"Roots & Shoots" Wie Jane Goodall Chinas Natur retten will

Jane Goodall wurde einst als junge Schimpansen-Forscherin berühmt. Heute trommelt die 80-Jährige mit viel Pathos für Naturschutz. Ausgerechnet beim Besuch in China lautet ihre wichtigste Botschaft: Jeder Einzelne zählt.

Domingo Cui

Aus Peking berichtet Felix Wadewitz


Es kommt nicht jeden Tag vor, dass eine Ikone vorbei schaut. Minutengenau sind ihre Schritte durchgetaktet. Drinnen proben aufgeregte Grundschüler noch einmal das Begrüßungslied; draußen flattert eine Riesenflagge im Wind. "Welcome Jane Goodall" steht unübersehbar darauf. Da rauscht die Autokolonne auch schon durch das Tor der Western Academy of Beijing. Es steigt aus: Eine zierliche alte Dame, die etwas wackelig auf den Beinen ist. "Hello, Dr. Jane", rufen die Kinder. In der Hand hält Jane Goodall "Mr. H", den Stoff-Affen, den sie seit zwei Jahrzehnten bei öffentlichen Terminen mit sich herumträgt. Auch heute wird sie ihn kein einziges Mal aus der Hand geben.

Der Samstag vergangener Woche war der erste Tag eines etwas anderen Staatsbesuchs in Peking. Er wird weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit stattfinden. Es ertönen keine Nationalhymnen, sondern "Heal the world" von Michael Jackson. Auf der Agenda stehen Straßenhunde, verseuchte Seen und Haifischflossensuppe. Statt um große Worte wie beim gerade zu Ende gegangenen Asien-Pazifik-Gipfel der Regierungschefs soll es um viele kleine Taten gehen. Das jedenfalls wünscht sich die Hauptperson so. Jane Goodall ist gekommen, um den Mitgliedern der von ihr gegründeten Naturschutzbewegung "Roots & Shoots" ("Wurzeln und Sprosse") Mut zu machen und für mehr Umweltbewusstsein in China zu trommeln. Dafür hat die 80-Jährige nicht nur den Langstreckenflug auf sich genommen.

"Dr. Jane", "Dr. Jane", "Dr. Jane" schallt es aus zahlreichen Kindermündern. Goodall und ihr Tross stehen inmitten einer Schülerschar auf einer kleinen Brücke und blicken betroffen in den "Duck Lake". Es braucht keine jahrelange Erfahrung in der Wildnis, um zu sehen und zu riechen, dass in dem Ententeich keine Ente glücklich würde. Die älteren Schüler berichten Goodall von ihren Bemühungen: Sie haben Briefe an die Stadtverwaltung geschrieben und Spenden gesammelt für neue Pumpen, um den Sauerstoffgehalt im Wasser zu erhöhen. Doch die neu installierte Anlage kommt nicht an gegen all das, was in der Nachbarschaft ins Wasser entsorgt wird. "Weiter so, niemals aufgeben", ermuntert Goodall mit fester Stimme ihre Schützlinge.

Berühmt geworden mit Schimpansen-Forschung

Selbst die Eltern dieser Kinder waren noch nicht geboren, als Goodall mit ihren Beobachtungen im afrikanischen Dschungel Wissenschaftsgeschichte schrieb. Sie dokumentierte als eine der ersten, dass Affen Werkzeuge benutzen. Die "National Geographic"-Fotos der jungen Frau im Urwald und Fernsehfilme machten sie weltberühmt. In den USA ist die Engländerin laut einer Umfrage die bekannteste lebende Wissenschaftlerin - nur Albert Einstein kennen noch mehr Menschen.

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Smog in Peking: Kohleverbrauch soll sinken
1991 startete Goodall "Roots & Shoots" in Tansania mit zwölf Schülern: Die Initiative ermutigt Kinder und Jugendliche, Umweltprobleme in ihrer Nachbarschaft zu identifizieren und etwas dagegen zu unternehmen. Heute gibt es weltweit rund 150.000 solcher Gruppen. In 138 Ländern ist die Graswurzelbewegung aktiv.

Es sind Veränderungen von unten, die Goodall auch bei ihrem Besuch in China fördern will. Das ist etwas Neues in einem Land, in dem das Kollektiv mehr zählt als Individualismus und selbst das Wetter von der Kommunistischen Partei vorgegeben wird: Für den Apec-Gipfel vergangene Woche hatte die Regierung das notorisch smoggeplagte Peking mit Fabrikschließungen und Fahrverboten per Verordnung in eine Art Luftkurort verwandelt. Wie nachhaltig das war, erleben die Bewohner schon jetzt. Kaum sind die Staatschefs abgereist, lässt sich die Luft in der chinesischen Hauptstadt wieder nur mit Mühe atmen. Da hilft es aktuell wenig, dass der Volkskongress in Peking der Luftverschmutzung offiziell den Krieg erklärt hat und China auch bei der Verbesserung der Wasserqualität Fortschritte macht.

"Ihr könnt die Welt retten. Jeder Einzelne von euch!"

Für große Politik interessiert sich Jane Goodall an diesem Tag wenig. Lieber hört sie den Kindern zu. In der Aula stellen "Roots & Shoots"-Mitglieder aus verschiedenen Pekinger Schulen ihre Projekte vor. Die Schüler arbeiten stundenweise in Tierheimen, entwerfen Plakate, die gegen den Genuss von Haifischflossensuppe aufrufen und sammeln Müll in ihrer Nachbarschaft. 600 solche Gruppen gibt es in ganz China. Drei Büros der Organisation in Peking, Shanghai und Chengdu unterstützen die Schüler und Studenten bei ihrer Sisyphusarbeit. "Roots & Shoots" war vor 20 Jahren eine der ersten ausländischen Umweltorganisationen, die eine Erlaubnis bekam, in China zu arbeiten.

Jane Goodall ist müde. Ein letztes Mal geht die 80-Jährige zum Mikrofon. Sie blickt in offene Kindermünder. Jedes Wort der Frau mit dem Plüschaffen in der Hand saugen die Schüler auf. Noch einmal erzählt Goodall von der Jagd auf Haie und Nashörner, von den schnell verschwindenden Lebensräumen für Wildtiere und von der Ignoranz der Erwachsenen alldem gegenüber. "Natürlich kann einer von euch allein nicht viel verändern", sagt sie, "aber viele Einzelne können zusammen viel erreichen, sehr viel!" Als sie schon auf dem Weg zum Auto ist, bittet ein kleiner Junge um ein Selfie. Lachend willigt Goodall ein. Als das Foto im Smartphone ist, dreht sie sich noch einmal um und ruft den winkenden Schülern zu: "Ihr könnt die Welt retten. Jeder Einzelne von euch!"

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Holledauer 17.11.2014
1. Solange die chinesische Regierung ihre Umweltgesetzgebung...
... nicht umsetzt, solange wird es in China keine saubere Luft und kein sauberes Wasser geben! Dabei sind die chinesischen Gesetze streckenweise durchaus mit den europäischen zu vergleichen, das Problem ist jedoch, das sehr viele, ich behaupte: die meisten Industrieanlagen durch Sondergenehmigungen betrieben werden, was Emissionen und Abfallentsorgung betrifft. Diese Sondergenehmigungen werden in der Regel nicht durch die Zentralregierung, sondern durch die Provinzregierungen erteilt, und man munkelt, dass über den Tisch die Genehmigung und unter dem Tisch vom Genehmigungsempfänger ein Umschlag gereicht wird. Es war interessant anzusehen, wie sich Peking zu den olympischen Spielen aufhübschte: Durch Peking fließen einige Gewässer, welche vor den Spielen richtige Kloaken, zu den Spielen relativ sauber und nach den Spielen wieder zu dem wurden, was sie vorher waren: Kloaken. Dabei gibt es durchaus Gegensätze: In Hangzhou, einer Großstadt 200 km südwestlich von Shanghai, riecht man jeden Brunnen schon in einer Entfernung von über 100 Metern, so sehr stinkt das Wasser nach Chlor. An die Stadt angrenzend gibt es den sogenannten West-Lake: Auf diesem fahren im Sommer Arbeiter im Ruderboot, welche die Aufgabe haben, jedes von den Bäumen gefallene Blatt aus dem Wasser zu fischen!
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