Polarluft über Deutschland Eine Woche Winter

Schnee, Sturm, Gewitter: Deutschland steht vor einem ungewöhnlichen Kälterückfall. Die langjährige Statistik zeigt, wann es endlich warm wird.

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Eine alte Bauernregel sagte den Schlamassel voraus: "Sankt Georg kommt nach alten Sitten meist auf Schimmeln angeritten", heißt es über den 23. April, den Georgius-Tag. Tatsächlich belegen Wetterdaten, dass es zu dieser Zeit oft einen Kälterückfall in Deutschland gibt.

Diesmal jedoch wird es besonders ungemütlich: Ein solch ausdauernder Einbruch arktischer Luft nach Mitteleuropa, wie er in den nächsten Tagen erwartet wird, sei "ungewöhnlich", sagt der Deutsche Wetterdienst.

Erst Ende kommender Woche könnte es wieder milder werden, prophezeien Wetterdienste. Bis dahin ströme eisige Luft vom Nordpol über Deutschland. Im ganzen Land werde es frostig und windig. Zumindest in den Nächten und am frühen Morgen dürfte auch im Flachland Schnee fallen.

Vorhersage für die Nacht zum Montag: Frostige Temperaturen.
wetteronline.de

Vorhersage für die Nacht zum Montag: Frostige Temperaturen.

Bereits am Samstag erreichen Graupelschauer Norddeutschland. In der Nacht und am Sonntag erwarten Meteorologen fürs ganze Land Sturm, Gewitter, Regen, Graupel und einzelne Schneefälle; sie warnen vor Straßenglätte. Ähnlich soll es weitergehen, zumindest bis in die Nacht zum Donnerstag.

Wann der letzte Schnee fällt

Ursache für die Nordpol-Luft ist ein riesiges Hochdruckgebiet über dem Atlantik. Es blockiert die Tiefdruckrennbahn: Dort, wo sonst Tiefs mit milder Seeluft von Westen nach Osten gen Europa ziehen, rotiert nun im Uhrzeigersinn das Hoch. Wie eine Drehtür schiebt es an seiner Ostseite Luft von Norden nach Süden.

Der kalten Luft am Nordpol bleibt kein anderer Weg als der nach Mitteleuropa, denn im Norden und Osten lagern weitere Hochdruckgebiete. Über Nordmeer und Nordsee entsteht eine regelrechte Kaltluftdüse gen Süden, wie die folgende Grafik zeigt.

Die Linien zeigen die Richtung der Luftströmung.
earth.nullschool.net

Die Linien zeigen die Richtung der Luftströmung.

Eine Karte des Deutschen Wetterdiensts dokumentiert, wann hierzulande gewöhnlich der letzte Schnee fällt, im Durchschnitt der Jahre 1971 bis 2000. Ostfriesland, Rheinland und Oberrhein waren meist als Erste erlöst, in Hochlagen dauerte es oft bis in den Mai. Doch Ausnahmen gab es immer.

Deutschlandkarte: Letzte Neuschneedecke im Durchschnitt der Jahre 1971 bis 2000.
DWD

Deutschlandkarte: Letzte Neuschneedecke im Durchschnitt der Jahre 1971 bis 2000.

Ein wirklich schöner April ist selten. Es gilt das alte französische Sprichwort: "Wenn man drei schöne Aprile erlebt hat, dann ist es Zeit zu sterben."

Einerseits steht die Sonne im April bereits so hoch wie Mitte August. Andererseits ist das Meer noch kühl, und stets droht Polarluft aus Norden, wo es lange kalt bleibt. Die Gegensätze sorgen für Wechselhaftigkeit.

Typische Zeichen am Himmel verraten unbeständiges Aprilwetter: Wenn nicht gerade dichte Bewölkung über Deutschland zieht, türmen sich graue Haufenwolken.

Sie entstehen, wenn sich kalte Luft aus Norden über dem Kontinent erwärmt, sodass sie aufsteigt. In der Höhe kondensiert darin enthaltene Feuchtigkeit zu Wolken - sie bringen Schauer.

Entscheidende Zutat für Aprilschauer

Für einen typischen Aprilschauer aber fehlt noch eine Zutat: Eiskristalle. Weil es noch so kalt ist, gefriert das Wasser in den Wolken zu zentimetergroßen Eisteilchen. Werden sie zu schwer, sinken sie zu Boden. Oberhalb von null Grad taut das Eis, sodass dicke Regentropfen oder Graupel auf die Erde fallen.

Vorhersage für Sonntag von Wetteronline: Schauerbewölkung
wetteronline.de

Vorhersage für Sonntag von Wetteronline: Schauerbewölkung

Bauernsprüche jedoch rühmen das wechselhafte Aprilwetter: "Je mehr im April die Regen strömen, desto mehr wirst du vom Felde nehmen", lautet eine alte Weisheit. Selbst ein Kälterückfall kann nicht schrecken: "Im April noch mal Schnee, keinem Bauern tut er weh", heißt es.

Landwirte mögen sich über die Niederschläge freuen, für die anderen beginnt die schöne Jahreszeit erst, wenn die magische Zwölf-Grad-Grenze erreicht ist. Erst ab dieser Tagesdurchschnittstemperatur ist der Winter wirklich vorbei. Ist es dauerhaft wärmer als zwölf Grad, braucht nicht mehr geheizt zu werden. Doch diese Schwelle wird meist erst im Mai überschritten.

Wann die Wärme kommt

Die langjährige Statistik zeigt, dass das Ende der Heizperiode im Norden früher erreicht wird als im Süden. In Hamburg wird die Zwölf-Grad-Grenze im Tagesmittel gewöhnlich um den 9. Mai herum geknackt, in München etwa fünf Tage später.

Doch auch im Mai ist Milde nicht garantiert. Die Eisheiligen vom 11. bis 15. Mai bringen oftmals wiederum Polarluft. Immer häufiger kommen die Kälterückfälle aber auch schon früher im Mai.

Danach aber geht es aufwärts. Der langjährigen Wetterstatistik zufolge herrscht in der zweiten Maihälfte meist erheblich schöneres Wetter als in der ersten. Besonders im letzten Maidrittel scheint oft die Sonne: In vier von fünf Jahren sorgt dann Hochdruck für ein sonniges Monatsende.

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