Sommerbilanz Der Klimawandel macht Deutschland nass

Sonne im Norden, Regen im Süden - der Sommer verlief zweigeteilt. Ein Phänomen gebe zu denken, mahnt der Deutsche Wetterdienst: Immer häufiger erscheint ein gefürchtetes T auf der Wetterkarte.

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Hamburg/Berlin - Erst Kälte, dann Hitze, später Unwetter und zuletzt Dunkelheit. Trotz der Vielfalt war es ein im Ganzen gewöhnlicher Sommer, meldet der Deutschen Wetterdienstes DWD in seiner Bilanz. Weder bei der Häufigkeit von Niederschlägen oder Gewittern, noch bei Sonnenschein und Temperatur ragte das Sommer-Vierteljahr heraus. Ein Phänomen jedoch heben die Meteorologen hervor.

An acht Tagen allein im Juli erschien ein dickes T auf der Wetterkarte mitten über Deutschland: Ungewöhnlich häufig machten sich dort Tiefdruckgebiete breit, viele Regionen vor allem in der Mitte und im Süden des Landes erlebten extreme Regengüsse. In der Region Münster ging am 28. Juli bis zu 20 Zentimeter Regen nieder, so viel wie sonst in einem Vierteljahr.

Tiefdruck über Mitteleuropa
DWD

Tiefdruck über Mitteleuropa

Der DWD registriert eine verdächtige Wandlung: Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts würden regenreiche Tiefdruckgebiete um ein Fünftel häufiger auftreten. Verzeichneten die Meteorologen in den fünfziger Jahren noch acht bis zehn pro Jahr, zogen in den letzten Jahren neun bis 15 der wolkigen Ungetüme über Mitteleuropa.

Unsichere Prognosen

Der Grund sei der globale Klimawandel, vermutet der Wetterdienst. Niederschläge wie im Juli dürften sich im Zuge des erwarteten Klimawandels häufen, prophezeit der DWD. Simulationen hätten gezeigt, dass in einer wärmeren Welt Ende des Jahrhunderts 10 bis 17 Tage pro Jahr von den regenreichen Tiefdruckgebieten geprägt sein könnten, berichtete der Vize-Präsident des DWD, Paul Becker, am Montag in Berlin. Dieses Jahr waren es bereits jetzt schon mehr als 17.

Die Simulationen fußen auf den Klimaprognosen der Supercomputer, die wiederum auf der Annahme beruhen, dass weitere Treibhausgase aus Fabriken, Heizungen, Autos und Kraftwerken die Luft erheblich erwärmen werden. Sie errechnen allerdings keine Wetterlagen wie kurzfristige Wetterprognosen, sondern lediglich Trends für Temperaturen, Niederschlag, Luftdruck und andere Phänomene - aus den Daten schließen Experten auf vorherrschende Wetterlagen.

Die Unsicherheiten der Rechnungen für kleine Regionen wie Deutschland sind dabei noch weitaus größer als ohnehin schon. So wirkt sich die Vegetation entscheidend auf das Klima aus, und der Pflanzenbestand wird sich im Zuge der Erwärmung zweifellos ändern. Doch diese Veränderungen des Bewuchses werden in Klimamodellen bislang nicht berücksichtigt. Auch Meeresströme verlagern sich, ihr Rhythmus ist allerdings kaum verstanden.

Ungemach aus Südost

Man habe aber bereits festgestellt, dass sich die globalen Windsysteme um knapp 200 Kilometer in Richtung der Pole verlagert hätten, berichtet der DWD. Mithin gelange vermehrt Westwind nach Mitteleuropa. Halte der Trend an, drohten mehr Stürme, vor allem im Winter.

Auch aus Südost dräue Ungemach: Tiefdruckgebiete, die über die Adria nach Norden ziehen, saugen sich mit warmem Mittelmeerwasser voll und laden es in großen Mengen über Deutschland ab - extreme Flusshochwasser wie 1997, 2002 und 2013 können die Folge sein.

Der DWD sieht häufiger Tiefdruck aus Südost voraus: "Wir müssen künftig mit mehr Überschwemmungen rechnen", warnt der DWD. Simulationen der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik hingegen haben für die Zukunft keine Zunahme der sogenannten Vb-Wetterlage aus Südost ergeben - das zeigt, wie unsicher die Prognosen sind.

Die wichtigsten meteorologischen Ergebnisse des Sommers 2014:

  • Die Temperatur des Sommers lag mit 17,2 Grad Celsius im Durchschnitt der Vergleichsperiode 1981 bis 2010.
  • Die Sonne schien landesweit etwas häufiger als üblich. Die sonnenreichsten Gebiete lagen mit fast 900 Stunden an der Ostseeküste. Am wenigsten zeigte sich die Sonne am Alpenrand, teilweise waren es dort nicht mal 500 Stunden.
  • In den drei Sommermonaten Juni, Juli, August fielen deutschlandweit durchschnittlich 27 Zentimeter Regen, etwas mehr als üblich.
  • Im Juni war es deutlich trockener als üblich, im Juli dann nur noch in unmittelbarer Küstennähe. Im August fiel landesweit ein Fünftel mehr Regen als sonst.
  • Der Sommer begann mit sehr kühlen Nächten: In Deutschneudorf-Brüderwiese im Erzgebirge etwa herrschte Anfang Juni Frost.
  • Bereits eine Woche später jedoch schwitzte das Land unter einer Hitzewelle, die am Pfingstmontag, dem 9. Juni, ihren Höhepunkt erreichte.
  • Rheinau-Memprechtshofen, südwestlich von Baden-Baden, meldete mit 37,7°C den höchsten Wert des Sommers.
  • Im Juli zog sich der Hochsommer mehr in den Norden und Osten Deutschlands zurück, während im Süden wechselhaftes Wetter einzog.
  • Im Juli herrschte lange tropische Schwüle. Heftige Gewitter ergossen sich mit erheblichen Regenmengen.
  • Der August fiel insgesamt kühl aus, und die Sonne schien weniger als üblich. Im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Hessen gab es keinen Tag mehr mit Temperaturen über 30°C.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
tmayer 15.09.2014
1. Ach ja
jetzt werden die Sommer also wieder feuchter. Solche Prognosen haben eine extrem kurze Halbwertszeit und richten sich erstaunlich oft nach der aktuellen Witterung. 2003 und 2006 wurde prophezeit, dass die Sommer ab sofort fast nur noch trocken und heiß werden. 2002 und 2013/2014 werden die zukünftigen Sommer mit warm aber feucht/regenreich prognostiziert. Dass es immer wärmer wird, da sind sich die seriösen Wissenschaftler zum Glück meist einig, was man auch an den Vergangenen Sommern sehen kann. Ich kann mich an keinen Sommer der letzten 20 Jahre erinnern, der statistisch als zu kühl galt. Aber was die Niederschläge angeht, da ist wohl Kaffeesatzleserei erfolgsversprechender.
soisses1 15.09.2014
2. 2003
Manche erinnern sich noch an den Sommer 2003, da hieß es, wir werden jetzt öfter mit solchen heißen Sommern rechnen müssen. 2014 scheint es dann eher nass in der Prognose zu sein! Ja da hoffen wir doch, dass es 2015 im Juli nicht anfängt, zu gefrieren ...
Alderamin 15.09.2014
3. Übrigens...
ist der westantarktische Eisschild instabil geworden. Ist aber nicht so wichtig. http://www.scilogs.de/klimalounge/westantarktis-ueberschreitet-den-kipppunkt/
akalvin 15.09.2014
4. Schönes Foto
Der Rest ist eher Mist.
emeticart 15.09.2014
5. Sommer?
Ich konnte hier im Südwesten keinen Sommer feststellen. Permanent zu wolkig und viel zu kalt. Dabei ist es bei uns, zwischen Wein- und Bergstrasse meist sehr schwül und heiss im Sommer. Für mich war das kein "gewöhnlicher" Sommer, sondern Mist. MfG
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