Wasser aus dem Delta versorgt - mehr als 20 Millionen Südkalifornier sind von dem Wasser aus dem Norden abhängig.

Central Valley abhängig vom Delta

Wenn jedoch erst einmal die Flüsse und Felder versalzen sind, müssten die gigantischen Pumpen abgestellt werden, die das Nass aus dem Delta Richtung Süden befördern - Los Angeles säße auf dem Trockenen. "Das wäre eine sehr ernste Situation", sagt Miller. Die Reserven der Stadt seien nicht sehr groß, und auch der nur selten sprudelnde Colorado River werde den Wegfall nicht kompensieren können. Betroffen wären zudem die Farmer im Central Valley, die ihre Felder ständig bewässern müssen, weil es im Süden Kaliforniens viel zu wenig regnet.

Dieses Worst-Case-Szenario, auch "seismische Katrina" genannt, könnte Schäden in Milliardenhöhe zur Folge haben, die Lebensgrundlagen der Menschen in Los Angeles oder im Central Valley wären in Gefahr. Seit der "Katrina"-Katastrophe in New Orleans sind Politiker aufgeschreckt und haben die maroden, teilweise über hundert Jahre alten Deiche untersuchen und vereinzelt ausbessern lassen. "'Katrina' war wie ein Weckruf", sagt Harvey Leifert von der American Geological Union.

Das Vertrauen in die Deiche ist aber nach wie vor gering. "Es gibt zwei Arten von Deichen", meint Michael Miller von der kalifornischen Wasserbehörde: "Jene, die schon einmal gebrochen sind, und jene, die noch brechen werden". Wissenschaftler bezweifeln ohnehin, dass breitere und besser gebaute Deiche die Gefahren beseitigen.

Sie empfehlen vielmehr eine veränderte Nutzung des Deltas. Schon seit Jahrzehnten wird darin intensiv Landwirtschaft betrieben - die Ursache des heutigen Problems, wie Experten am Califonia Water Center des US Geological Survey (USGS) herausgefunden haben. Die im Laufe der Jahrtausende entstandene Torferde, die wegen des Pflanzenanbaus entwässert werden muss, wird durch den Sauerstoffkontakt zersetzt, Kohlendioxid entweicht aus dem Boden - und zwar mehr, als von den angebauten Pflanzen gebunden wird. Auf diese Weise verschwindet permanent Masse in die Luft, die Torferde-Schicht wird dünner, pro Jahr bis zu zehn Zentimeter. Und so sinken die Felder tiefer und tiefer.

Handel mit CO2-Zertifikaten

Stoppen und sogar unkehren ließe sich der fatale Prozess durch gezieltes Bewässern der Flächen. Steht das Wasser nämlich permanent einige Zentimeter hoch, dann wird die Zersetzung des Torfs stark verlangsamt. Pflanzen, die aus dem Wasser ragen, sorgen gleichzeitig dafür, dass mehr Kohlenstoff gebunden wird als entweicht - eine CO2-Sequestrierung setzt ein. Laut Berechnung des USGS würden nach 50 Jahren nur noch 30 Prozent der Flächen unterhalb des Meeresspiegels liegen.

Um dieses Ziel zu erreichen, müsste man jedoch alle Felder des Deltas permanent unter Wasser setzen. "Auch der Anbau von Reis kann das Absinken stoppen", sagte USGS-Forscher Fuji. Sollte es einen Handel mit CO2-Zertifikaten geben, könnten die Bauern sogar mit dem gezielten Fluten Geld verdienen, schließlich würde der Luft permanent CO2 entzogen. "Der Effekt wäre so groß, als wenn man alle SUV in Kalifornien in kleinere Hybridautos umwandeln würde."

Michael Miller vom California Department of Water Resources ist jedoch skeptisch, ob die Bauern ihr Land einfach so aufgeben werden. "Die Lobby der Farmer ist sehr mächtig, die nutzen die Flächen seit Generationen." Zudem schreibe ein spezielles Gesetz, der Delta Protection Act, vor, dass das Delta landwirtschaftlich genutzt werden müsse.

Alternativ könne auch eine gigantische Wasserleitung von den höher gelegenen Zuflüssen um das Delta herum Richtung Süden gebaut werden, meint Miller. Diese Leitung wäre vor Überflutungen sicher und könnte deshalb nicht versalzen. Aber schnell gebaut wird eine solche Umleitung wohl nicht. "Ich fürchte, es muss erst etwas Schlimmes passieren", sagt Miller.

Zumindest der Gouverneur Kaliforniens hat den Ernst der Lage offenbar erkannt, wie USGS-Forscher Fuji berichtet: "Arnold Schwarzenegger hat das Delta auf seine Prioritätenliste gesetzt." Hoffentlich handelt er, bevor ein Beben das Delta erschüttert.



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