Wilde Tiere in der Manege: Schluss mit dem Zirkus!

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Der Bundesrat fordert das Verbot von Wildtieren im Zirkus - eine artgerechte Haltung von Elefanten, Raubkatzen oder Flusspferden sei nicht möglich. Doch damit verfehlt die Politik das eigentliche Problem: Die Zurschaustellung wilder Tiere in der Manege hat in einer modernen Gesellschaft nichts verloren.

Dompteur mit Löwe: Bald ein Bild aus der Vergangenheit? Zur Großansicht
dapd

Dompteur mit Löwe: Bald ein Bild aus der Vergangenheit?

Ein Löwe, der auf einem Pferd reitet - die Nummer galt als Sensation. 1893 zeigte Carl Krone das Kunststück zum ersten Mal. Einige Jahre später gründete er den legendären Circus Krone - die Dressur exotischer Tiere gehört seit mehr als hundert Jahren fest zum Programm des Unternehmens.

Nach dem Willen des Bundesrats soll dergleichen künftig größtenteils der Vergangenheit angehören: Am Freitag forderte die Länderkammer ein Verbot der Haltung von Elefanten, Großbären, Giraffen, Nashörnern, Flusspferden und Primaten in Zirkusbetrieben. Großkatzen wie Löwen und Tiger stehen merkwürdigerweise nicht auf der Liste des Bundesrats.

Ob das Vorhaben erfolgreich sein wird, ist offen. Schon 2003 hatte der Bundesrat die Bundesregierung vergeblich aufgefordert, exotische Tiere aus Zirkusbetrieben zu verbannen. Damals wie heute lautete das Argument, dass die artgerechte Haltung grundsätzlich nicht möglich sei, da die Tiere einen Großteil ihres Lebens in Käfigen und Transportwagen eingepfercht seien.

Dieser Aspekt ist zwar wichtig, aber er ist nicht der entscheidende. Völlig unabhängig davon, ob exotische Tiere während der Dressur Schmerzen erleiden oder in Gefangenschaft körperlich und sozial verkümmern: Tiger, Elefanten, Bären und Giraffen gehören nicht in den Zirkus. Ihre Zurschaustellung in der Manege ist ein Relikt aus einer Zeit, in der es exotische Tiere nur im Zoo oder im Wanderzirkus zu sehen gab - und nicht, wie heute, nahezu täglich im Fernsehen. Vor allem aber ist sie das Resultat eines überkommenen Denkens, das wilde Tiere für wandelnde Kuriositäten hält und nicht für Lebewesen, denen man mit Respekt begegnen sollte.

Können Zirkustiere überhaupt artgerecht gehalten werden?

Die Debatte über die artgerechte Haltung von Zirkustieren tobt seit Jahrzehnten. Nach Meinung der Kritiker ist es in einem Zirkusbetrieb prinzipiell nicht möglich, einem Tiger oder Elefanten auch nur annähernd das Ausleben seiner Instinkte zu ermöglichen - egal, wie viel Aufwand man treibt. Die Befürworter halten dagegen, dass die Tiere von Geburt an gewöhnt seien an das Zusammenleben und -arbeiten mit Menschen.

Auch die Methoden der Dressur sind umstritten: Während Tierlehrer gern betonen, Zirkustiere würden heute nur noch mit positiven Anreizen trainiert, halten es Kritiker für bewiesen, dass nach wie vor zu Peitsche und Elektroschockern gegriffen wird. In jedem Fall seien die Tricks in der Manege für die Tiere ebenso sinnlos wie unangenehm.

Über allem aber steht die Frage: Sollten Tiere überhaupt in Gefangenschaft leben, nur um der Unterhaltung des Menschen zu dienen? Denn über das reine Entertainment hinaus ist ein Sinn des tierischen Treibens in der Manege schwer zu erkennen. 1998 etwa untersuchte eine Arbeitsgruppe des britischen Parlaments die Situation von Zirkustieren. Dazu wurde auch ein Experte der Elite-Universität Oxford beauftragt, die wissenschaftliche Literatur zum Thema auszuwerten. Sein Ergebnis: Es gebe "keine Hinweise, dass Zirkusse zur Bildung oder zum Artenschutz beitragen".

Dennoch befinden sich unter den Tierdressur-Befürwortern oft Eltern, die glauben, ihren Kindern mit Zirkusbesuchen etwas Gutes zu tun - ähnlich wie mit einem Ausflug in den Zoo. Der ist zwar auch umstritten und dient nicht selten dem Kommerz, aber zumindest geht es dort in aller Regel auch um Artenschutz. Und Löwen müssen nicht auf Pferden reiten.

Löwen auf Pferden, Bären auf Motorrädern

Im Zirkus aber kommen Elefanten - faszinierende Riesen mit hochkomplexem Sozialverhalten - als lustige Rüsseltiere vor, die für Menschen Männchen machen. Löwen und Tiger springen durch Reifen, anstatt Beute zu erlegen, Bären fahren Motorrad. Dass die Tiere daran Spaß haben, ist zumindest unbewiesen, wahrscheinlich aber eine groteske Selbsttäuschung der menschlichen Zuschauer. Der Grundsatz "Anschauen, nicht anfassen", den Eltern ihren Kindern bei anderer Gelegenheit so gerne beibringen, wird gerade im Verhältnis zwischen Zirkus und Natur grob verletzt.

Gerd Müller (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesagrarministerium, zeigte sich am Freitag zwar offen für ein Verbot von Zirkuswildtieren, sollten tierschutzgerechte Bedingungen nicht durchgesetzt werden können. Zugleich sagte er aber auch: "Es wäre schade, wenn es einen Zirkus gäbe ohne Elefanten."

Schade für wen? Für die Zirkusbetreiber, die in Zukunft weniger Geld mit abgerichteten Tieren verdienen könnten? Für Kinder, die noch zu jung sind, um die Schattenseiten der Manegenshow zu begreifen? Oder für Erwachsene, die mit einem Freizeitspaß weniger auskommen müssten? Und: schade warum? Weil eine Tradition zu Ende ginge? Eine Tradition muss nicht per se etwas Gutes sein. Gerade in Deutschland gibt es einige prominente Beispiele dafür, dass Traditionen zu Recht auf der Müllhalde der Geschichte landen, wenn sie mit modernen Wertvorstellungen nicht mehr vereinbar sind.

"Zum Zirkus gehören Tiere"

Wenn durch ein Wildtierverbot der eine oder andere Wanderzirkus dichtmachen müsste, wäre das für die betroffenen Menschen zwar hart, aber insgesamt ein akzeptabler Preis. Veränderungen führen auch in anderen Branchen zu Entlassungen - nur dass dann meist wesentlich mehr Mitarbeiter betroffen sind, als es in der Zirkusbranche jemals möglich wäre. Zudem muss es nicht den Untergang des Zirkus insgesamt bedeuten, wenn es dort keine Wildtiere mehr gibt: Viele erfolgreiche Unternehmen kommen auch ohne aus.

Für Christel Sembach-Krone kommt das nicht in Frage: "Zum Zirkus gehören Tiere", sagte die aktuelle Chefin des Circus Krone jetzt anlässlich ihres 75. Geburtstags. Ohne Tiere sei der Zirkus kein Zirkus mehr, "sondern ein reisendes Theater oder Varieté". Ein Wildtierverbot würde wohl auf Dauer "das Ende des klassischen Zirkus bedeuten, wie wir ihn lieben und mögen".

Wenn der klassische Zirkus tatsächlich nicht ohne reitende Löwen und Motorrad fahrende Bären auskommt - er hätte sein Ende verdient.

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insgesamt 140 Beiträge
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1. Ach ja
felisconcolor 25.11.2011
wer will mir denn jetzt schon wieder vorschreiben was in einer "modernen Gesellschaft" verloren hat und was nicht. Wenn hier von Tierschutz die rede wäre... sehr gut, das wäre meine Argumentation. Aber wieder mit Vorschriften kommen wie ich gefälligst in einer "modernen Gesellschaft" zu leben hab... Den Rest des Artikels habe ich mir geschenkt.
2. Eine
systemmirror 25.11.2011
artgerechte Haltung von Menschen ist bei vielen auch nicht mehr möglich. Da kümmert sich kein Schwein drum. Wer maßt sich angesichts schwindender natürlicher Lebensräume überhaupt an darüber zu befinden ? Genau die. Die, die dafür Sorgen, daß eben diese Lebensräume für die Geldgier weichen müssen. Ganz oben auf der Liste die Politik. Siehe E10.
3. Lebenslange Gefangenschaft für Tiere ist ein schweres Verbrechen
taxidriver 25.11.2011
Ob das nun ein spezielles Zoothema ist wage ich zu bezweifeln. Man muss sich bei der Betrachtung dieses Themas klarmachen dass es die lebenslange Gefangenschaft mobiler Lebensformen in der gesamten Geschichte des Leben niemals gegeben hat. Mit der Vorführung der Tiere im Zirkus macht der Mensch sich natürlich zu einem Monster wie auch der erwachsene Zuschauer, aber das gleiche gilt auch für den Halter und Konsumenten jener Tiere die das ganze leben lang einpfercht werden um aus Ihnen Fleisch, Eier oder Milch zu gewinnen. Die komplette Abschaffung der lebenslangen Gefangenschaft für schwächere Lebensformen müsste unter der Prämisse eines echten Fortschrittes sicher das Allererste und oberste Ziel sein.
4. .
**Kiki** 25.11.2011
"Wenn der klassische Zirkus tatsächlich nicht ohne reitende Löwen und Motorrad fahrende Bären auskommt - er hätte sein Ende verdient." Eine Haltung, die in vielen Bereichen in Mode ist und bei der es mir inzwischen speiübel wird. Geht's nicht auch ohne dieses verdammte rücksichtslose Niederwalzen? Wäre es nicht völlig ausreichend, die Anschaffung und Dressur neuer Tiere für Zirkusse zu unterbinden und ansonsten abzuwarten, wie sich die veränderte Einstellung der Zirkusbesucher auswirkt? Ich war seit zwanzig Jahren nicht mehr im Zirkus, mir kann es egal sein, ob dort Tierdressuren aufgeführt werden oder nicht. Aber mir ist nicht egal, wie mit der Existenz derjenigen umgesprungen wird, die davon leben, daß viele andere Menschen in den Zirkus gehen, und die ein Problem haben, sollten diese Besucher ohne Tierdressuren wegbleiben. Aber so was habe ich schon seit längerem kommen sehen. Und wenn sie die Zirkusse erst mal kleingekriegt haben, dann sind vermutlich die Zoos dran.
5. Schluss damit!
puter73 25.11.2011
Hoffentlich kommt endlich eine gesetzliche Regelung, die dem grausamen Elend der geschundenen Kreatur in der Manege ein Ende macht. Alle unsere sog. Volksvertreter sind aufgefordert, diesen Mißbrauch unserer Mitgeschöpfe zu beenden. In einem zivilisierten Land sollte die Käfighaltung von Wildtieren u. die oft mit Dressur/Gewalt erzwungenen "Kunststücke" von Elefanten, Löwen usw. verboten werden. Natürlich muss das auch für die gesamte Massentierhaltung gelten. Ich bin sicher, dass die meisten Mitbürger das genauso sehen.
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