Wetterrekord Ein Winter wie am Mittelmeer

Dieser Winter war der mildeste seit 1901, dem Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen in Deutschland. Die Durchschnittstemperatur wurde um mehr als vier Grad überschritten. Auf Helgoland war es sogar so warm wie sonst am Mittelmeer.


Frankfurt am Main - Noch nie zuvor wurden in Deutschland in den Wintermonaten derart hohe Durchschnittstemperatur gemessen. Im bundesweiten Mittel lagen die Temperaturen von Dezember bis Februar bei 4,3 Grad - das sind 4,1 Grad über dem vieljährigen Durchschnitt von 0,2 Grad. Die Mittelwerte der bislang wärmsten Winter 1974/75 und 1989/90 wurden "gleich um sagenhafte 0,7 Grad übertroffen", wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) am heutigen Dienstag in Offenbach mitteilte.

Verantwortlich dafür waren stabile Südwest- und Westwetterlagen: "Kalte Luftmassen hatten diesmal keine Chance, in Mitteleuropa die Oberhand zu gewinnen", sagte DWD-Präsident Wolfgang Kusch. Anhaltende Frostperioden habe es nicht gegeben.

Auf Helgoland war es mit durchschnittlich 7,1 Grad sogar wärmer als üblicherweise in der französischen Mittelmeerstadt Marseille. Regelrecht ins Schwitzen kamen am 8. Dezember die Menschen in Sigmarszell in Bayern: Dort wurde mit 19 Grad der Rekordwert dieses Winters gemessen. Bereits der Dezember war nach Angaben der Meteorologen insgesamt der wärmste seit 32 Jahren, der Januar schlug dann alle Rekorde. Auch der Februar schaffte immerhin eine Platzierung unter den Top 10 der wärmsten Februare.

Der DWD veröffentlichte die Winterbilanz 2006/2007 bereits zwei Tage vor dem Ende des Februars; die Temperaturen vom 27. und 28. des Monats fehlen in der Statistik. Die Angaben zur neuen Rekordtemperatur von 4,3 Grad Celsius sind somit vorläufig. Es ist allerdings kaum damit zu rechnen, dass sich dieser Wert noch ändert, weil zwei Tage in einem Zeitraum von drei Monaten kaum ins Gewicht fallen und extreme Temperatursprünge unwahrscheinlich sind.

Rekordwinter: Im Schnitt rund vier Grad zu warm
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Rekordwinter: Im Schnitt rund vier Grad zu warm

Leicht überdurchschnittlich war den Meteorologen zufolge auch die Niederschlagsbilanz des Winters: Es fielen bundesweit 213 Liter pro Quadratmeter - fast ausschließlich als Regen. Das sei 18 Prozent mehr als die normale Niederschlagsmenge von 181 Liter pro Quadratmeter, erklärten die Experten. Etwas über dem Soll lag auch die durchschnittliche Sonnenscheindauer mit bundesweit 167 Stunden. Der Normalwert liegt hier bei 154 Stunden.

Rekordtemperaturen wurden in diesem Winter nicht nur in Deutschland gemessen. Nach Berechnungen von US-Wissenschaftlern war es im Januar auch weltweit so warm wie nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die mittleren Temperaturen über der Landmasse und den Ozeanen seien so hoch gewesen wie nie zuvor seit dem Beginn derartiger Messungen vor 128 Jahren, teilte das regierungsamtliche Klimazentrum in Asheville, North Carolina vor wenigen Tagen mit. Die durchschnittliche Temperatur an der Erdoberfläche lag demnach um 0,85 Grad Celsius über dem 20-Jahres-Mittelwert, der für den Monat Januar 12 Grad beträgt. Vor fünf Jahren war ein Januar-Rekord erreicht worden, der 0,71 Grad Celsius über dem 20-Jahres-Mittel lag.

Die Wissenschaftler machen für die Höchstmarke eine moderate El-Niño-Episode und die globale Erderwärmung verantwortlich. Ein monatliches Mittel von mehr als acht Grad über dem langjährigen Durchschnitt betraf vor allem große Teile von Europa und Russland. Die ungewöhnlich warmen Bedingungen hatten auch Auswirkungen auf die Schneehöhe. Der eurasische Kontinent war von der zweitniedrigsten jemals gemessenen Schneedecke bedeckt; Wintersportorte klagten über Schneemangel. In den USA hatte es dagegen im Januar mancherorts heftig geschneit. Indien litt unter einer extremen Kältewelle.

Wissenschaftler warnen jedoch davor, die Rekordtemperaturen der vergangenen Wochen automatisch mit dem Klimawandel zu verbinden. "Es besteht immer wieder die Gefahr, zu schnelle Schlüsse aus dem aktuellen Wetter zu ziehen", sagte DWD-Sprecher Uwe Kirsche Anfang Januar zu SPIEGEL ONLINE. "Aus Einzelergebnissen kann man nicht auf den Klimawandel schließen."

hda/AP



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