Seltene Tiere in der Fotofalle Deutschlands Wildkatzen auf der Spur

Wer Wildkatzen beobachten will, braucht einen langen Atem und viel Glück - oder eine Fotofalle. Genau die wollen deutsche Forscher jetzt verstärkt auf der Suche nach den extrem scheuen Tieren einsetzen.

Georg-August-Universität Göttingen

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"Geht mehr raus", sagte der Chef. Es war wieder Mittwoch und das Ressort saß zur wöchentlichen Konferenz zusammen. Der Chef setzte zu einem Monolog an. Dass wir die Gemütlichkeit der Redaktionsstuben hinter uns lassen müssten. Dass wir im wahrsten Sinne des Wortes näher ran müssten an unsere Themen. Und so weiter.

Alle nickten. Hat er ja recht, der Chef. Gibt es nichts zu diskutieren.

Dann sprach er darüber, dass ein Artikel über Wildkatzen zu schreiben sei. Über sehr scheue Tiere. Alle guckten auf einmal irgendwo in eine Ecke. Manche blätterten hektisch in irgendwelchen Unterlagen. Der Job landete irgendwie bei mir. Weil ich zu doof war. Alle anderen hatten begriffen, dass das eine Mission impossible war.

Ich habe schon mindestens zweimal Artikel über scheue Tiere geschrieben. Über Biber an der Oder. (Scheu, sehr scheu!) Und über Gleithörnchen in Finnland. (Noch scheuer!) Ich habe für diese Geschichten die Gemütlichkeit der Redaktionsstube hinter mir gelassen. Bin näher rangegangen.

Das heißt, ich habe es versucht. Nur die Tiere, die wollten nicht. Sie zeigten sich nicht. Null.

Und mit den Wildkatzen, Felis Silvestris silvestris, das merkte ich dann auch irgendwann, drohte es ähnlich zu laufen. "Eine hohe Frustrationstoleranz und viel Zeit" müsse mitbringen, wer die Tiere in freier Wildbahn beobachten wolle, erklärte mir Markus Port am Telefon. Er jedenfalls habe noch keine gesehen, bekannte der Zoologe der Universität Göttingen freimütig. Das sei aber auch gar nicht nötig, um sie zu erforschen.

Die Idee, vom Schreibtisch aus auf Wildkatzen-Pirsch zu gehen, klang verlockend. Von wegen Mission impossible! Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert.

Port arbeitet in einem Projekt mit, bei dem die Wildkatzen in einem Waldgebiet in Nordhessen, dem Kaufunger Wald, gerade mit Fotofallen beobachtet werden. Das sind Kameras, die immer dann ein Bild machen, wenn ein Bewegungsmelder ausgelöst wird. Ursprünglich waren die Geräte zur Beobachtung von Luchsen (ebenfalls sehr scheu!) an die Bäume gehängt worden. Doch immer wieder fanden sich auch graubraun getigerte Wildkatzen auf den Aufnahmen.

30 Tiere auf 100 Quadratkilometern

Und so entschieden sich die Wissenschaftler, die Tiere in einem Projekt von Juli bis Oktober gezielt zu beobachten. Der Witz dabei: Jede Katze hat ein individuelles Fellmuster, wie Port erklärt. Und damit lasse sie sich identifizieren. In einer ersten Vorstudie habe man so schon mal die Populationsdichte für das Gebiet ermittelt: etwa 30 Tiere auf 100 Quadratkilometer. Zusammen mit dem Bund für Umwelt- und Naturschutz wolle man die Analysen nun verfeinern.

Nun kann man sich natürlich fragen, was die Wildkatze eigentlich so besonders macht. Streunende Hauskatzen gelten als mehr oder weniger große Gefahr für die Artenvielfalt. Wenn sie die jeweiligen Gesetze beachten, dürfen Jäger solche Tiere weitab ihres Zuhauses notfalls auch erschießen. Also Hauskatzen. Wildkatzen eben nicht.

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Wildkatzen: So scheu, so (ziemlich) selten

Die sehen zwar unter Umständen ziemlich ähnlich aus, sind aber eine eigene Art. Für Laien nur schwer erkennbar, gelten sie im Vergleich zu Hauskatzen als gedrungener, kräftiger, mit einem buschigen Schwanz, auf dem dunkle Ringe zu erkennen sind. Wildkatzen halten sich vom Menschen fern, lassen sich nicht zähmen - und sind gefährdet. Die Tiere werden geschützt und sogar mit Millionenaufwand gefördert. Das muss man erst einmal verstehen.

Verbreiteter als gedacht

"Die Wildkatze gehört zur traditionellen Tierwelt in Deutschlands Wäldern dazu", erklärt Markus Port. Tatsächlich ist es so, dass die etwas kräftigeren Wildkatzen schon durch unsere Wälder streiften und dort Mäuse fingen, bevor die Römer die ersten Hauskatzen mit über die Alpen brachten. Doch nach und nach wurde ihr Lebensraum immer kleiner. Außerdem wurden sie bis ins 20. Jahrhundert gejagt. Immerhin: Zuletzt konnten sich die Bestände offenbar erholen: Laut einer Analyse aus dem vergangenen Jahr sind die Tiere verbreiteter als gedacht.

Mithilfe von Tausenden Freiwilligen hatte ein Team um die Frankfurter Forscher Katharina Steyer und Carsten Nowack mehr als 6000 DNA-Proben gesammelt und ausgewertet. Dabei konnten sie, so berichteten sie es im Fachjournal "Conservation Genetics", rund 1800 verschiedene Wildkatzen-Individuen in Deutschland nachweisen. Die Tiere, so zeigte sich, waren häufiger und flächendeckender verteilt als bis dahin angenommen. 44 Prozent der Wildkatzen-DNA war in Waldgebieten gefunden worden, in denen man die Tiere bis dahin gar nicht vermutet hatte.

"Unsere Analysen deuten darauf hin, dass im zentralen Verbreitungsgebiet, das sich von Nordbayern bis nach Südniedersachsen und von Eifel, Hunsrück und Pfälzerwald im Westen bis zum Thüringer Wald im Osten erstreckt, kaum noch größere Waldgebiete von der Art unbesiedelt sind", erklärte Forscherin Steyer damals. Insgesamt, so schätzt man, gibt es 5000 bis 7000 Wildkatzen in Deutschland.

Muss man Exkremente sammeln? Nein, muss man nicht.

Aber Moment. Wie bekommt man eigentlich Genproben von einem Tier, das sich eigentlich nie zeigt? Hier fallen Fotofallen ja aus. Muss man also Exkremente sammeln? Nein, muss man nicht. Man nutzt stattdessen einen Trick: Katzen lieben Baldrian. Man nimmt nun also einen Holzpfahl mit rauer Oberfläche, besprenkelt ihn mit Baldrian, klopft ihn im Wald in den Boden - und wartet.

Früher oder später reibt sich eine Katze daran, verliert ein paar Haare - und schon hat man das gesuchte Probenmaterial. Mit ihm lässt sich auch nachweisen, ob sich Haus- und Wildkatzen gemeinsam fortpflanzen. Die Antwort: Das tun sie offenbar nur sehr selten. Nur vier Prozent der untersuchten Genproben stammten von Hybriden.

"Ein Teil des Reizes bei diesen kryptischen Tieren ist es, dass sie da sind, aber dass man sie nicht zu Gesicht bekommt", sagt Port. Untersuchen kann man sie ja offenbar trotzdem. Faszinierend. Und für die nächste Geschichte gehe ich auch wieder raus. Versprochen, Chef!

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