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Wetterprognose Japan: Wind bläst radioaktive Wolke Richtung Tokio

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Die Wetterlage in Japan bereitet Experten Sorgen: Seit Stunden weht der Wind die Strahlung aus dem beschädigten Atomkraftwerk Fukushima genau in Richtung Tokio. Meteorologen hoffen, dass er bald dreht - gerade noch rechtzeitig, um die Radioaktivität aufs offene Meer zu tragen.

Brand im AKW Fukushima: Angst vor radioaktiver Wolke Fotos
AP

Ein gewaltiges Erdbeben, ein verheerender Tsunami, eine Kette von Explosionen in einem Atomkraftwerk, und nun auch noch das: Ausgerechnet zur Zeit der Havarie des japanischen AKW Fukushima hat der Wind auf Nordost gedreht - was ungewöhnlich ist für die Jahreszeit. Damit trägt die Luftströmung alles, was derzeit aus dem Kernkraftwerk entweicht, genau auf Tokio mit seinen 35 Millionen Einwohnern zu ( zum Liveticker).

Nach Angaben der US-Wetterbehörde NOAA weht der Wind an der Nordostküste seit Montag 20 Uhr deutscher Zeit, also Dienstag 4 Uhr morgens Ortszeit, aus Richtung Nordost. Zwölf Stunden später drehte er nach Osten und wehte alles, was aus dem AKW kam, zunächst noch weiter ins Landesinnere. Erst am Mittwochmorgen Ortszeit - vielleicht aber auch erst mittags oder nachmittags - werde der Wind wieder auf West drehen, sagte eine Meteorologin des Deutschen Wetterdienstes im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Eine aktuelle Modellrechnung der Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zeigt, dass die Luftströmungen die Radioaktivität aus dem AKW vermutlich genau auf das 240 Kilometer entfernte Tokio getrieben haben. Wie stark die Strahlung dort ausfällt, hängt davon ab, wie viel von dem beschädigten Atomkraftwerk freigesetzt wurde und welche Menge die Winde in die Hauptstadt getragen haben. Erst am Dienstagabend deutscher Zeit (ca. 3 Uhr morgens Ortszeit) soll sich die Wolke nach den ZAMG-Berechnungen verziehen und auf den Pazifik hinauswehen - siehe Grafik:

  Klicken Sie auf das Bild, um die Animation zu starten:  Die radioaktive Wolke treibt Richtung Tokio. Wie stark die Strahlung wird, hängt von der weiteren Freisetzung am beschädigten AKW Fukushima ab. Zur Großansicht
ZAMG

Klicken Sie auf das Bild, um die Animation zu starten: Die radioaktive Wolke treibt Richtung Tokio. Wie stark die Strahlung wird, hängt von der weiteren Freisetzung am beschädigten AKW Fukushima ab.

Angesichts der niedrigen Windgeschwindigkeiten von etwa 10 bis 20 km/h hatte die aus dem AKW Fukushima entwichene Strahlung bereits genügend Zeit, Tokio zu erreichen. Messungen vom Dienstag schienen das zu bestätigen: Bereits rund 100 Kilometer nördlich der Hauptstadt Tokio war die Strahlenbelastung bis zu zehnmal höher als normal, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die örtlichen Behörden. In Tokio selbst sei die Strahlung 22-mal höher als üblich, berichtete der Fernsehsender NHK am Dienstag. Das US-Militär hat inzwischen sogar auf seiner Basis in Yokosuka - die sich südlich von Tokio befindet - schwache Radioaktivität gemessen.

In den vergangenen Tagen hatten die Ingenieure in dem havarierten AKW mehrfach radioaktiven Dampf aus den Reaktordruckbehältern abgelassen, um Schlimmeres zu verhindern. Inzwischen aber hat sich die Lage im Kernkraftwerk dramatisch verschärft: Nach einem Brand und einer Explosion in der Nacht ist nun die innere Hülle von Reaktor 2 beschädigt. Zudem war in Reaktor 4 der Atomanlage nach einer Explosion ein Feuer ausgebrochen.

Strahlung dramatisch angestiegen

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) erklärte, bei dem Brand sei Radioaktivität direkt in die Atmosphäre gelangt. "Anders als das, was bisher passiert ist, gibt es keinen Zweifel, dass das erreichte Niveau die menschliche Gesundheit beeinträchtigen kann", sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Die Belastung rund um das AKW betrug laut IAEA bis zu 400 Millisievert pro Stunde. Schon ab 250 Millisievert können sich Menschen eine Strahlenkrankheit zuziehen.

Zu befürchten steht nun, dass sich nun eine noch stärker strahlende radioaktive Wolke in Richtung Tokio aufgemacht hat. Die Meteorologen hoffen, dass die geringen Windgeschwindigkeiten das schlimmste verhindern: Sie könnten dazu führen, dass die neu freigesetzte Radioaktivität Tokio nicht mehr erreicht, bevor der Wind auf West dreht und die strahlenden Partikel auf den Pazifik hinausträgt.

Sollten sie aber bis in die Hauptstadt gelangen, könnten sie beträchtlichen Schaden anrichten - denn zu den ungewöhnlich ungünstigen Winden kommt Regen. Er würde die Radioaktivität in die 35-Millionen-Stadt spülen. "Der Niederschlag wird nach unseren Berechnungen in den nächsten Stunden einsetzen", sagte DWD-Meteorologin Johanna Anger am Dienstagmittag. Zwar werde der Niederschlag voraussichtlich schwach ausfallen - der DWD rechnet mit zwei bis zehn Millimetern über sechs Stunden -, soll dafür aber auch bis Donnerstag anhalten.

Die Weltwetterorganisation der Vereinten Nationen (WMO) teilte am Dienstag dagegen mit, die Radioaktivität werde von Japan weggeweht und es gebe weder für Japan noch für benachbarte Länder Auswirkungen. Eine WMO-Sprecherin sagte aber, es sei noch mit Wetteränderungen zu rechnen. Es sei daher nicht möglich zu sagen, was in den kommenden zwei bis drei Tagen geschehen werde.

35 Millionen Menschen bedroht

Von einer erhöhten Strahlenbelastung, sollte sie denn eintreten, wären in Tokio rund 35 Millionen Menschen betroffen. Zu der Metropolenregion gehören auch die Nachbarpräfekturen Chiba, Saitama und Kamagawa, in der die Millionenstädte Yokohama und Kawasaki liegen. Insgesamt leben in der Hauptstadtregion 28 Prozent der japanischen Bevölkerung. In Tokio selbst, das eigentlich aus 23 Einzelbezirken besteht, leben 13 Millionen Menschen. Die Stadt erstreckt sich auf 2188 Quadratkilometer und hat mit 6000 Einwohnern pro Quadratkilometer die größte Einwohnerdichte aller 47 japanischen Präfekturen.

Nach Ansicht von Forschern ist davon auszugehen, dass bei dem Unfall freigesetzte Nuklide - vor allem Cäsium-137, Jod-131 und Xenon-133 - die Metropole erreichen werden oder schon erreicht haben. Jod-131 strahlt stärker als Cäsium-137, hat aber auch eine kürzere Halbwertszeit: Nach rund acht Tagen ist die Hälfte zerfallen. Allerdings kann sich das strahlende Jod bei Menschen in der Schilddrüse anreichern und dort mittelfristig zu Krebs führen. Jod-Tabletten bieten deshalb einen gewissen Schutz: Je mehr nicht-radioaktives Jod sich in den Schilddrüsen befindet, desto weniger Platz haben die schädlichen Isotope.

Die Lufthansa fliegt wegen der drohenden radioaktiven Strahlung vorerst nicht mehr nach Tokio. Die täglichen Flüge würden bis einschließlich Sonntag auf andere japanische Flughäfen verlegt, sagte ein Sprecher von Europas größter Fluggesellschaft am Dienstag. Die Flugzeuge aus Frankfurt landeten bis dahin in Osaka, diejenigen aus München in Nagoya.

Mit Material von AFP, dpa und dapd

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1. ...
Barath 15.03.2011
Zitat von sysopDie Wetterlage in Japan bereitet Experten Sorgen: Seit Stunden weht der Wind die Strahlung aus dem beschädigten Atomkraftwerk Fukushima genau in Richtung Tokio. Meteorologen hoffen, dass er bald dreht - gerade noch rechtzeitig, um die Radioaktivität*aufs offene Meer zu tragen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,750988,00.html
Sind wir also schon soweit, daß nur noch "gehofft" werden kann, daß die Natur (Wind) sich der Menschen erbarmt? Eine wahrlich bittere Lektion in Demut. Wäre ich religiös würde ich für die Menschen in Japan beten.
2. .
atomkraftwerk, 15.03.2011
Was ist ein Atomwind? Wind ist bewegte Luft, bestehend aus Stickstoff, Sauerstoff, Argon und weiteren Gasen. Diese bestehen aus Atomen, in verschiedener Weise aneinander gebunden und somit Moleküle formend. Ist das euer Atomwind? Dann ist er aber unbedenklich.
3. Atomwind
forumgehts? 15.03.2011
Zitat von sysopDie Wetterlage in Japan bereitet Experten Sorgen: Seit Stunden weht der Wind die Strahlung aus dem beschädigten Atomkraftwerk Fukushima genau in Richtung Tokio. Meteorologen hoffen, dass er bald dreht - gerade noch rechtzeitig, um die Radioaktivität*aufs offene Meer zu tragen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,750988,00.html
Bob Dylan: Yes, ’n’ how many deaths will it take till he knows That too many people have died? The answer, my friend, is blowin’ in the wind The answer is blowin’ in the wind
4. ...
John.Moredread 15.03.2011
Zitat von atomkraftwerkWas ist ein Atomwind? Wind ist bewegte Luft, bestehend aus Stickstoff, Sauerstoff, Argon und weiteren Gasen. Diese bestehen aus Atomen, in verschiedener Weise aneinander gebunden und somit Moleküle formend. Ist das euer Atomwind? Dann ist er aber unbedenklich.
Gute Frage. Bezogen auf die aktuelle Situation scheint das keiner so genau sagen zu können. Hoffen wir einfach mal, das der "Atomwind" so harmlos ist, wie er klingt.
5. Ein wahrer Sprachwissenschaftler
berliner2011 15.03.2011
Zitat von atomkraftwerkWas ist ein Atomwind? Wind ist bewegte Luft, bestehend aus Stickstoff, Sauerstoff, Argon und weiteren Gasen. Diese bestehen aus Atomen, in verschiedener Weise aneinander gebunden und somit Moleküle formend. Ist das euer Atomwind? Dann ist er aber unbedenklich.
Oho, jetzt kommt aber ein Sprachwissenschaftler. Vielleicht können Sie auch die Begriffe: Luftbrücke, Windhose oder Sturmtruppen mit ihrem neugeschaffenen physikalisch-naturwissenschaftlichen Sprach-Ananlyse-Verfahren untersuchen. Bevor Sie sich jetzt aber zu viel Mühe machen eine "Brücke" zur Selbsterkenntnis: Mit Metaphern haben Sie's nicht so, gell?
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