Weder Tier noch Pflanze Bizarre Wesen aus der Schleimzeit

Schleimpilze sind Forschern ein Rätsel. Sie sind 700 Millionen Jahre alt, scheinen einen eigenen Willen zu haben, sind weder Pflanzen noch Tiere - aber dennoch sehr lebendig. Treffen zwei Myxomyzeten aufeinander, praktizieren sie die simpelste Form des Sex.

Von Wolfgang Richter


In der Maisinger Schlucht westlich des Starnberger Sees kriechen drei Männer bei strömendem Regen durchs Unterholz. Sie tragen Stirnlampen, Regenjacken, Bergschuhe und Halsbänder, an denen Lupen baumeln. Sie fahnden nach einer bizarren Lebensform. Nach Myxomyzeten, zu deutsch: Schleimpilzen.

Die Fahndungsfotos, die Expeditionsleiter Peter Karasch vom Münchner Pilzverein und seine Mitstreiter vorzeigen, erscheinen wie aus einer anderen Welt. Die nur wenige Millimeter großen Schleimpilze sehen bei 50facher Vergrößerung aus wie filigrane Lampions, bunte Billardkugeln oder rote Flaschenbürstchen.

"Streng genommen sind wir für Myxomyzeten gar nicht zuständig", sagt Karasch. Denn eigentlich seien Schleimpilze gar keine Pilze. Ebenso wenig, wie sie Pflanzen oder Tiere sind. Ihr Entwicklungszyklus ist einzigartig in der Welt der Lebewesen. Trägt der Wind eine Myxomyzetenspore in eine feuchte Ecke des Waldes, entsteht daraus eine einzellige Amöbe. Diese Myxamöbe ernährt sich von Bakterien. Ihr Ziel ist die Vereinigung mit einer anderen Myxamöbe – die simpelste Form von Sex, die es gibt. Währenddessen verschmelzen die Kerne der beiden, es entsteht ein so genanntes Plasmodium. Alle acht Stunden teilen sich nun dessen Zellkerne weiter, ohne dass sich die Zelle selbst teilt. Sie wird größer, verfärbt sich und produziert Schleim.

"Plasmodien findet man sehr selten, weil sie sich im Laub oder faulen Holz verstecken", erzählt Schleimpilzsucher Andreas Kuhnt, während er einen morschen Baumstamm umdreht. Er meint das wörtlich: Plasmodien können laufen und etliche Meter zurücklegen. In den zentimetergroßen Riesenzellen mit zum Teil Millionen Zellkernen entstehen aderförmige Strukturen, die wie menschliche Muskeln funktionieren. Sie ziehen sich im Minutenrhythmus zusammen, entspannen sich wieder und pumpen auf diese Weise Zellplasma hin und her. Erschnüffelt ein Plasmodium mit seinen chemischen Rezeptoren etwas Essbares, etwa eine Bakterienkolonie oder einen Speisepilz, dauert die Strömung in diese Richtung etwas länger als in eine andere. Der Schleim schiebt sich ein Stück vorwärts – mit einem Tempo von rund einem Zentimeter pro Stunde.

Doch bis jetzt haben die bayerischen Schleimpilzjäger keine Plasmodien aufgespürt. Eigentlich hatten sie auf den vom Wetterbericht versprochenen Sonnenschein gehofft. In warmen Perioden nach langen Regenzeiten klettern die sonst lichtscheuen Plasmodien auf Gräser und Baumstämme, manche Arten sogar bis hinauf in die Baumkronen. Dort verhärtet sich ihr Schleim zu Stielen und Fruchtkapseln, und die Zellkerne verwandeln sich in Sporen. "Wenn man nicht aufpasst, passiert das allerdings auch zu Hause auf dem Schreibtisch", sagt Kuhnt und erzählt von einem Fund, der sich in einem unbeobachteten Moment aus seiner Pappschachtel stahl, über Nacht auf das nächstbeste Bestimmungsbuch kletterte und dort Fruchtkörper bildete.

Es wird noch unheimlicher: Der japanische Forscher Toshiyuki Nakagaki von der Hokkaido-Universität in Sapporo setzte ein Exemplar der Art Physarum polycephalum in ein Labyrinth. Schnell wucherte es sämtliche Gänge zu, mied aber die Trennwände aus Kunststoff. Nun platzierte der Wissenschaftler an den beiden Ausgängen des Labyrinths Haferflocken. Der Schleimpilz nahm Witterung auf, pulsierte schneller. Dann zog er sich aus den Sackgassen des Labyrinths und den langen Umwegen zurück. Übrig blieb ein einziger dicker Plasmastrang, der sich auf dem kürzesten Weg zwischen den Haferflocken durch das Labyrinth schlängelte.

Mittlerweile haben Toshiyuki Nakagaki und seine Kollegen weitere Intelligenztests für ihren Schützling ersonnen. Sie reichten ihm Haferflocken aus verschiedenen Richtungen in einer Petrischale. Schnell veränderte er seine Gestalt, wenige gefräßige Hauptschlagadern schlängelten sich, geometrischen Gesetzen folgend, auf den kürzesten Wegen von Häppchen zu Häppchen. In einer Anfang dieses Jahres veröffentlichten Studie schlägt Nakagaki daher ein neuartiges Navigationssystem vor: Ausgehend von den Regeln, die der preußische Physiker Gustav Robert Kirchhoff im 19. Jahrhundert für den Bau von Stromnetzen aufstellte, und den Strömungsgesetzen des französischen Mediziners und Physikers Jean Louis Marie Poiseuille, hat er die Theorie des kürzesten Schleims aufgestellt. Mit Hilfe des Schleimpilz-Algorithmus kann ein Computer auf einer Karte der Vereinigten Staaten tatsächlich den schnellsten Weg zwischen Seattle und Houston finden.

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