Wetterbrücke Eisschmelze der Arktis kühlt Winter in Europa

Klimaforscher haben eine meteorologische Fernwirkung entdeckt: Schmilzt das Meereis in der Arktis, verschieben sich Luftströmungen - die Winter in Europa und Asien werden kühler.

Arktiseis: Eisbärenmutter mit ihren Jungen
DPA

Arktiseis: Eisbärenmutter mit ihren Jungen


Die arktische Eisschmelze hat in den vergangenen Jahrzehnten einer Studie zufolge zu besonders strengen Wintern in Teilen Europas und Asiens geführt. Beobachtungen zeigen, dass die kalten Winter im Zusammenhang mit dem Rückgang des arktischen Meereises stehen könnten, das seit Jahrzehnten tendenziell schrumpft.

Wissenschaftler um Masato Mori von der japanischen Universität Tokio fanden nun heraus, dass der Rückgang des Eises in der arktischen Barents-Kara-See atmosphärische Strömungen begünstigte, die Kälte in Europa und Asien fördert. Diese atmosphärischen Muster, die sie "Blockierungssituationen" nennen, hätten befördert, dass kalte Luft in Richtung Europa und Asien strömte und dort strenge Winter verursachte, berichten die Forscher im Fachmagazin "Nature Geoscience".

In ihrer Untersuchung führten sie 200 leicht variierende Computersimulationen der weltweiten atmosphärischen Zirkulation durch. Das Klimamodel, das sie für diese Simulationen nutzten, stützte sich auf zwei unterschiedliche Situationen in der Arktis: entweder eine hohe oder eine niedrige Konzentration des Meereises. Die ins Modell eingespeisten Werte zur Eiskonzentration wiederum basierten auf Beobachtungsdaten.

Die Studie bestätigt frühere Simulationen, die ebenfalls einen Einfluss der Arktisschmelze auf kühles Winterwetter in Europa nahelegten. Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven etwa führen den Zusammenhang zum Teil auf Schwankungen der Arktischen Oszillation zurück.

Brücke nach Europa

Die Arktische Oszillation ist eine Schwingung der Atmosphäre, die durch entgegengesetzte Luftdrücke in der Arktis und den mittleren Breiten charakterisiert ist. Sie kann zwei verschiedene Phasen einnehmen. In der positiven Phase treiben Westwinde im Winter warme Atlantikluft nach Nordeuropa und Sibirien. In der negativen Phase kann kalte Polarluft weiter in den Süden vordringen. Dadurch gibt es frostige Winter in Europa.

Mori und seine Kollegen meinen hingegen, dass die atmosphärische Antwort auf den Rückgang des arktischen Eises ihren Simulationen zufolge von der sogenannten Arktischen Oszillation unabhängig sei.

Bald könnte es sogar ganz vorbei sein mit der Fernwirkung: Mori und seine Kollegen glauben, dass die globale Erwärmung den Zusammenhang von Arktiseis und Winterwetter durchkreuzen dürfte: Analysen von Klimavorhersagen für das 21. Jahrhundert würden nahe legen, dass in Zukunft eher mit einer Abnahme der strengen Winter in Europa und Asien zu rechnen sei.

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boj/dpa

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insgesamt 20 Beiträge
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chb_74 27.10.2014
1. Abkühlende Winter...?
Meteorologen haben ja nicht selten durch ihren breiten Blick eine etwas andere Wahrnehmung der Realität, aber aus Sicht eines einfachen europäischen Bürgers kann ich nur feststellen, dass die Winter der letzten Jahre wärmer, und verregneter wurden - 2010/11 mit seinen Schneemassen über Wochen hinweg selbst in eher niedrigen Lagen als Ausnahme. Ansonsten wirken solche Aussagen eher skurril, denn sie haben wenig mit der Lebenswirklichkeit zu tun...
knok 27.10.2014
2. @Nr. 1
Ich weiß nicht wie alt sie sind, aber ws haben sie eher die eisigen Winter der 1960er und späten 1980er im Kopf. Ich denke, das wird im Artikel aber nicht klar, dass sich der Zeitraum eher nur auf etwa die letzten 25 Jahre bezieht. Und tatsächlich waren die Winter der 1990er mit Ausnahme 1995/96 und 1996/97 wesentlich milder als die seit 2000 mit einer Reihe von kalten bzw. kühlen Wintern 2005/06, 2008/11 und Februar 2012, Jan-Mrz. 2013.
spiegkom 27.10.2014
3. Da habe ich doch zwei Fragen
"Die arktische Eisschmelze hat in den vergangenen Jahrzehnten einer Studie zufolge zu besonders strengen Wintern in Teilen Europas und Asiens geführt" Hat man mir nicht vor ca. 2-3 Jahren von kompetenter deutscher Wissenschaftsseite erzählt, dass es bald keine kalten Winter mehr gibt? Und hat man mir nicht erzählt, dass die Winter der letzten Jahrzehnte eigentlich viel zu warm waren?
RogerRabit1962 27.10.2014
4. Gott sei Dank !
Endlich wärmere Winter ! Geringere Heizkosten für die Mieter ! Günstiger Heizkosten für die Hallenbäder ! Länger draussen sitzen ! Längere Freibad Saison ! Wo können wir zustimmen? Schnell noch ein paar V8s kaufen, bevor die Klimaerwärmung ausfällt? Oder macht das die Erde ganz ohne uns?
zauselfritz 27.10.2014
5. Wunderbar! Futter für den Laien Michel
Wenn ich manche Kommentare schon wieder lese! Da meint einer, weil der letzte Winter bei ihm ums Haus bis auf 30 Tage um November und Dezember praktisch nicht stattgefunden hat, dass er daraus das kontinentale oder gar globale Wetter der letzten 30-40 Jahre ableiten könne. Ein Anderer hat das mit der "globalen Erwärmung" nicht so recht verstanden und glaubt, es müsse ja überall wärmer werden - wie kann es denn zu strengen Wintern kommen!? Das Wetter ist viel zu komplex als das der Laien Michel es mit dem Blick aus dem Fenster in seinem grossen Ganzen erfassen könnte. Das können ja nicht mal Meteorologen immer zufriedenstellend. Man sollte sich also mit Äusserungen die derlei Langzeitstudien (erstellt von Menschen mit mehr Fachkompetenz) herabsetzen, aufgrund des eigenen, naturgemäss begrenzten Wetterhorizonts zurückhalten.
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