Wetter-Statistik: Wochenenden kühler und feuchter als Werktage

Von Volker Mrasek

Pünktlich zum Wochenende wird das Wetter kühler, feuchter, weniger sonnig als unter der Woche - das haben Karlsruher Forscher jetzt erstmals offiziell bestätigt. Offenbar trommeln die Abgase des Menschen dem Wetter den Rhythmus.

Sah man nicht Hans Tilkowski des öfteren mit einem Blendschutz im Tor stehen, damals in den sechziger Jahren bei Borussia Dortmund? Oder sogar noch Norbert Nigbur vom FC Schalke 04, damals in den Siebzigern im offenen Rund des Gelsenkirchener Parkstadions? Warum eigentlich hütet heute kein Torwart mehr seinen Kasten mit der kapriziösen Schirmmütze auf dem Kopf?

Es mag an der Mode liegen, dass der Blendschutz beim Erstliga-Fußball am Samstagnachmittag verschwunden ist - aber fest steht jetzt auch: Dann braucht der Keeper ein Käppi sowieso am wenigsten. Denn ausgerechnet der Sonnabend ist der bewölkungsreichste Tag der ganzen Woche.

Mehr noch: Samstag und Sonntag sind im langjährigen Mittel die Tage der Woche mit dem schlechtesten Wetter. Die Niederschlagsmengen am Samstag liegen immerhin acht Prozent über dem Mittel aller sieben Tage - Wochenrekord.

Diese Erkenntnisse bestätigen eine verbreitete Weisheit unter Deutschlands Arbeitnehmern: Das Wetter wird immer pünktlich zum Wochenende schlecht. Zumindest über den Durchschnitt der Wetterstationen von 15 Jahren betrachtet. Zu verdanken ist diese Gewissheit den Meteorologen Dominique Bäumer und Bernhard Vogel von der Universität und vom Forschungszentrum Karlsruhe. Sie haben Messreihen von zwölf Stationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) aus den Jahren 1991 bis 2005 analysiert.

Diese Messreihen halten nicht bloß minutiös heiße Sommer und strenge Winter fest, sondern auch das Wetter nach Wochentagen. Und hier zeigt sich: Wolken, Temperaturen und Niederschlag folgen einem ausgeprägten Wochengang, der sich statistisch eindeutig nachweisen lässt. Ganz gleich ob auf Helgoland, in Aachen, Düsseldorf oder Berlin, in Karlsruhe, Konstanz oder auf der Zugspitze.

Wetter und Arbeitswoche passen nicht zueinander

In einem Beitrag für die Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" schreiben Bäumer und Vogel: Wichtige meteorologische Kenngrößen ticken beim deutschen Wetter im Sieben-Tages-Rhythmus.

  • Temperatur: Sie ist mittwochs am höchsten und fällt samstags am stärksten ab. Die Differenz beträgt im Schnitt immerhin 0,2 Grad Celsius.
  • Niederschlag: Der Montag ist der trockenste, der Samstag der nässeste Tag der Woche. Das gilt sowohl für die mittlere Regenmenge als auch für die Häufigkeit von Starkniederschlägen.
  • Wolkenbedeckung: Sie ist am Wochenanfang am schwächsten (Minimum: Dienstag) und am Wochenende am stärksten (Maximum: Sonnabend).
  • Sonnenscheindauer: Sie verhält sich erwartungsgemäß analog zur Wolkenbedeckung. Die Sonne strahlt dienstags im Schnitt eine Viertelstunde länger vom Himmel als samstags.

Alles in allem eine trübe Einsicht, nicht bloß für Fußball-Fans: Am arbeitsfreien Wochenende geizt das Wetter mit Wärme und Sonne. Und dieses Freizeit-inkompatible Muster ist zu allem Überfluss "im Sommer stärker ausgeprägt als im Winter", sagt Meteorologe Vogel SPIEGEL ONLINE.

Mit natürlichen Dingen kann das nicht zugehen. "Woher sollte das Wetter denn wissen, dass gerade Mittwoch ist?", sagt Vogel. Es gebe zwar Wetterzyklen, eine natürliche Sieben-Tage-Periode sei aber nicht darunter.

Das lässt nur einen Schluss zu: Der Wochenrhythmus des Menschen prägt das Wetter in Deutschland - und zwar über Luftschadstoffe. Kraftwerke, Industrie und Verkehr stoßen davon werktags deutlich mehr aus, und diese geballte Ladung macht sich dann immer am Wochenende bemerkbar.

Ozon, Stickoxide, Wirbelstürme gehorchen dem Dreckrhytmus

Abgase und Feinstaub erzeugen unter der Woche ein Gewirr künstlicher Schwebteilchen (Aerosole) in der Atmosphäre. Der dominierende Sulfatstaub kühlt die bodennahe Luft, indem er einfallendes Sonnenlicht reflektiert. Außerdem lagert sich an den Schwebteilchen Wasser an. Als Starter- oder Kondensationskeime führen diese Kleinsttröpfchen zur Bildung von Wolken.

Forscher hatten in den vergangenen sechs Jahren Schwankungen einzelner Teilchenkonzentrationen in Kanada und Kalifornien, auf Hawaii und für Stickstoff-Dioxid auch über Deutschland festgestellt. Schon 1997 wies Stefan Brönnimann von der Universität Bern nach, dass die Ozonkonzentration über der Schweiz im Wochenrhythmus schwankt. Ein Jahr später fiel Randall Cerveney von der Arizona State University ein anderer Effekt auf: Über dem Nordwestatlantik schien es periodische Muster im Niederschlag und in der Windgeschwindigkeit von Wirbelstürmen zu geben - ebenfalls im Wochenrhythmus.

Doch warum sind Wetter und Wochenende so arg aus dem Takt? Schließlich geht doch schon freitagabends der Staub-Ausstoß kräftig zurück. Warum kühle, nasse Samstage?

Bisher nur Einzelnes - jetzt kompletter Rhythmus

"Da tappen wir relativ im Dunkeln", sagt Bäumer. Die "zeitliche Phasenverschiebung" lasse sich wohl am ehesten so erklären: "Die Aerosole müssen sich größtenteils erst einmal aus Abgasen bilden, und auch die Wolkenbildung dauert ihre Zeit." Vogel sieht jedenfalls den Beleg dafür erbracht, dass der Mensch per Schadstoffausstoß nicht nur das Klima beeinflusst, sondern "auf viel kürzeren Zeitskalen auch das Wetter". Von Untersuchungsergebnissen aus China und den USA werde diese Hypothese bestätigt. "In Europa ist uns aber bisher keine Arbeit bekannt, die so viele Wetterstationen einbezieht", sagt Bäumer.

"Auf jeden Fall Hand und Fuß" hat die neue Studie nach Ansicht von Johannes Quaas vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Seine Arbeitsgruppe befasst sich intensiv mit den Wechselwirkungen zwischen Wolken und Klima. Quaas lobt, dass der Wochenzyklus jetzt für eine ganze Reihe meteorologischer Größen belegt werden konnte. Vorher sei nur Einzelnes bekannt gewesen, zum Beispiel dass der Samstag vergleichsweise nass ist. Bei der Ursachensuche tippt auch Quaas auf indirekte Staubeffekte am Himmel über Deutschland.

Deren Folgen mögen dem gemeinen Arbeitnehmer garstig erscheinen - eine Prognose für die kommenden Wochenenden lässt sich aus den Erkenntnissen zu den langjährigen Mittelwerten allerdings keineswegs ablesen. Das Wetter ist schließlich noch vielen anderen Faktoren abhängig. Vogel: "Nicht an jedem Montag bleibt der Himmel trocken!"

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Wochenend-Wetter - antizyklisch arbeiten?
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Quälgeist 27.02.2007
Zitat von sysopSamstag und Sonntag regnet es mehr, scheint die Sonne weniger - das fanden Karlsruher Forscher heraus. Was tun? Ist antizyklisches Arbeiten ohnehin erholsamer? Welches sind Ihre Erfahrungen mit alternativen Wochenrhythmen?
LOL ... rund um die Uhr arbeiten ist angesagt... dann geht ihnen das Wetter sowieso am A.. vorbei...hihi (als Selbstständiger kann ich ja arbeiten wann ich will hrhr aber wer will schon arbeiten ?? ) Quälgeist ;-)
2.
DJ Doena 27.02.2007
Mir als Single und Couchpotato ist es relativ egal, wann Wochenende ist, aber bei uns in der Firma ist Kernarbeitszeit nunmal Mo-Fr und für Sonntagsarbeit gibts Zuschläge - also da nur arbeiten, wenns unbedingt sein muss (aus Sicht des Chefs)
3. stimmt so. stimmt so?
dj_amal 27.02.2007
die ergebnisse geben immerhin einem alten bonmot recht: "was ist nach zwei tagen regen?" "montag". letztlich aber: antizyklisches arbeiten dürfte schlechterdings unmöglich sein, sofern man nicht die freiheit besitzt, seine arbeit selbst einteilen zu dürfen/können/müssen. wie aber verklickert man das einem ganz normalen arbeiter/angestellten? welche entscheidungs-/wahlfreiheiten hat dieser bezüglich seiner arbeitszeit? wohl eher keine. also geht es nicht darum, zu anderen zeiten zu arbeiten, sondern vielmehr um die frage: wie komme ich zu meinem arbeitsplatz? und da ist leider das auto immer noch die erste wahl in den allermeisten fällen....also wird's am wochenende wohl weiterhin regnen. miese aussichten.
4. Bekannt
Mirko D. Walter 27.02.2007
Das ist doch schon seit Jahren bekannt *staun* Das zyklische Verhalten des Wetters in der Nähe von Großstädten wurde auf das Reduzieren der Produktionskapazität von Industrieanlagen an Wochenenden zurückgeführt.
5.
dj_amal 27.02.2007
Zitat von Mirko D. WalterDas ist doch schon seit Jahren bekannt *staun* Das zyklische Verhalten des Wetters in der Nähe von Großstädten wurde auf das Reduzieren der Produktionskapazität von Industrieanlagen an Wochenenden zurückgeführt.
nunja. wissenschaft ist halt immer auch dem zeitgeist unterlegen: mal wird die eine seite der medaille beleuchtet. mal die andere...oder, um eine andere plattheit zu verwenden: glaube keiner statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. aber es ging ja um die frage anderer arbeitszeiten/-formen, anderer rhythmen. sicher ist es legitim, einen common sense in frage zu stellen. aber meistens auch ergebnislos, weil eine solche frage an den grundfesten rüttelt. gemeinhin ist es doch schon ein luxus, entgegen dem pendlerstrom, also auswärts, zu arbeiten. entgegen dem rhythmus zu arbeiten, den rhtyhmus also aufzuheben, ist sicher möglich. aber dann hebt sich nicht nur der rhythmus der arbeit auf. dann verändert sich das ganze leben, das, sofern man damit in der minderheit lebt, fortan in einer art paralleluniversum stattfindet. ich habe es durchaus genossen, gegen den rhythmus zu arbeiten. leider aber auch die schattenseiten dabei kennengelernt, weil man nunmal dummerweise in der mindertheit ist. sind halt nicht so viele, die z.B. mitten in der nacht eine drängende frage beantworten können oder unter woche mittags zeit und lust haben ins kino zu gehen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Deutschland-Wetter: An Werktagen schöner