Wetterumschwung in Deutschland Das Rätsel der arktischen Kälteglocke

Ein drastischer Wetterumschwung steht bevor: Vom Atlantik her ziehen Wind und Regen auf. Alles hängt ab von einer riesigen Glocke eisiger Luft über der Arktis - schickt sie ihre Kälte nach Europa?

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Hamburg - Was für ein Frühlingsanfang, ein Hoch auf die Hochdruckgebiete "Guido", "Helmut" und "Ingo". Selten war es Anfang März so sonnig, vielerorts wurden Wärmerekorde aufgestellt. Normalerweise beginnt das schöne Wetter erst jetzt: In den meisten Jahren startet um den 13. März herum eine Sonnenphase.

Anders in diesem Jahr: Meteorologen sagen ab dem Wochenende kühles Regenwetter vorher. Eine gute Nachricht für Allergiker, sie können aufatmen, der Regen vertreibt die Pollen. Auch die erhebliche Waldbrandgefahr wird gebannt.

Der Umschwung kündigt sich am Himmel an: Diesige Luft und Wolkenschlieren hoch oben im Westen, im Fachjargon Cirrostratus genannt, sind die Vorboten des Regenwetters, das vom Atlantik aufzieht. Die feuchte Luft kondensiert in der Höhe zu Eiskristallen; Winde zausen die Frostwolken. Bald nahen Wolken in geringer Höhe.

Die Prognosen des Deutschen Wetterdienstes DWD lauten:

Samstag: Kühle Atlantikluft lässt die Temperaturen auf 9 bis 14 Grad fallen. Regenwolken ziehen von Nordwesten her über Deutschland. Es wird windig, im Norden und im Mittelgebirge stürmisch. Nachts regnet es im Großteil Deutschlands, und es wird kalt, im Flachland ist aber kein Frost zu erwarten.

Sonntag: Die nächste Regenfront rückt vor, sie bringt lang anhaltenden Niederschlag bei Temperaturen von 8 bis 14 Grad. Im Norden und Osten drohen starke Sturmböen. Nachts bleibt es frostfrei.

Montag: Die Wolkendecke wird im Südwesten löchrig, dort kann es bis zu 18 Grad mild werden. Sonst weiterhin Regen mit Wind bei 9 bis 14 Grad. Sturm an der Ostsee.

Weitere Aussichten: Wechselhaftes, windiges Regenwetter bei 8 bis 15 Grad, im Südwesten beizeiten wärmer; nachts meist frostfrei. Im Süden am ehesten Chancen auf Sonne.

Wird es winterlich?

Kommt dann ein Rückfall in den Winter? Alles hängt an einer riesigen Glocke kalter Luft über der Arktis, dem sogenannten Polarwirbel. Im Winter, wenn der hohe Norden monatelang im Dunkeln liegt, kühlt die Region aus. Strömt die Luft nach Süden, drohen Schnee und Frost.

Der DWD aber glaubt nicht an die Rückkehr des Winters. Dieses Jahr sei die Kälteglocke bereits angezapft worden, kalte Luft strömte aus. Sie sorgte etwa in Nordamerika für Schneeunwetter. Im Norden Europas habe sich kein Kältereservoir festigen können. "Ein Märzwinter erscheint daher unwahrscheinlich", erklärt der DWD.

Einen Ausläufer der Arktisluft aber bekommt Mitteleuropa nun zu spüren. Wie eine Drehtür schaufelt ein Tiefdruckwirbel Luft aus dem Norden nach Europa, sie wärmt sich ein wenig über dem Meer. Je weiter aber die kühle Luft nach Süden dringt, desto unbeständiger die Witterung: Der Kontinent erwärmt die Luft, so dass sie aufsteigt. In der Höhe kondensiert darin enthaltene Feuchtigkeit zu Wolken - sie bringen Schauerwetter.

Brücke zum Frühling

Wie geht es weiter? Prognosen über mehr als drei Tage gelten als wenig verlässlich. Allein die langjährige Wetterstatistik zeigt, wann der Frühling zurückkehren könnte. Das Wichtigste: Die Tage werden stetig heller, im Laufe des März um anderthalb Stunden. Nach der Tag-und-Nacht-Gleiche am 21. März schwenkt die Nordhalbkugel der Erde vollends ins Licht; die Sonne steht dann etwa 40 Grad über dem Südhorizont - um 23 Grad höher als am Jahresanfang. Mehr Sonne bringt Wärme. Im Alpenvorland bläst verstärkt der Südföhn, er wird zum Schneefresser.

"Der März bildet die Brücke vom Winter zum Frühling", sagt Gerhard Müller-Westermeier vom DWD. Der Süden Europas wärmt sich unter stärkerem Sonnenschein, doch der Norden ist noch winterlich. Entscheidend für das Wetter ist im Frühling also vor allem die Windrichtung: Wind aus Norden bringt Kälte, aus Süden Wärme. Weitet sich wie in den letzten Tagen das Azorenhoch nach Mitteleuropa, sind in der südlichen Strömung unter der recht kräftigen Märzsonne Temperaturen von mehr als 20 Grad möglich.

Die Hoffnung wäre also, dass der Wind wieder auf Süd dreht. Solange aber über der Nordsee Tiefdruckgebiete liegen, strömt kühler Nordwestwind nach Deutschland. Computersimulationen der Meteorologen spenden wenig Zuversicht: Die wechselhafte Wetterlage bleibe die gesamte nächste Woche bestehen.



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