Extremwetter Eisige Wirbel über dem Ozean lassen USA gefrieren

Nordamerika leidet unter einer rekordverdächtigen Kältewelle. Der verantwortliche Wettermechanismus ist keinesfalls ungewöhnlich: Gigantische Luftwirbel über Pazifik und Atlantik schaufeln Polarluft bis tief in den Süden. In diesem Jahr sind sie aber besonders groß.

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National Weather Service

Die Polarwirbel sind eigentlich ein altbekanntes Phänomen: Wenn es an Nord- und Südpol Winter wird, entstehen in großer Höhe gigantische Luftwirbel mit Durchmesser von bis zu 2000 Kilometern. Doch die aktuelle Kältewelle in Nordamerika hat etwas hervorgebracht, das Amerikaner "Buzzword" nennen: "Polar Vortex". Experten benutzen den Begriff inzwischen in TV-Interviews für die Kältewelle, unter #polarvortex gibt es zahllose Twitter-Beiträge. "Polar Vortex", jubelt ein Twitter-User, "ist das am großartigsten klingende Wetter, das unserem Planeten passieren kann. Hurrikan Katrina schleicht beschämt davon".

Tatsächlich frösteln die USA derzeit unter rekordverdächtiger Kälte. Nach Angaben des nationalen Wetterdienstes NOAA sind gefühlte Temperaturen von minus 50 Grad möglich. Dafür sorgt eine Wetterkonstellation, die für Nordamerika keinesfalls ungewöhnlich ist: Im Westen liegt über dem Pazifik ein Hochdruckgebiet, über dem Atlantik - zwischen Grönland und der Ostküste Nordamerikas - dagegen ein Tiefdruckgebiet. Letzteres rotiert gegen den Uhrzeigersinn und schaufelt kalte polare Luftmassen bis tief in den Süden der USA.

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Kältewelle: Wie polare Eisluft in die USA gelangt
"Anders als in Europa liegt zwischen diesen Gebieten und den Polarregionen kein Meer und kein größeres Gebirge", erklärt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD). "Deshalb kann die kalte Luft wie auf Schienen große Strecken überwinden." Dieses Szenario werde auch als "Arctic Outbreak" bezeichnet. "Das ist typisch für die USA und kommt alle paar Jahre vor."

Alle paar Jahre eine Kältekatastrophe

Das zeigt auch ein Blick in die Statistik des Rückversicherers Munich Re. Allein in den vergangenen 30 Jahren kam es demnach in den USA zu acht Kältewellen mit Schäden von mehr als einer Milliarde Dollar. Die bisher höchsten Kosten hat der Blizzard vom März 1993 mit rund fünf Milliarden Dollar verursacht. Die meisten Todesopfer - rund 500 - forderte der Wintersturm im Dezember 1983.

Die aktuelle Kältewelle könnte nach Meinung von Meteorologen allerdings die Rekorde der vergangenen 30 Jahre brechen. Der Grund dafür ist laut Friedrich, dass die Hoch- und Tiefdruckgebiete über dem Pazifik und Atlantik derzeit außergewöhnlich groß sind. Ryan Maue, Meteorologe bei WeatherBell Analytics, sieht "alle Zutaten für einen Beinahe-Rekord oder eine historische Kältewelle" zusammengekommen. "Wer unter 40 Jahren ist, hat so etwas noch nicht gesehen", sagte Maue dem "Guardian".

Zudem kommt es durch die starken Luftdruck-Unterschiede zu hohen Windgeschwindigkeiten. Das erklärt, warum in den USA vor dem sogenannten "Wind Chill" gewarnt wird: Durch den erhöhten Luftzug kühlt ungeschützte Haut schneller aus, als es bei Windstille der Fall wäre. Obwohl die gemessene Temperatur die gleiche ist, erhöht der Wind die Gefahr von Erfrierungen. Allgemein gilt laut NOAA, dass gefühlte Temperaturen unter 30 Grad gefährlich seien, auch wenn es dafür keine feste Regel gebe.

Gefühlte Temperaturen von unter 50 Grad

Die Behörden in den USA haben bereits reagiert. Im Bundesstaat Minnesota etwa blieben sämtliche Schulen am Montag geschlossen, wie Gouverneur Mark Dayton erklärte. Die Kinder sollten "vor den gefährlich kalten Temperaturen geschützt werden". Nach Angaben der Wetterdienste könnte die gefühlte Temperatur am Montag in Teilen der USA auf unter 50 Grad sinken.

Allan Umscheid aus Kansas: Gefühlte Temperaturen bis zu 51 Grad unter null
AP Photo/The Journal-World, Mike Yoder

Allan Umscheid aus Kansas: Gefühlte Temperaturen bis zu 51 Grad unter null

Der gleiche Mechanismus, der Nordamerika eisige Kälte bringt, sorgt jedoch auch dafür, dass es in Europa derzeit vergleichsweise warm ist. Denn wenn das Tiefdrucksystem über dem Atlantik gegen den Uhrzeigersinn rotiert, führt es nicht nur kalte Polarluft nach Nordamerika, sondern an seiner Rückseite warme Luft aus den Tropen nach Europa. "Solange es in Nordamerika so kalt ist, werden wir deshalb in Deutschland keinen echten Winter bekommen", sagt Friedrich.

Ohnehin sind die Europäer viel besser vor der Kälte aus dem hohen Norden geschützt als die Bewohner Nordamerikas: Die polare Luft muss zuerst über das Nordmeer strömen und kommt dann über der Nordsee mit dem warmen Wasser des Golfstroms in Kontakt. "Das führt zu deutlich milderen Temperaturen", so Friedrich.

Noch besser haben es die Mittelmeerländer: Die Alpen und die Pyrenäen schützen sie vor dem, was von der polaren Kaltluft noch übrig ist. Nur deshalb ist es möglich, dass in Amerika die Polarluft bis nach Florida vordringen kann. Der US-Bundesstaat liegt in etwa auf den gleichen Breitengraden wie die nördliche Sahara, wo Kältewellen bekanntlich kein Thema sind.



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insgesamt 63 Beiträge
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Sergeij 06.01.2014
1. Vorder- und Rückseite bei einem Tiefdruckgebiet.
Hallo SPON, ein Tiefdruckgebiet dreht sich auf der Nordhalbkugel entgegen des Uhrzeigersinnes und fördert auf der VORDERSEITE warme Luft aus dem Süden nach Norden - und auf der RÜCKSEITE kalte Luft aus dem Norden nach Süden. Bitte im Artikel korrigieren!
matymedia 06.01.2014
2. Na gut, in den USA ist es kalt ...
... und es wird die Katastrophe beschrien. Aber warum schaut eigentlich keiner nach Kanada? Die müssen nun mit noch mehr Kälte auskommen als die USA.
karldhammer 06.01.2014
3. Was würde
wohl einem passieren, der jetzt dort gegen die Klimaerwärmung demonstrieren würde? Das wäre schon mal interessant.
samloretto 06.01.2014
4.
"Gefühlte Temperaturen von unter 30° sind gefährlich"? "In Amerika kommt es zu gefühlten Temperaturen unter 50°"?!? Dann müsste ich ja hier bei 20° Raumtemperatur, ungeschützt, schon längst tot sein. Herr B. war bestimmt der Schrecken jedes Physiklehrers.
c_c 06.01.2014
5.
Zitat von sysopNational Weather ServiceNordamerika leidet unter einer rekordverdächtigen Kältewelle. Der verantwortliche Wetter-Mechanismus ist keinesfalls ungewöhnlich: Gigantische Luftwirbel über Pazifik und Atlantik schaufeln Polarluft bis tief in den Süden. In diesem Jahr sind sie aber besonders groß. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/wetter-tiefdruckgebiet-ueber-atlantik-bringt-usa-kaeltewelle-a-942027.html
Erstaunlich, wie oft in letzter Zeit die zunehmend extremen Wetterphänomene dann plötzlich doch immer "nichts Ungewöhnliches" sind...
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