Verräterische Atmung Welse erspüren ihre Beute

Dank ihrer empfindlichen Barteln können Welse sogar kleinste Veränderungen im pH-Wert des Wassers wahrnehmen. Atmet ein Lebewesen aus, sinkt dieser um 0,1 - die potenzielle Beute ist entlarvt. Das funktioniert auch nachts.

Plotosus japonicus: Welse nehmen kleinste Veränderungen des pH-Wertes wahr
Kagoshima Aquarium

Plotosus japonicus: Welse nehmen kleinste Veränderungen des pH-Wertes wahr


Kagoshima - Ein feines Gespür für Veränderungen im Säurewert des Wassers hilft bestimmten Korallenwelsen bei der Futtersuche. Die Barteln von Plotosus japonicus nehmen kleinste Veränderungen des pH-Wertes im Meerwasser wahr: Atmet ein Lebewesen, fällt der pH-Wert in der Umgebung um bis zu 0,1 ab. Die Welse können so auch im Dunkeln Beute ausfindig machen, berichten Wissenschaftler im Fachmagazin "Science".

Hauptnahrungsquelle der Welse sind Borstenwürmer, die in U- oder Y-förmigen Gängen im Meeresboden leben. Beim Atmen stoßen sie positiv geladene Wasserstoffionen und Kohlendioxid (CO2) aus und verändern so den pH-Wert des Wassers in ihrer direkten Umgebung. Der pH-Wert ist ein Maß für den sauren oder basischen Charakter einer wässrigen Lösung.

Reines Wasser hat einen Wert von 7,0 und ist neutral; der pH-Wert von Meerwasser ist leicht basisch und liegt im Schnitt bei 8,1. Die Forscher um John Caprio von der Louisiana State University in Baton Rouge analysierten das Verhalten von Plotosus japonicus in Aquarien, in denen sich - im Boden versteckt - Borstenwürmer befanden.

Die Fische hielten sich öfter in der Nähe der Würmer auf als in anderen Teilen des Aquariums. In einem zweiten Schritt stellten die Biologen fest, dass die Fische auf kleinste künstlich erzeugte pH-Veränderungen reagierten. Alle Verhaltensexperimente wurden im Dunkeln durchgeführt und mit einer Infrarot-Kamera aufgezeichnet. Am sensibelsten reagieren die Korallenwelse demnach bei einem pH-Wert von 8,1 bis 8,2.

Versauerung hat Folgen

Sinkt der Wert unter 8,0, verschlechtert sich die Wahrnehmung erheblich. Die zunehmende Versauerung der Meere könnte das Jagdverhalten des Welses damit stark beeinflussen, schreiben die Forscher.

Mit der zunehmenden Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre und der vermehrten Aufnahme des Gases ins Meerwasser ist der durchschnittliche pH-Wert in Meeren seit Beginn der Industrialisierung von 8,2 auf 8,1 gesunken. Das hört sich weniger gravierend an als es ist: 0,1 Einheiten weniger bedeuten, dass das Wasser um 30 Prozent saurer geworden ist. Schon bald könnte es bis zu 150 Prozent saurer sein: Der ph-Wert könnte bis zum Jahr 2100 auf etwa 7,8 fallen, fürchten Wissenschaftler.

Die Versauerung der Ozeane hat viele Folgen: Das Wachstum von Tieren mit kalkhaltigen Strukturen - Muscheln, Seeigel, Schnecken und Korallen - wird gestört. Die Planktonmenge auf Kalk angewiesener Arten könnte schwinden, die Zusammensetzung der Meerespflanzen-Gesellschaften sich verändern. Für Fische wurde gezeigt, dass Lernfähigkeit, Geruchssinn und Orientierung gestört werden können.

Fotostrecke

10  Bilder
Schräge Tiere: Royale Pilze und durchsichtige Krabben

nik/dpa

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vktrix 06.06.2014
1. pH-Wert
Genau genommen ist ein gewisser Anteil der Wassermoleküle permanent in OH- und H zerfallen. Erstere lagern sich an die CO2-Moleküle an, welche die Tiere ausatmen, und die Konzentration von H erhöht sich durch den Zerfall weiterer Wassermoleküle, was gleichbedeutend mit einem sinkenden pH-Wert ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.