Ungewöhnliches Nagetier Wieso der Nacktmull keinen Schmerz spürt

Krebs kennen sie nicht und sie erreichen ein biblisches Alter: Nacktmulle verfügen über außergewöhnliche Eigenschaften. Nun glauben Forscher zu wissen, warum die Säuger eine schmerzresistente Haut besitzen.

DPA

Die Natur hat sie nicht gerade mit Attraktivität und Eleganz überhäuft. Aber was macht das schon, wenn man dafür gegen Krankheiten wie Krebs resistent ist und zudem ein außergewöhnlich langes Leben führen kann. Nacktmulle sind ungewöhnliche Tiere. Und das gleich wegen einer ganzen Reihe von Eigenschaften. Dazu gehört auch, dass die Nager nahezu keinen Schmerz spüren würden, wenn ihre Haut etwa mit Säure in Kontakt kommen würde.

Das macht die afrikanischen Tiere zu Lieblingen der Forschung - einmal mehr in einer neuen Studie. Wissenschaftler wollten herausfinden, warum die Säuger solchen starken Reizen auf der Haut gegenüber unempfindlich sind. Der Grund dafür liege in einer winzigen Abweichung bei der Reizübermittlung, berichten sie jetzt im Fachmagazin "Cell Reports".

Ziel der Forscher war es, einer ganz bestimmten Form des Schmerzempfindens auf den Grund zu gehen, der sogenannten thermalen Hyperalgesie - einer Überempfindlichkeit gegenüber Hitzereizen bei einer Entzündung. Viele Menschen kennen das aus eigener Erfahrung: Mit Sonnenbrand auf der Haut schmerzen selbst milde Sonnenstrahlen heftig. Bei den meisten Tieren gibt es eine solche Kopplung von Entzündung und Wärmereiz, Nacktmulle hingegen kennen das nicht.

Dutzende Versuche bis zur Erkenntnis

Bei einer bestehenden Entzündung binden in den sensorischen Neuronen bei höheren Temperaturen Nervenwachstumsfaktor-Moleküle (NGF) an einen bestimmten Rezeptor, TrkA genannt. Dadurch wird eine Kaskade von Signalen in Gang gesetzt, die die sensorischen Neuronen letztlich losfeuern lässt. Im Gehirn wird dies als Schmerz registriert. Die Kaskade läuft bereits bei Temperaturen, die normalerweise nicht als schmerzhaft empfunden werden.

Das Team um Gary Lewin vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin führte Dutzende Versuche durch, um dem Unterschied auf die Spur zu kommen. Ursache der Schmerzunempfindlichkeit ist demnach eine kleine Veränderung im TrkA- Rezeptor der Nacktmulle. In der Folge wird die Kaskade nicht ganz ausgeschaltet, aber erheblich geschwächt. Erst mit zehnfach erhöhter NGF-Dosis reagierten die Nacktmulle wie andere Tiere auch.

Ein Erbgutvergleich mit der TrkA-Sequenz 26 anderer Säugetiere sowie fünf eng verwandter Arten ergab, dass es lediglich ein bis drei winzige Veränderungen bei Aminosäuren sind, die den Rezeptor weniger empfindlich machen. "Obwohl die Nacktmull-Version des TrkA-Rezeptors fast identisch der einer Maus oder Ratte ist, gibt es einen deutlichen Effekt auf die Fähigkeit der Tiere, Schmerz zu empfinden", erklärt Lewin.

Innerer Jungbrunnen

Die thermale Hyperalgesie hat einen schützenden Effekt: Durch Verletzung oder Entzündung vorgeschädigtes Gewebe soll vor weiteren Schäden bewahrt werden. Für Nacktmulle sei es aber wohl vorteilhafter, auf das Schmerzsystem zu verzichten: In der heißen Lebenswelt der dicht gedrängt in unterirdischen Kolonien hausenden Tieren schade sie eher, als sie nutze. Zudem lebten Nacktmulle in ständigem Mangel und es sei ein sinnvoller Schritt der Evolution, an jedem noch so kleinen System zu sparen, das für die Körperfunktion nicht dringend benötigt werde.

Bereits früher hatte Lewin an dem Thema gearbeitet. Damals vermutete der Molekularforscher, dass ein hoher Kohlendioxidgehalt in den Bauten der Tiere zu einer Übersäuerung des Gewebes und damit einhergehend zu starken Schmerzen bei ihnen führen würde. Deshalb hätten die Tiere eine Säuretoleranz entwickelt und damit den Warnreiz Schmerz ausgeschaltet, um unter diesen Umständen überleben zu können.

Nacktmulle sind fast blind, haben eine faltige, rosabraune Haut mit nur wenigen Haaren und keine Ohrmuscheln. Die Tiere verfügen offenbar über eine Art inneren Jungbrunnen: Sie bekommen keinen Krebs, ihre Zellen altern kaum, die Lebenserwartung liegt bei etwa 30 Jahren - eine ähnlich große Maus hält nur ein bis zwei Jahre durch.

Sie bilden in den Halbwüstenregionen Ostafrikas Kolonien von bis zu 300 Tieren. Wie bei Bienen und Ameisen gibt es eine Königin, die die Gruppe anführt - auch das ist außergewöhnlich für Säugetiere. Nur sie pflanzt sich mit wenigen Männchen fort, alle anderen Tiere sind Arbeiter, kümmern sich um den Nachwuchs, die Bauten und die Verteidigung der Kolonie.

joe/dpa



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