Primatenforschung Affenmutter sorgt für geistig behindertes Baby

Echte Mutterliebe: Erstmals konnten Forscher eine wildlebende Affenmama im Umgang mit ihrem geistig behinderten Baby beobachten. Das Jungtier überlebte erstaunlich lange.

Geschwisterliebe: Dieses Schimpansenweibchen hält ihre behinderte kleine Schwester im Arm
AFP/ Michio Nakamura/ Kyoto University

Geschwisterliebe: Dieses Schimpansenweibchen hält ihre behinderte kleine Schwester im Arm


Einer Gruppe japanischer Forscher ist es zum ersten Mal gelungen, eine in der Wildnis lebende Schimpansenmutter bei der Fürsorge für ihr behindertes Baby zu beobachtet. Bereits 2011 hatten sie das kleine Affenmädchen und ihre Mutter im Mahale Mountains National Park in Tansania entdeckt und die Gruppe zwei Jahre beobachtet.

In der nun veröffentlichten Studie im Fachmagazin "Primates" beschreiben die Wissenschaftler rund um Takuya Matsumoto von der Universität Kyoto ihre Beobachtungen. Die Forscher interessierten sich dabei vor allem für die Beziehung zwischen der Affenmama und dem Säugling. Das Baby wies Symptome auf, die denen des bei Menschen vorkommenden Downsyndroms ähnelten, und war stark behindert.

Beim Stillen musste das kleine Schimpansenbaby von ihrer Mutter oder von ihren Schwestern gestützt werden. Die Kraft, sich wie gesunde Säuglinge am Fell der Mutter festzuklammern, hatte es nicht. Die Fürsorge der Mutter und die Betreuung durch seine Schwestern hätten es dem Baby ermöglicht, "23 Monate in der Wildnis zu überleben", schreiben die Autoren. Danach sei das Jungtier verschwunden und war offenbar gestorben.

Auch die anderen Mitglieder der Affengruppe zeigten nach Angaben der Forscher kein ablehnendes Verhalten gegenüber dem Baby. Die Schimpansenmutter verbot es nichtverwandten Artgenossen jedoch, für den Säugling zu sorgen. Bei ihrem restlichen Nachwuchs war die Affenmutter dagegen toleranter und ließ ihn auch von anderen Mitgliedern der Gruppe betreuen.

Angeborene Behinderungen bei Primaten, zu den die Schimpansen gehören, sind nicht selten. Bisher gab es allerdings wenig Untersuchungen von Tieren, die von Geburt an behindert waren. Die Beziehung von einem in der Wildnis lebenden geistig behinderten Affen zu seinen Artgenossen wurde zudem noch nie untersucht, schrieben die Forscher. Sie erhoffen sich durch die Beobachtung auch Erkenntnisse über die Entwicklung menschlichen Sozialverhaltens.

ruh/AFP

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Mieze Schindler 11.11.2015
1. Dieser Bericht zeigt wie etliche andere Berichte auch,
wie verkehrt die Lehre der Katholischen Kirche ist, nach der der Mensch eine Seele und ein Tier keine Seele hat.
BlackRainbow666 11.11.2015
2. es braucht keine Vermenschlichung
Die Vermenschlichung ist bereits eingebaut, heißt nur leider nicht so, weil nicht nur Menschen das gepachtet haben, was von uns selbsterhöhend als "Menschlichkeit" gepriesen wird.
opinio... 11.11.2015
3. man sollte endlich
den erreichten Stand der Erkenntnisse reflektieren, Dann sähe man auch noch mehr Ereignisse dieser Art - bei "Tieren". Menschen sind Primaten mit größerem Hirn und vielleicht stärkerer Einbildungskraft.
cassandros 11.11.2015
4.
Zitat von Mieze Schindlerwie verkehrt die Lehre der Katholischen Kirche ist, nach der der Mensch eine Seele und ein Tier keine Seele hat.
Lehrt die evangelische Kirche etwas anderes? Und welchen Schluss möchtest du ziehen: daß beide eine oder beide keine "Seele" haben sollten?
ellereller 11.11.2015
5. Geistig behindert?
Woher weiß man denn, dass das Affenjunge GEISTIG behindert ist? Hat man einen Intelligenztest gemacht? Und wäre die GEISTIGE BEHINDERUNG im Hinblick auf die rührende Akzeptanz der Mutter und der Geschwister so entscheidend? Offensichtlich war das Junge doch AUCH KÖRPERLICH behindert - wie ja auch das Down-Syndrom bei Menschen auch aus einer Vielzahl körperlicher Symptome besteht. Und die sind doch vermutlich der Mutter und den Geschwistern viel früher aufgefallen. Mir scheint die Betonung der geistigen Behinderung einer Vermenschlichung der Affen zu entspringen, so als müsste es ihnen - wie vielen Menschen - schwerer fallen, eine geistige als eine körperliche Behinderung zu akzeptieren. @Mieze Schindler: Spricht die kath. Kirche den Tieren wirklich die Seele ab, oder nur eine UNSTERBLICHE Seele?
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