Tiergesänge Ein Vogelweibchen wollte Hochzeit machen

Vögel singen nur, um Weibchen anzulocken? Eine Analyse zeigt, dass nicht ausschließlich Singvogel-Männchen trällern - auch die Damen zwitschern weitaus häufiger als angenommen. Forscher stehen vor einem Rätsel.

Weiblicher Prachtstaffelschwanz: Singen nach Leibeskräften
DPA/ Lindley McKay

Weiblicher Prachtstaffelschwanz: Singen nach Leibeskräften


Vogelweibchen singen weitaus häufiger als angenommen. Laut einer Studie im Fachjournal "Nature Communications" ist weiblicher Vogelgesang sogar eher die Regel als die Ausnahme. Damit wankt die bisherige Annahme, der Gesang hätte sich nur bei Männchen als Mittel entwickelt, um Partnerinnen zu finden und sich gegen Konkurrenten abzugrenzen.

Karan Odom und ihre Mitarbeiter von der University of Maryland, Baltimore County (UMBC), hatten in der Literatur nach Hinweisen auf den Gesang von Weibchen bei weltweit über tausend Arten gesucht. Bei 323 Spezies aus 34 von 44 untersuchten Singvogelfamilien fanden sie verwertbare Hinweise. Sie zeigten, dass Experten bei immerhin 229 Arten regelmäßigen Gesang bei den Weibchen dokumentiert hatten. Dies entspricht einem Anteil von 71 Prozent. Der Gesang der Weibchen ist also keine Ausnahme, wie die Biologen schreiben.

Die Forscher fragen sich nun, ob der Gesang der Weibchen ebenfalls der Paarung dient. Möglich sei auch, dass soziale und natürliche Auslese beide Geschlechter in der Evolution zum Gesang getrieben habe, schreiben Odom und Kollegen.

Schnüffeln im Erbgut

Ihren statistischen Berechnungen zufolge ist es nahezu sicher, dass schon die Urahninnen der heutigen Singvogelfamilien ihre Stimme ertönen ließen. Um herauszufinden, wie lange es den Gesang der Vogelweibchen im Verlauf der Evolution bereits gibt, verglichen die Forscher ihre Daten mit einem Stammbaum, in dem alle bekannten Erbgut-Sequenzen verschiedener Singvögel hinterlegt sind.

Die Datenbank umfasst Material von gut zwei Drittel aller bekannten Singvogelspezies. So konnten die Wissenschaftler die Verwandtschaftsverhältnisse analysieren und in drei Abstammungs-Szenarien berechnen, ob die weiblichen Urvorfahren der Singvögel gesungen haben könnten.

Das Ergebnis: Alle drei Rechenmodelle kamen zu dem Ergebnis, dass die Vorfahrenweibchen wahrscheinlich bereits Lieder geträllert haben. Die Forscher fragen sich, warum die Weibchen mancher Singvogelarten ihren Gesang aufgegeben zu haben scheinen.

Der Gesang von Vögeln beschäftigt Wissenschaftler immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen. 2010 zeigten sie in einer Studie, dass Singvögel Dialekte entwickeln und besonders auf Gesänge von Artgenossen direkt vor ihrer Haustür stehen. 2012 legte eine Studie mit Nachtigallen nahe, dass Singlemännchen nachts losträllern, weil dann auch die Weibchen aktiv sind. Ornithologen zufolge gibt es weltweit mehr als zehntausend Vogelarten, darunter mehrere tausend Singvogel-Spezies.

jme/dpa



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insgesamt 9 Beiträge
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Saimen 05.03.2014
1. na klar...
... Forscher stehen immer vor einem Rätsel, sonst wären es ja keine Forscher :)
cassandros 05.03.2014
2. Es war die Nachtigallin, nicht die Lerchin
Zitat von sysopDPA/ Lindley McKayVögel singen nur, um Weibchen anzulocken? Eine Analyse zeigt, dass nicht ausschließlich Singvogel-Männchen trällern - auch die Damen zwitschern weitaus häufiger als angenommen. Forscher stehen vor einem Rätsel. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/weibliche-singvoegel-singen-haeufiger-als-gedacht-a-956905.html
Bereitet schon einer unserer qualitativ hochwertigen Privatsender die neue Casting-show "Deutschland sucht den Super-Singvogel" vor? Der Zuschauer könnte profitieren: Man würde endlich einmal professionelles Geträllere hören!
Rosmarinus 05.03.2014
3. Danke!
Zitat von Saimen... Forscher stehen immer vor einem Rätsel, sonst wären es ja keine Forscher :)
Nett auf den Punkt gebracht.
L!nk 05.03.2014
4. Weibliche Menschen reden sogar mehr als männliche Menschen
Forscher stehen vor einem Rätsel?
weltgedanke 05.03.2014
5. Man kann so weit denken wie die Denkmodelle reichen
Zitat von sysopDPA/ Lindley McKayVögel singen nur, um Weibchen anzulocken? Eine Analyse zeigt, dass nicht ausschließlich Singvogel-Männchen trällern - auch die Damen zwitschern weitaus häufiger als angenommen. Forscher stehen vor einem Rätsel. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/weibliche-singvoegel-singen-haeufiger-als-gedacht-a-956905.html
Mit dem Bewusstsein, das von den gleichen Forschern den Vögeln meiner Vermutung nach zugebilligt wird, dürften diese unmöglich einen Zweck mit ihrem Singen verfolgen können, sondern lediglich Marionetten und Sklaven ihrer Gene sein. Ich sage nicht, dass das falsch ist, ich weise nur auf einen Konflikt hin. Und ich meine doch, dass das intuitive Gefühl den meisten von uns schon sagt, dass es so dröge wohl doch nicht ist. Abgesehen davon bewegen sich viele Forscher meines Erachtens in einem Käfig, den sie sich selbst unnötig geschaffen haben. Indem sie das mutmaßlich Objektive zum alleinigen Maß der Dinge erklärt haben, ohne überhaupt nachzuweisen, dass diese Einschränkung nicht in sich subjektiv ist, haben sie einen wesentlichen Teil möglicher Erkenntnis schlicht ausgesperrt, weitgehend willkürlich. Im "Kleinen Prinzen" heißt es: "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Dass sich mit dem, was die Augen sehen, ein leidlich konsistentes Bild der Welt schaffen lässt, spricht für die Phantasie unseres Gehirns, aber es bleiben viele Lücken. Ich denke, Vögel singen aus dem gleichen Grund, aus dem Blumen schön sind. Beides hat zweifellos eine evolutionäre Komponente, aber sie kann den Kern des Phänomens nicht vollständig erklären. Es gibt zusätzlich noch eine mystische Ebene, ein Streben nach Schönheit, nach Fülle, Heiligkeit, das allem innewohnt, unter anderem auch Vögeln. Aber das, ... ist eben nur mit dem Herzen zu sehen
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