Welt-Waldbericht: "Unser Sorgenkind ist Lateinamerika"

Jede Minute wird weltweit ein Areal von 35 Fußballfeldern abgeholzt. Eduardo Rojas Briales von der Welternährungsorganisation erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum die letzten Rettungschancen aber noch nicht vertan sind - und wo die größten Hürden für den globalen Waldschutz liegen.

Palmölplantage auf Borneo: "Bioenergie durch Kahlschlag ist ökonomisch nicht richtig" Zur Großansicht
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Palmölplantage auf Borneo: "Bioenergie durch Kahlschlag ist ökonomisch nicht richtig"

Wie wichtig die Wälder im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels sind, wird immer noch unterschätzt. In ihrem jüngsten Bericht fordert die Uno-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung FAO, dass der Wald stärker für ein "grüneres Wirtschaften" genutzt werden sollte. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärte Eduardo Rojas Briales, der bei der FAO für Wälder verantwortlich ist, wie man die Potentiale in den Wäldern unseres Planeten nutzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die FAO hat einen neuen Zustandsbericht für die Wälder der Welt vorgelegt. Ist die Hauptbotschaft eher positiv oder negativ?

Eduardo Rojas Briales: Das Glas ist eher halb voll als halb leer. Die Nettoentwaldung ist von acht Millionen Hektar jährlich in den neunziger Jahren auf fünf Millionen Hektar zurückgegangen. Es verschwindet zwar deutlich mehr Wald, immer noch eine Fläche von der Größe Englands pro Jahr, aber das wird zunehmend von nachwachsendem Wald ausgeglichen.

SPIEGEL ONLINE: Aber nachwachsende Wälder sind weniger wertvoll als die Primärwälder, die verloren gehen, oder?

Rojas Briales: Natürlich sind neu gepflanzte oder natürlich nachwachsende Wälder weniger arten- und kohlenstoffreich als ältere Wälder. Es gibt zwar inzwischen auch sehr artenreiche Kulturwälder, denken Sie nur an Deutschland, aber dennoch kann man nicht einfach Hektar mit Hektar verrechnen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sprechen Sie trotzdem von einer eher positiven Entwicklung?

Rojas Briales : Weil wir beobachten, dass es in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern beim Waldschutz und beim Waldmanagement vorwärts geht. In den siebziger Jahren war es noch völlig klar, wo Armut herrscht, wird Wald zerstört. Heute differenziert sich das Bild. Es gibt ärmere Länder wie Costa Rica oder auch Vietnam, die aber hervorragendes Waldmanagement betreiben. Andere, wie Burma, folgen leider weiter dem alten Muster.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Hauptgrund für positive Entwicklungen?

Rojas Briales : Wir beobachten, dass es mit dem Wald immer dann aufwärts geht, wenn Länder anfangen, sich zu industrialisieren und ihre Landwirtschaft zu intensiveren. Das ist in Europa schon im 19. Jahrhundert passiert und wiederholt sich nun in Asien. Trotz einer wachsenden und sich verdichtenden Bevölkerung nimmt die Waldfläche in Asien nun zu. China forstet massiv Millionen Hektar jährlich auf. Selbst in Indonesien, wo wir immer noch schlimme Waldverluste verzeichnen, hat sich die Rate reduziert. Auch auf den Philippinen, wo die Bevölkerung stark zunimmt, wächst die Waldfläche wieder an, weil man dort die Verantwortung für den Wald teilweise an Kommunen übertragen hat. Asien wird von einer Entwaldungsregion zu einer Waldregion.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es in anderen Weltregionen aus?

Rojas Briales : Unser Sorgenkind ist Lateinamerika. Die wirtschaftliche Entwicklung würde es dort eigentlich erlauben, die Wälder besser zu schützen. Aber besonders Argentinien ist ein globaler Schwerpunkt des Waldverlustes. In Brasilien scheint sich die Lage leicht zu verbessern, aber auch hier ist noch viel zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Was rät die FAO Ländern, die ihre Wälder besser schützen wollen?

Rojas Briales : Es gibt kein Patentrezept. In China funktioniert der Waldschutz, weil der Staat ihn durchsetzt. In Chile ist die Forstindustrie an vorderster Front tätig, in Vietnam klappt es, weil der Staat eng mit den Gemeinschaften vor Ort zusammenarbeitet. Man kann also leider nicht generalisieren, aber eine konsequente Umweltpolitik hilft, siehe Costa Rica. Das Land hatte ein Minimum von 21 Prozent Waldfläche, nun sind sie schon wieder bei 45 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich ist der internationale Holzhandel für Wälder?

Rojas Briales : Holzgewinnung für Industrieländer in den Tropen spielen eine Rolle bei Waldverlusten, aber nicht die wichtigste. Die asiatischen Wälder waren und sind am anfälligsten dafür, weil sich dort der Kahlschlag lohnt. Das ist in Afrika anders, wo man für einzelne Bäume einen enormen Aufwand betreiben muss.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen Sojaanbau und Palmölgewinnung?

Rojas Briales : In diesen Bereichen geht die Entwicklung wirklich in die falsche Richtung. Bioenergie und Futtermittel durch Kahlschlag, das ist auch ökonomisch nicht richtig. Es gibt sowohl in Südostasien wie auch in Südamerika riesige landwirtschaftliche Flächen, die längst entwaldet sind und nicht mehr genutzt werden. Diese Flächen muss man nur düngen, und man kann sie für Bioenergie, für Soja oder Palmölanbau nutzen. Die Regierungen müssen Privatinvestoren auf diese degradierten Agrarflächen konzentrieren und sie endlich von den wertvollen Primärwäldern fernhalten.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen in Waldregionen brauchen ein gutes Einkommen, damit sie den Wald längerfristig bewirtschaften können. Welches Potential sehen Sie dafür?

Rojas Briales : Unter der Voraussetzung, dass es nachhaltige Bewirtschaftungspläne gibt, können wir uns vorstellen, dass beim Bauen von Häusern verstärkt statt Beton Holz verwendet wird, nicht nur Bambus. Es ist auch möglich, aus Holz ganz neue Materialien zu entwickeln, die dann über Bioraffinerien in die chemische Industrie wandern, um Ölprodukte zu erfinden. Das ist Gegenstand wichtiger Forschungsarbeiten. Und wir sehen immer noch mehr Potential, bei der Energiegewinnung und bei Verpackungen auf Holz als Grundstoff zurückzugreifen statt auf Kunststoff. Das muss aber im Rahmen einer "Green Economy" passieren, also explizit mit dem Vorzeichen, dass Natur und Artenvielfalt geschützt werden.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Uno-Klimagipfel von Cancún wurde beschlossen, den Schutz von Wäldern künftig finanziell zu entlohnen. Das Kürzel "REDD" steht für das Vorhaben, für den Kohlenstoff zu bezahlen, der in Wäldern enthalten ist. Finden Sie das positiv?

Rojas Briales : REDD ist eine wichtige Entwicklung. Wir sehen derzeit nur die Gefahr, dass nicht genug Mittel dafür zur Verfügung stehen. Das könnte dazu führen, dass in der Entwicklungshilfe Geld von Bildung in Waldschutz umgelenkt wird. So darf es natürlich nicht kommen. Deshalb ist es wichtig, dass auf dem nächsten Klimagipfel im südafrikanischen Durban ein zweites Kyoto-Protokoll beschlossen wird, das konkrete Vorgaben schafft, wie Länder ihre Klimaschutzpflichten mit Hilfe von REDD erfüllen können.

SPIEGEL ONLINE: Wenn künftig Milliardenbeträge für REDD fließen, wie das ja geplant ist, besteht dann auch Missbrauchsgefahr?

Rojas Briales : Derzeit fehlt noch eine wirkungsvolle Aufsicht für REDD-Projekte, die sicherstellt, dass die Mittel bei den Menschen vor Ort landen und sinnvoll eingesetzt werden. Es sollte bei REDD-Projekten immer eine starke staatliche Aufsicht geben. Noch sind wir nicht so weit, und das sehen wir mit Kummer. Die REDD-Aufsicht sollte so streng sein wie die Börsenaufsicht. Wir müssen verhindern, dass Betrugsfälle das ganze System diskreditieren.

SPIEGEL ONLINE: Der Wald als Einkommensquelle - denkt die FAO über Holz hinaus?

Rojas Briales : Holz ist wirklich nur eines von vielen Produkten aus dem Wald. Wir haben bisher das ökonomische Potential des Handels mit Früchten, Nüssen, Pilzen und anderen Walderzeugnissen wohl unterschätzt. In unserem neuen Bericht gehen wir davon aus, dass dieser vornehmlich regionale Handel ein Volumen von 75 bis 100 Milliarden Dollar pro Jahr hat, vornehmlich über Kleinbetriebe. Es gibt also einen weiteren Grund für effektiven Waldschutz, denn ist der Wald einmal weg, entfallen solche Einkommen ausgerechnet für Menschen, die gerade dabei sind, zur Mittelschicht aufzuschließen.

SPIEGEL ONLINE: Umweltschützer konzentrieren sich meist auf unberührte Primärwälder. Aber wie ist es um die vom Menschen geschaffenen Sekundärwälder bestellt?

Rojas Briales : Diese Wälder sind sehr wichtig, wir reden über 60 Prozent der Wälder weltweit, die vom Menschen beeinflusst sein. Manche sind wirklich reine Plantagen. Da ist es wirklich wichtig, zu einer Bewirtschaftung zu kommen, die den Boden und die Artenvielfalt schützt. Hier kann Europa ein Vorbild sein. Es gibt kaum noch echte Urwälder, aber die vom Menschen gestalteten Wälder sind sehr robust, der Boden wir gut geschützt, und auch der Artenreichtum kann groß sein. Ein gutes Beispiel dafür sind die Kork-Eichenwälder in meinem Heimatland Spanien.

SPIEGEL ONLINE: Ist es möglich, die globale Entwaldung ganz zu stoppen?

Rojas Briales : Wenn wir bald zu einem weitreichenden globalen Klimaschutzabkommen gelangen, das Waldschutz finanziell belohnt, und wenn die Schwellenländer wirtschaftlich weiter zulegen, können wir binnen zehn Jahren zu einer Netto-Null-Entwaldung kommen. Das ist möglich. Es heißt aber nicht, dass dann kein Wald mehr zerstört würde, aber immerhin würde die Waldfläche dann nicht mehr so beunruhigend schrumpfen wie bisher.

Das Interview führte Christian Schwägerl

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1. "Sorgenkind " ?
marypastor 04.02.2011
Zitat von sysopJede Minute wird weltweit ein Areal von 35 Fußballfeldern abgeholzt. Eduardo Rojas Briales von der Welternährungsorganisation erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum*die letzten Rettungschancen aber noch nicht vertan sind - und wo die größten Hürden für den globalen Waldschutz liegen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,743093,00.html
Das ist aber nett ausgedrueckt. Den Latinos muesste man jeden Tag die Leviten lesen. Die vernichten von Mexiko bis Chile jaehrlich 10 % ihrer noch verbliebene "eigenen" Waelder durch Dummheit der Landbevoelkerung, illegale Faellertrupps mit Maschinengehwehren, Korruption der lokalen Politiker und der Saegewerke. Das kann man in Mexiko selbst erleben. Und wenn man was sagt, kann's gefaehrlich werden.
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Zur Person
FAO
Eduardo Rojas Briales ist seit März 2010 stellvertretender Generalsekretär der Uno-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) und Vorsitzender der gemeinsamen Waldpartnerschaft. Zuvor war Rojas Briales Vize-Dekan der Fakultät für Agrar- und Forstwissenschaften der Polytechnischen Universität Valencia. Seinen Doktortitel erwarb der gebürtige Spanier an der Polytechnischen Universität in Madrid, an der Freiburger Universität absolvierte er zudem einen Master of Science. Von 1992 bis 1998 war Rojas Briales Direktor der katalanischen Waldbesitzervereinigung. 1999 bis 2003 war er als Berater für Waldmanagement tätig.

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Klimagipfel: Kampf um die grüne Lunge

Themen des Klimagipfels in Cancún
Waldschutz
Die Vernichtung der Wälder trägt nach Angaben des Uno- Klimasekretariats zu 17 Prozent zum menschengemachten Treibhauseffekt bei. Ärmere Länder sollen Geld erhalten, wenn sie ihren Wald schützen. Dazu muss es jedoch klare Regeln geben, was ein Wald ist. Zudem müssen die Artenvielfalt und die örtliche Bevölkerung beachtet werden. Die Industrieländer sollen Faktoren, die zur Waldzerstörung in Entwicklungsländern führen, beseitigen.
Anpassung
Ärmere Länder benötigen Geld, um die Folgen des Klimawandels zu lindern. Ein solches Programm reicht vom Dammbau bis zu Versicherungen gegen Wetterextreme.
Treibhausgasausstoß
Bisher haben einzelne Staaten nur auf freiwilliger Basis nationale Klimaziele vorgelegt. Diese reichen jedoch nicht aus, um die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Neue und verbindliche Zusagen sind nötig, wenn der Klimawandel auf ein für Mensch und Natur erträgliches Maß begrenzt werden soll. Neue Reduktionen könnten zum Beispiel aus dem Flug- und Schifffahrtsbereich kommen.
Finanzierung
In einer unverbindlichen Vereinbarung auf dem Klimagipfel von Kopenhagen hatten die reichen Staaten zugesagt, ab dem Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für Klimaziele in armen Ländern bereitzustellen. Vor einem umfassenden Klimavertrag müssten Finanzquellen aufgelistet und diese Zusage verbindlicher werden.

Außerdem wollten die Industrieländer den ärmeren Staaten insgesamt 30 Milliarden Dollar für 2010 bis 2012 für die Anpassung an den Klimawandel und eine umweltfreundliche Entwicklung geben. Klimaschützer kritisieren jedoch mangelnde Transparenz und befürchten, dass es dann Abzüge von der bisher geplanten Entwicklungshilfe gibt.
Überprüfung
Vor Abschluss eines umfassenden Vertrags muss sich die Staatengemeinschaft auf ein differenziertes Mess- und Kontrollsystem der Klimaschutzaktivitäten einigen. Darauf legen nicht zuletzt die USA Wert - und haben speziell China im Blick.