Transparenzoffensive Das ist das Neue am Uno-Klimabericht

Der neue Welt-Klimareport bedeutet eine Wende: Die Uno wird vorsichtiger mit Prognosen, betont Unsicherheiten, lobt Fortschritte im Kampf gegen die Erwärmung. Das heikelste Thema allerdings wurde gestrichen.

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REUTERS/ NSW Rural Fire Service

Hamburg/Yokohama - Die Debatte ums Klima läuft auf einen Konflikt zwischen armen und reichen Staaten hinaus. Im japanischen Yokohama haben politische Delegierte und Wissenschaftler eine Woche um die Zusammenfassung des Uno-Klimareports gerungen, dessen zweiter Teil am Montag veröffentlicht wurde. Vertreter ärmerer Länder hätten gefordert, Wetterkatastrophen eindeutig dem Klimawandel zuzuschreiben, berichten Teilnehmer.

Die Entwicklungsstaaten verlangen als Wiedergutmachung Zahlungen der Industrienationen, die aufgrund ihres Treibhausgasausstoßes wesentlich für den Klimawandel verantwortlich sind. Indes: Wissenschaftler tun sich schwer, konkrete Ereignisse dem Klimawandel anzulasten. Allenfalls Hitzewellen, höhere Sturmfluten und Sturzregen lassen sich zuweilen mit der Erwärmung in Zusammenhang bringen.

Im ersten Teil des Welt-Klimaberichts hatte die Uno im vergangenen September ihre grundlegenden Erkenntnisse präsentiert: Angesichts steigender Treibhausgas-Emissionen warnte sie vor einer deutlichen Erwärmung, vor anschwellenden Ozeanen, schwindenden Eismassen und zunehmenden Hitzewellen. Im zweiten Teil versuchen die Forscher nun etwas noch Schwierigeres: konkrete Folgen der Erwärmung zu prognostizieren. Dabei geht der Klimarat überraschenderweise neue Wege.

SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten Punkte des neuen Klimareports vor:

1. Neuer Umgang mit Fakten

Der Uno-Klimarat geht im neuen Bericht mit seinem Wissensfundus anders um als zuvor:

  • Im Gegensatz zu den vier vorhergehenden Berichten seit 1990 räumt der Uno-Klimarat IPCC erstmals Anpassungsmaßnahmen gegen den Klimawandel großen Raum ein.
  • Die Forscher konstatieren erstmals Fortschritte im Kampf gegen den Klimawandel.
  • Erstmals schränkt der IPCC diverse seiner früheren Prognosen erheblich ein; der Rat ist vorsichtiger geworden.
  • Der Uno-Klimarat benennt genauer die Unsicherheiten seiner Erkenntnisse als in vorigen Berichten.

2. Erwähnung von Unsicherheiten

Journalisten durften am Sonntag Forschern des Uno-Klimarats Fragen zum neuen Report stellen. Zwei Stunden erläuterten die Experten Gefahren, die im Zuge der erwarteten Erwärmung drohen könnten. Gar nicht zur Sprache aber kam das eigentliche Kernthema des neuen Klimareports: die Unsicherheit der Prognosen.

Dem Klimarat wurde häufig vorgeworfen, die Unsicherheiten zu verstecken. Im neuen Report indes haben sich die Forscher bemüht, ihre Aussagen stets mit einer Skala zur Robustheit zu versehen, was das Vertrauen in die Darstellung erhöhen dürfte - auch wenn die Zusammenfassung des Berichts sich den Vorwurf gefallen lassen muss, allzu alarmistisch zu sein.

Manche Prognosen jedoch erscheinen angesichts geradezu unkalkulierbarer Einflüsse eher schwierig. Kein Grund, nicht zu handeln, meint Chris Field von der Carnegie Institution for Science in den USA, Koordinator des Uno-Reports: "Der Report zeigt, dass es jetzt mehr um smarte Ideen gehen muss als um absolute Sicherheit des Wissens", sagt er. Die Menschheit müsse gegen den Wandel gewappnet sein, auch wenn manche Gefahren unberechenbar erschienen.

3. Warnungen werden zuverlässiger

Bei manchen Themen aber hat der Erkenntnisgewinn die Sicherheit der Warnungen gesteigert. Der stetig steigende Meeresspiegel etwa lasse kaum noch Zweifel daran, dass Küstenregionen und Inseln der zunehmenden Gefahr höherer Sturmfluten ausgesetzt sind. Die Versauerung der Ozeane gilt ebenfalls als sicher, weil die Bildung von Säure aus CO2 ein gut verstandenes Prinzip ist. Negative Folgen für Kalkorganismen sind wahrscheinlich. Gletscherschmelze wird zusehends zum Problem für Millionen Menschen in den Anden und am Himalaya, wo mit dem Eis der Trinkwasservorrat schwindet. Auch die Verschiebung von Klimazonen erscheint dem Forschungsstand zufolge wenig zweifelhaft: sich ausbreitende Dürreregionen wären die Folge. Und die Zunahme von Extremregen beruht auf grundlegenden Überlegungen - und wird vom IPCC als so gut wie sicher eingestuft. Dass Hitzewellen in Folge einer Erwärmung häufiger werden, erscheint wohl selbst dem größten Skeptiker plausibel.

Küste im Osten Australiens: Steigende Pegel
REUTERS

Küste im Osten Australiens: Steigende Pegel

4. Klimarat schwächt Prognosen ab

Schon in seinem ersten Bericht 1990 warnte der IPCC vor einem Artensterben aufgrund des Klimawandels. Das Ausmaß würde ab 2040 dramatisch deutlich. Die Verluste würden womöglich schon ab 2025 riesig, hieß es 1991 im Wissenschaftsblatt "Issues in Science and Technology" unter Berufung auf den IPCC. Bislang aber, so räumt der IPCC nun ein, lasse sich kein einziges Aussterben einer Tier- oder Pflanzenart auf den Klimawandel zurückführen.

Allenfalls beim Verschwinden einiger Lurche, Süßwasserfische und Weichtiere könne der Klimawandel vielleicht eine Rolle gespielt haben, heißt es im Klimabericht. Die Erfahrung macht vorsichtig. Der IPCC attestiert Tieren und Pflanzen zwar weiterhin ein hohes Aussterberisiko. Drastische Kenntnislücken ließen jedoch erhebliche Zweifel an der Prognose.

Die Prognose von Klimaflüchtlingen wird ebenfalls gemildert. Frühere Uno-Prognosen von 50 Millionen Umweltflüchtlingen bis 2010 erwiesen sich als falsch; in Ländern der angeblichen Gefahrenzone wächst gar die Einwohnerzahl.

Auch bei anderen wichtigen Themen hat der IPCC seine Prognosen deutlich eingeschränkt. Er sagt weniger dramatische wirtschaftliche Einbußen vorher als vorige Studien. Häufigere Dürre in Nordafrika erscheint dem Report zufolge ebenfalls weniger sicher als zuvor. Erwartet werden auch weniger Verluste durch Hurrikane im Nordatlantik als bislang.

5. Heikles Thema Bioenergie gestrichen

Der Frage, ob alternative Energien Nahrungsmittelknappheit in manchen Regionen verschärfen könnten, wichen die Forscher aus. Eigentlich sollte das vielleicht heikelste Thema ganz vorne im Klimabericht auf Seite 18 in der Zusammenfassung für Politiker stehen: dass etwa der Anbau von Mais für die Gewinnung von Bioenergie die Nahrungsmittelproduktion örtlich verdrängen könnte. Die Passage wurde aber kurz vor der Veröffentlichung gestrichen. Weiter hinten im Report habe man das Problem dann darstellen, aber nicht bewerten wollen, berichten Autoren des IPCC-Berichts. Das Dilemma wird benannt, aber nicht als Risiko bewertet.

6. Einschätzung menschlichen Verhaltens angepasst

Als Hauptproblem voriger Klimaberichte wurde gesehen, dass bisherige Prognosen voraussetzten, Menschen würden auf den Klimawandel nicht reagieren. "Wie dumme Bauern" würde die Menschheit dargestellt, hieß es oft. Im neuen Report aber diskutieren die Forscher vielfach verschiedene Entwicklungen - mit und ohne Anpassung an steigende Naturgefahren. "Gesellschaften haben sich immer an Klimaschwankungen anpassen müssen im Laufe der Geschichte, mit unterschiedlichem Erfolg", konstatiert der Klimareport.

Zahlreiche Beispiele dokumentieren den Kampf gegen Wettergefahren. "Sie zeigen, dass Anpassung an den Klimawandel konkret funktionieren kann", sagt Koko Warner von der Universität der Uno. Untersuchungen vor Ort hätten belegt, dass besonders eine funktionierende Wettervorhersage viel Schaden verhindern könne.

Trinkwasserbeschaffung am Brahmaputra-Fluss in Indien: Lokale Probleme
AP

Trinkwasserbeschaffung am Brahmaputra-Fluss in Indien: Lokale Probleme

7. Andere Umwelteinflüsse einbezogen

Die Forschung vor Ort hat zeigt, dass das Klima immer nur ein Faktor unter vielen ist. Armut, Rückständigkeit, schlechte Handelsbeziehungen, soziale Unruhen oder manche Regierungen erhöhen die Anfälligkeit für Naturgefahren dramatisch, schreibt der IPCC. Häufig wie nie zuvor zitiert der Klimarat die Wirkung anderer Faktoren als das Klima. Dass etwa die Küsten von Bangladesch zunehmend im Meer versinken, habe neben dem steigenden Wasserspiegel großteils technische Gründe: Staudämme hielten gigantische Mengen Sand zurück, die Flüsse früher ins Meer gespült hätten. Der Sand fehlt als natürlicher Küstenschutz.

8. Unsicherer Einfluss des Klimas auf Ernte

Einbußen bei Getreideernten seien zu erwarten, warnt der IPCC - und verschärft damit seine vorigen Prognosen. Klimamodelle zeigen, dass etwa Südeuropa und Südasien verstärkt von Trockenheit betroffen sein könnten. Doch die Simulation von Getreideflächen wird erst seit wenigen Jahren praktiziert. Entsprechend grob sind die Modelle gestrickt.

Selbst die Atmung der Pflanzen wird bislang nicht ausreichend dargestellt - sie entscheidet allerdings wesentlich über das Wachstum. Satellitenmessungen zeigen, dass sich die Vegetation in wärmeren Breiten ausgedehnt hat, vermutlich wirkt CO2 zumindest vorübergehend als Dünger. Auch wie sich Temperatur und Niederschlag auf Getreide auswirken, wird noch intensiv erforscht.

Ohne Anpassungsmaßnahmen sei in vielen Regionen ein Rückgang der Erträge von Weizen, Reis, Soja und Mais um bis zu ein Fünftel im Laufe des Jahrhunderts zu erwarten, konstatiert dennoch der IPCC. Landwirtschaftliche Maßnahmen könnten den Verlust zwar großteils ausgleichen; ihre Effektivität sei allerdings "sehr variabel".

Lesen Sie hier die wichtigsten Ergebnisse des neuen Klimareports.

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insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
pace335 31.03.2014
1. Hört doch mit dem Unfug auf!
Es geht wie fast immer um das gute Geld und sonst nichts. Klar möchten die armen Länder ein Stück vom Kuchen ab haben und beim Thema Klima sehen sie ihre Chance.
jrcom 31.03.2014
2. Unklar ausgedrückt
"...Artensterben aufgrund des Klimawandels. Das Ausmaß würde ab 2040 dramatisch deutlich. Die Verluste würden womöglich schon ab 2018 riesig, hieß es 1991 im Wissenschaftsblatt "Issues in Science and Technology" unter Berufung auf den IPCC." Mir wird hier nicht deutlich: Gibt es die dramatischen Verluste gar nicht? - Oder kann man sie nur nicht eindeutig dem Klimawandel zuschreiben? Bislang aber, so räumt der IPCC ein, lasse sich kein einziges Aussterben einer Tier- oder Pflanzenart auf den Klimawandel zurückführen."
räbbi 31.03.2014
3.
Es kann ja per Definition nur Einbußen bei den Ernten geben, durch den Klimawandel...vielleicht ändert sich da aber auch noch was in den Berichten der Zukunft. Hier blüht jedenfalls schon meim Pfirsichbäumchen und die Bauern legen wie bekloppt Frühkartoffeln, sähen Zuckerrüben usw. usw. ...ist aber wahrscheinlich nur Wetter und die nächsten Winter/Frühlinge werden wieder beschi....scheiden.
johnnybongounddie5goblins 31.03.2014
4. Ein Klassiker
"Die Versauerung der Ozeane gilt ebenfalls als sicher, weil die Bildung von Säure aus CO2 ein gut verstandenes Prinzip ist." So funktioniert Wissenschaft heute: Man nimmt ein Reagenz-Glas mit Wasser, misst den pH-Wert. Dann bläst man CO2 rein und misst wieder. Siehe da, der pH-Wert ist gesunken. Schlussfolgerung: Bei Erhöhung des CO2-Gehaltes in der Luft versauern die Ozeane! Es ist bewiesen! Dass die Ozeane nicht nur aus Wasser bestehen, gilt einfach als kleines Detail. Dass es im Ozean Verbindungen hat, die als Puffer wirken und so eine Versauerung (blödes Wort, die Ozeane sind eh nicht sauer und werden auch nie sein) verhindern können, gilt als lästige Propaganda der Erdölkonzerne. Mit vereinfachten Laborversuchen hat man schon das Ozonloch "bewiesen". Ebenso trompeten gewisse Verfechter des AGWs heraus "dass CO2 Strahlung absorbiert ist einfache Physik und ist deshalb unbestritten". Solche Vereinfacher werfen einem dann vor, man sei als Skeptiker "wissenschaftsfeindlich".
lokator 31.03.2014
5.
Zitat von pace335Es geht wie fast immer um das gute Geld und sonst nichts. Klar möchten die armen Länder ein Stück vom Kuchen ab haben und beim Thema Klima sehen sie ihre Chance.
Ist schon interessant, dass all die Kritiken, die die Klimawandelskeptiker auch hier im Forum immer wieder gebracht haben, endlich auch in den Bericht einspielen. Einerseits zeigt das, dass die reagieren. Andererseits wird den Skeptikern teilweise recht gegeben.
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