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Umweltschutz

Biene Maja muss nicht sterben

Seit Jahren warnen Umweltschützer vor einem Bienensterben und machen mit aufwendigen PR-Aktionen darauf aufmerksam. Doch es gibt ein Missverständnis: Honigbienen sind nicht gefährdet.

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DPA

Biene auf einer Blüte (Archiv)

Sonntag, 20.05.2018   08:25 Uhr

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Am 20. Mai ist Weltbienentag. Bereits im Vorfeld haben Umweltschützer mit Pressemitteilungen und PR-Aktionen auf die Bedeutung der Insekten aufmerksam gemacht. Wie wichtig Bienen sind, sollte Anfang der Woche etwa eine PR-Aktion eines Supermarkts in Hannover zeigen. Er räumte Produkte aus den Regalen, die es ohne Bestäubung nicht gäbe: Äpfel, Kaffee, Schokolade, Orangensaft. 60 Prozent des Angebots verschwand.

Wer in sozialen Medien las, konnte den Eindruck gewinnen, in ein paar Jahren gäbe es wegen des Bienensterbens keine Lebensmittel mehr. Doch es lohnt sich ein Blick auf die Details.

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Keine Frage: Die Bestäubung von Pflanzen ist wichtig für Mensch und Umwelt. Ungefähr 70 Prozent der rund 150 wichtigsten Nutzpflanzen weltweit profitierten laut Expertenangaben davon. Die Aktion im Supermarkt stellte dennoch kein realistisches Szenario dar.

Bienen sind längst nicht die einzigen Bestäuber. Auch Fliegen, Wespen, Käfer, Schmetterlinge und Motten tragen Pollen von Blüte zu Blüte. Außerdem sind nicht alle Bienenarten zugleich bedroht. So verschwand auch mindestens ein Produkt aus dem Regal, das gar nicht gefährdet ist: Honig.

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Immer wieder wird in der Debatte suggeriert, beim Bienensterben ginge es um Honigbienen. Das ist klug, denn jeder kennt die kleinen, fleißigen Insekten und ist gewillt, sich für ihren Schutz einzusetzen. "Rettung für Biene Maja" überschrieb etwa auch der WWF eine aktuelle Pressemitteilung. Das Problem daran: Honigbienen sind gar nicht gefährdet.

Honigbienen gibt es, solang der Mensch sie hält

Das liegt zu einem großen Teil daran, dass Bienenstöcke von Menschen gehalten werden. Honigbienen sind Nutztiere. Haben viele Menschen Freude am Imkerberuf und ist er lukrativ, steigt die Zahl der Bienenvölker in einem Land. Sinkt das Interesse und der Profit, sinkt auch die Zahl der Bienen.

Dass die Honigbienen nicht sterben, belegt auch die Statistik. Laut den Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen hat sich die Zahl der Bienenstöcke weltweit seit den Sechzigerjahren nahezu verdoppelt (siehe Grafik). Der Bestand der Bienen in Deutschland ging im gleichen Zeitraum deutlich zurück, seit einigen Jahren gibt es aber auch hier wieder einen leicht positiven Trend (siehe Grafik unten).

Freilich spielen bei der Zahl der Honigbienen zusätzlich zur Imkerlust auch äußere Einflüsse eine Rolle. So rafft die gerade mal 1,7 Millimeter kleine Varroamilbe im Winter immer wieder zahlreiche Bienenvölker dahin. Das ist bitter für Imker. Ernsthaft in Gefahr ist die Honigbienenpopulation dadurch aber nicht, denn die Völker lassen sich nachzüchten.

"Die Honigbiene wird das letzte Insekt sein, das ausstirbt", sagte Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim, jüngst dem "ZEIT Magazin". "Sie ist nicht bedroht, solange es Imker gibt."

Bedroht sind viele Wildbienen, aber die kennt keiner

Ärgerlich ist das Missverständnis, weil dadurch das eigentliche Problem in den Hintergrund tritt. Tatsächlich bedroht sind viele Wildbienenarten. Sie leben meist allein statt in Völkern, sind vielen Menschen kaum bekannt und trotzdem wichtige Bestäuber.

Laut Internationaler Naturschutzunion IUCN ist in Europa ungefähr jede zehnte Wildbienenart vom Aussterben bedroht. Bei mehr als der Hälfte der Arten gibt es keine verlässlichen Daten zu den Beständen.

Hinzu kommt, dass die Zahl der - teils bestäubenden - Insekten insgesamt zurückgeht. Das genaue Ausmaß des Insektensterbens ist nicht bekannt, weil der Bestand nur in Einzelfällen über lange Zeiträume hinweg dokumentiert wurde. Auch über die Gründe herrscht Uneinigkeit.

Forscher gehen davon aus, dass große Felder und Monokulturen in der Landwirtschaft sowie schwindender Lebensraum durch die Ausbreitung von Städten eine Rolle spielen.

Umweltschützer nennen immer wieder auch einzelne Pestizide wie Glyphosat als Ursache für das Schwinden. Das Mittel richtet sich allerdings nicht gegen Insekten, sondern gegen Pflanzen und wird zur Unkrautbekämpfung genutzt. Als erwiesen gilt dagegen, dass drei Stoffe aus der Gruppe der Neonikotinoide Bienen schädigen können. Die EU-Staaten haben deshalb jüngst beschlossen, den Einsatz im Freiland zu verbieten.

Unabhängig von politischen Maßnahmen, können auch Privatleute Bienen das Leben erleichtern - zum Beispiel, indem sie es mit dem Gärtnern nicht zu genau nehmen. Eine bunte Blumenwiese statt englischem Rasen kann Bienen von Frühjahr bis Herbst Pollen liefern. Wildbienen benötigen zudem Löcher in Ästen oder Höhlen im Boden, um Nester zu bauen. Ihnen kann ein Insektenhotel Rückzugsmöglichkeiten bieten (eine Bauanleitung finden Sie zum Beispiel hier, auf der Seite des Nabu).

Neben Biene Maja auch Wildbienen in den Garten zu locken, hat dabei einen entscheidenden Vorteil: Die meisten stechen nicht.

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