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Wildschweine in Berlin: Was treibt die Säue in die Stadt?

Bache mit Frischlingen im Wildpark (Archiv): Gut angepasst und abgehärtet Zur Großansicht
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Bache mit Frischlingen im Wildpark (Archiv): Gut angepasst und abgehärtet

Sie durchwühlen Gärten und suhlen sich in Parks: Etwa 4000 Wildschweine leben in Berlin, immer wieder zieht es die Tiere auch in Wohngebiete. GPS-Daten sollen verraten, was sie in die Nähe des Menschen treibt.

Im Kleingarten, auf dem Friedhof oder anderswo? Im Regen, bei Sturm oder Sonnenschein? Allein oder mit Frischlingen? Zurückhaltend oder aggressiv? Markiert oder nicht? Wer in Berlin ein Wildschwein sieht, kann online Fragen wie diese beantworten. Es sind Daten, die die Doktorandin Milena Stillfried für ihre Arbeit braucht. Aus verschiedensten Quellen trägt sie Informationen über Berliner Wildschweine zusammen und versucht so zu verstehen, warum die Tiere in die Stadt kommen.

Vor Jahren war es zu einer Art Invasion der Tiere in Gebieten am Rand der Hauptstadt gekommen. In Rotten tauchten sie in Parks auf, pflügten auf Nahrungssuche Gärten um und lösten eine Debatte darüber aus, wie der Sache Herr zu werden sei.

4000 Wildschweine in Berlin

Zusätzlich zu den Informationen, die Stillfried und Kollegen vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) von den Bewohnern der Stadt bekommen, nutzen sie eigene Daten. Sie durchstreifen Strausberg und den Grunewald, Potsdam und Pankow, um Wildschweine zu fangen und sie mit GPS-Halsbändern auszustatten. Diese übermitteln rund um die Uhr den Aufenthaltsort der Tiere.

Der erste Fang gelang nach sechs Monaten, mit einer Falle: "Die Tiere sind wahnsinnig intelligent", sagt Stillfried. "Und wenn man glaubt, den Dreh heraus zu haben, läuft beim nächsten Versuch alles anders." 12 Tiere - von geschätzt bis zu 4000 in Berlin - haben auf diese Weise bisher Daten beigesteuert. Zuvor waren Forscher auf Hinweise von Jägern zu Wildwechseln und Futterstellen angewiesen.

Zusätzlich sammeln die Forscher genetische Proben, um etwa Verwandtschaftsverhältnisse zu untersuchen. Bei gejagten Tieren wird zudem der Mageninhalt untersucht: Dies erlaubt Rückschlüsse auf die Qualität der Nahrung und damit auf die körperliche Verfassung der Wildschweine.

Gut angepasst und abgehärtet

Rund 100.000 GPS-Positionen und Proben von 440 geschossenen Tieren hat Stillfried inzwischen beisammen. Ausgewertet sind längst nicht alle. Dennoch ergeben die verschiedenen Aspekte langsam ein Bild: Die Wildschweinrotten pendeln offenbar zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, angeführt von der Leitbache.

"Im urbanen Raum haben sie einen deutlich kleineren Bewegungsradius als reine Waldschweine", erklärt Stillfried. Sie seien extrem gut angepasst und ganz schön "abgehärtet" bei Begegnungen mit Menschen.

Gute Voraussetzungen, zumindest für die Bürger-Beobachtungen via Internet. "Wir als kleines Team könnten das gar nicht abdecken", sagt Stillfried. "Natürlich interpretieren wir die Daten mit großer Vorsicht. Nur weil aus einer Region keine Meldung kommt, dürfen wir nicht annehmen, dass dort keine Wildschweine sind."

100 Abschussgenehmigungen pro Jahr

Zwar bereiten die Tiere inzwischen weniger Probleme als vor Jahren: Doch noch immer erhalten Jäger in Berlin rund hundertmal im Jahr eine Ausnahmegenehmigung zum Abschuss - etwa bei verletzten Tieren, sagt der Sprecher der Berliner Forsten, Derk Ehlert. Durch die Jagd könne man den Wildschweinen wegen der Auflagen in der Stadt aber kaum beikommen, so Nabu-Sprecherin Anja Sorges.

Naturschützer fürchten, dass Wildschweine auf Nahrungssuche Biotope anderer Arten zerstörten. Betroffen seien etwa Insekten-, Amphibien- und bodenbrütende Vogelarten. Das am IZW zusammengetragene Wissen könnte helfen, eine für Behörden, Naturschützer und Bürger praktikable Lösung für das Wildschweinproblem zu finden.

jme/dpa

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