Wetterparadoxon Über trockenen Böden regnet es häufiger

Woher kommen all die Sommergewitter? Satellitendaten zeigen Überraschendes: Der Regen entsteht wegen Trockenheit. Die Erklärung ist simpel.

Regenschauer (Bildmontage)
[M] Getty Images

Regenschauer (Bildmontage)

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Zur Person
  • TU Wien
    Wouter Dorigo forscht an der Technischen Universität Wien und ist dort Spezialist in der Analyse von Satellitendaten für ein besseres Klimaverständnis. Er beschäftigt sich vor allem mit dem Kreislauf des Wassers zwischen Luft, Boden und Vegetation.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dorigo, Wasser verdunstet, Wolken bilden sich, dann regnet es - so haben wir es gelernt. Sie hingegen haben herausgefunden, dass es über trockenem Boden mehr regnet. Wie ist das möglich?

Wouter Dorigo: Das muss ich ein bisschen präzisieren. Wir haben herausgefunden, dass Niederschläge, wie sie typisch sind für den Sommer, eher über trockenen Böden stattfinden. Aber, und das ist wichtig: Es geht um Böden, die trockener sind als die in der Umgebung, also nicht um Gegenden, wo es großflächig lange trocken ist wie in Wüsten zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Wir sprechen also über Regen, der vor Ort entsteht, wenn Wasser verdunstet.

Dorigo: Ja, gemeint sind nicht die großen Regengebiete, die Dauerregen bringen. Es geht um Schauer- oder Gewitterwolken.

SPIEGEL ONLINE: Die entstehen also eher über Böden, die im Vergleich zur Umgebung trocken sind. Wie haben Sie das herausgefunden?

Dorigo: Wir haben Satellitendaten von Niederschlägen und Bodenfeuchte weltweit über zehn Jahre verglichen. Darin haben wir gezielt nach Wärmegewittern gesucht in den Daten. Anschließend schauten wir uns die Werte für Bodenfeuchte an vor dem Niederschlag - und zwar sowohl am Niederschlagsort als auch in seiner direkten Umgebung. Dabei hat sich eben herausgestellt, dass die Wärmegewitter häufiger auftreten an Orten, wo der Boden trockener ist als in der Umgebung. Mögliche Regenursachen wie Gebirgszüge oder Küstennähe und Wetterfronten konnten wir ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist zu erklären, dass es eher über vergleichsweise trockenem Boden regnet?

Dorigo: Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich die Luft über trockenen Böden stärker aufheizt und deshalb schneller aufsteigt. So gelangt die Luft dort eher in kühle Höhe, wo sie kondensiert - Wolken bilden sich. Die Luft muss also schon Feuchtigkeit enthalten, aus trockener Wüstenluft kondensieren keine Wolken. Weitere Untersuchungen haben auch ergeben, dass Wärmegewitter besonders in relativ nassen Jahreszeiten auftreten, wenn die Sonne gleichzeitig kräftig scheint.

SPIEGEL ONLINE: Welche Regionen in Mitteleuropa und anderswo sind demnach besonders anfällig für Wärmegewitter?

Dorigo: In Prinzip alle, aber vor allem Regionen, die im Frühling und Sommer eine stabile Wetterlage aufweisen - wenn also eine Luftmasse lange über einer Region verharrt. In Europa gibt es den Effekt besonders häufig am Mittelmeer und im Balkan, aber nicht selten auch bei uns wie in den vergangenen Wochen. Global vor allem in den Tropen und Subtropen.

SPIEGEL ONLINE: Warum fördert stabiles Wetter solche Sommergewitter?

Dorigo: Dann kann sich die Hitze trockener Böden am stärksten auswirken auf die Wolkenbildung.

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