Von Horand Knaup, Nairobi
Der Appell war öffentlich, und er war dramatisch: "Herr Präsident, veranlassen Sie alles Nötige, um die verbliebenen Elefanten im Bouba-Ndjida-Park zu schützen. Und bringen Sie die Mörder vor Gericht!" So eindringlich mahnte die Regional-Vertreterin des World Wildlife Fund (WWF) Kameruns Präsident Paul Biya, endlich zu handeln.
Anlass war eines der schlimmsten Massaker der letzten Jahre an Elefanten, verübt in dem abgelegenen Nationalpark im Nordosten des zentralafrikanischen Landes. Zwischen 200 und 400 Tiere - die Meldungen waren widersprüchlich - sollen Wilderer innerhalb weniger Tage dort geschossen haben. Als ein Bataillon Soldaten schließlich vor Ort eintraf, fand der Trupp nur noch Dutzende von Kadavern vor. Die Stoßzähne waren herausgemeißelt.
Wie viele Elefanten in Kamerun überhaupt noch leben, weiß niemand genau; aber Experten gehen davon aus, dass die Population innerhalb kurzer Zeit um etwa die Hälfte geschrumpft ist.
Es ist nicht nur Kamerun, und es sind nicht nur Elefanten. In über 30 Ländern Afrikas werden Elefanten und Nashörner gejagt wie nie zuvor. Scharf sind die illegalen Jäger auf das Elfenbein beziehungsweise die Hörner. Allein im vergangenen Jahr sollen Wilderer quer über den Kontinent mehr als 2500 Elefanten erlegt haben, eine Rekordzahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1989, als Elfenbeinhandel weltweit verboten wurde.
Das Handelsverbot hat den Tieren nur wenig geholfen
Auch die Nashörner gehen durch schwere Zeiten. In Südafrika, wo 90 Prozent der afrikanischen Rhinos leben, wurden 2011 mindestens 443 Tiere geschossen, knapp ein Drittel mehr als im Jahr 2010. Allein in diesem Jahr starben bereits weitere 135 Tiere.
Das Handelsverbot, ebenso heftig umstritten wie seine Ausnahmeregelungen, hat den Tieren nur wenig geholfen. Und auch der einmalige Verkauf von 105 Tonnen Elfenbein aus dem südlichen Afrika, auf das sich die Vertragsstaaten des Cites-Abkommens 2008 nach langen Diskussionen geeinigt hatten, hat die Wilderei womöglich eher befeuert als - wie erhofft - die Preise gesenkt.
Denn noch nie seit 23 Jahren wurde so viel beschlagnahmt wie 2011. 727 Hörner und Stoßzähne tauchten im vergangenen Dezember im kenianischen Hafen Mombasa auf, wenige Wochen zuvor waren schon 465 Teile gefunden worden. 13 große Funde gab es weltweit im vergangenen Jahr, jeder mehr als 800 Kilogramm schwer. Im Jahr zuvor waren es gerade mal sechs Aufgriffe gewesen.
Geschossen wird, was die Gewehre hergeben. Im kenianischen Samburu-Nationalpark starben im vergangenen Jahr so viele Elefanten wie zuvor in elf Jahren zusammen. Der Nachteil des Gebiets: Es liegt in relativer Nähe der somalischen Grenze. Auch in den beiden Tsavo-Parks weiter südlich gelten vor allem somalische Nomaden als mutmaßliche Killer. Sie ziehen mit ihren Rindern und Kamelen auf der Suche nach Wasser Hunderte von Kilometern durch den Busch.
Weil die Wilderei für sie ein einträgliches Zusatzgeschäft darstellt, beobachten die Wildhüter des Kenya Wildlife Service (KWS) die Durchzugsrouten der Somalier inzwischen besonders genau. Auch anderswo haben Nomaden das Elfenbein als lukratives Zusatzeinkommen entdeckt: Im Bouba-Ndjida-Park in Kamerun waren die Elefantenjäger vermutlich berittene Nomaden aus dem Tschad und dem Sudan.
Sonderkontrollen für Flüge nach Asien
Den plötzlichen Anstieg der Zahl der toten Tiere erklären Experten mit der weiter steigenden Nachfrage nach Elfenbein und Nashorn-Horn, die vor allem in Asien als Aphrodisiakum und als Heilmittel in der traditionellen Medizin eingesetzt werden. Und weil die Nachfrage so hoch ist, sind auch die Preise explodiert. Bis zu 60.000 Dollar sollen inzwischen in Asien für ein einziges Rhino-Horn bezahlt werden. Verständlich, dass dabei viele mitverdienen wollen. Straff organisierte Syndikate, so sagen Experten, besorgen alles: vom Abschuss über den Transport und Schmuggel bis hin zum Verkauf in einem asiatischen Laden.
Vor allem die Chinesen in Afrika haben sich dabei kontinentweit einen zweifelhaften Ruf erworben. Im kenianischen Amboseli-Nationalpark etwa war Wilderei 30 Jahre lang ein nahezu unbekanntes Phänomen. Bis eine chinesische Firma begann, am Ostrand des Parks eine Straße zu bauen. Seither wurden mindestens ein halbes Dutzend Elefanten geschossen.
Nachdem zwischen Mitte 2008 und Anfang 2009 am Flughafen Nairobi fünfmal Chinesen mit Elfenbein im Gepäck auffielen, werden sämtliche Flüge nach Asien seither besonders kontrolliert.
Das Schlachten bleibt nicht ohne Folgen. In zwei der größten Parks von Tansania, im schwer zugänglichen Selous- und im Mikumi-Nationalpark, ist die Zahl der Elefanten zwischen 2006 und 2009 von 74.900 auf 43.552 Tiere gefallen. Rund 50 Elefanten werden allein im Selous-Park pro Monat illegal geschossen, schätzt eine US-Umweltorganisation.
"Betäuben und das Horn absägen ist eine Sache von wenigen Minuten"
Im Krugersdorp-Park unweit von Johannesburg erschossen Wilderer im Juli 2010 das letzte weibliche Rhinozeros. Sie starteten auf einem nahen Privatflughafen mit einem Helikopter, ausgerüstet mit Betäubungsgewehr und Motorsäge. Die narkotisierte Rhino-Kuh verblutete hilflos. "Die müssen nicht mal den Rotor abstellen", befand Chefwildhüter Japie Mostert später nüchtern. "Betäuben und das Horn absägen ist eine Sache von wenigen Minuten. Und die Kuh stirbt entweder an einer Überdosis Betäubungsmittel, oder sie verblutet."
Immer häufiger kommen die Wilderer aber auch aus den eigenen Reihen. In Kenia etwa verschwindet regelmäßig beschlagnahmtes Elfenbein auf wundersame Weise aus den Asservatenkammern. Und auch in Südafrika standen vor wenigen Tagen erst vier Angestellte des Krüger-Nationalparks vor Gericht, weil sie zwei Rhinos geschossen haben sollen.
In ganz Afrika rüsten die Wildhüter inzwischen nach. Im kongolesischen Virunga-Nationalpark, berühmt für seine Gorillas, sind seit kurzem abgerichtete Bluthunde im Einsatz. Erste Erfolge wurden bereits gemeldet, kürzlich folgten sie einigen Wilderern über mehrere Kilometer. Die verloren unterwegs ihre Waffen, konnten schließlich aber doch entkommen.
Der Kenyan Wildlife Service setzt Hunde und Helikopter ein und versucht, auch die zahlreichen kleineren privaten Wildparks zu überwachen, die zunehmend von Wilderern heimgesucht werden. In Südafrika werden Rhino-Hörner mit giftigen Substanzen bestrichen, um Wilderer abzuhalten.
Andere Rhinos bekommen kleine Sender ins Horn implantiert, um die Bewegungen der Tiere nachzuvollziehen. Die Regierung in Botswana hat Söldner aus Südafrika angeheuert, um die Tiere in ihren Nationalparks zu schützen. Die räumen offen ein, dass sie sich gar nicht erst um Beweise oder Verhaftungen bemühen, sondern eine "shoot-to-kill"-Politik verfolgen, wenn sie illegale Jäger aufspüren.
Abgeschreckt hat der harte Kurs bisher nicht. Erst Anfang März schossen Ranger im Krüger-Nationalpark auf ein verdächtiges Quartett. Einer der mutmaßlichen Wilderer starb, zwei weitere wurden verletzt ins Krankenhaus gebracht.
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