Wildtiere breiten sich in Städten aus Füchse im Park, Wildschweine im Supermarkt

Marder zerbeißen Autokabel, Keiler rennen durch Läden: Vermehrt streunen Wildtiere durch deutsche Städte - was tun?

DPA

Ein wütender Keiler kracht durch die Tür einer Sparkasse und dreht Runden im Kassenraum, der Filialleiter wird am Bein verletzt. Verängstigte Kunden flüchten über Fenster und Drehleitern.

Nur wenige Wochen später toben zwei Keiler durch einen Supermarkt bei Karlsruhe - ehe sie mit ihrer Rotte im Wald verschwinden. "Was war das denn?", fragen sich dort verblüffte Kunden.

Immer wieder sorgen Auftritte anscheinend furchtloser Wildtiere in Domänen der Menschen für Aufregung. Füchse auf Spielplätzen in Berlin beäugen Kinder statt davonzulaufen. Waschbären an Müllsäcken in Kassel sind selbst mit dem Besenstiel kaum zu vertreiben. Rehe in Stuttgarter Vororten beißen seelenruhig Rosenknospen ab.

"Der erste Schuss hat gesessen"

"Wildtiere besetzen Metropolen", titelten kürzlich mehrere Zeitungen der Funke-Mediengruppe - und verglichen das Auftauchen von Löwen in Kenias Hauptstadt Nairobi und eine Schlangenplage im thailändischen Bangkok mit dem Schwarzkittel-Wüten in der Sparkasse von Heide.

Dort griff im Oktober 2017 ein Jäger zum Gewehr. "Schon der erste Schuss hat gesessen", freute sich Bürgermeister Ulf Stecher (CDU). Erlaubt war das nur, weil Menschenleben unmittelbar in Gefahr waren.

Das grundsätzliche Jagdverbot in unseren Städten sei - neben der Verdrängung durch Folgen der industriellen Landwirtschaft - ein Grund dafür, dass die Zahl wilder Tiere in Siedlungsgebieten wächst, sagt Baden-Württembergs Landesforstmeister Max Reger. Wildschweine, Füchse oder Waschbären fänden dort nicht nur ein großes Nahrungsangebot. "Sie merken auch, dass da kein Feuer von Jägern zu befürchten ist."

Die forcierte Bejagung von Schwarzwild, mit der ein Übergreifen der Afrikanischen Schweinepest auf Deutschland verhindert werden soll, dürfte kaum Einfluss haben auf die Lage in den Städten, meinen Experten. Dort sei der Abschuss keine Option.

"Geschosse, wie Jäger sie verwenden, reißen schwere Löcher, weil sie möglichst rasch töten sollen", sagt Reger. "In Städten wäre die Gefahr für Menschen viel zu groß, kein Jäger will das."

Schaum vorm Mund

Problematisch für Autofahrer sind Marder: Die Tiere zerbeißen Kabel in Autos. In Genf legte ein Wiesel sogar den größten Teilchenbeschleuniger der Welt lahm. Das Raubtier war in die unterirdische Riesenmaschine des Europäischen Kernforschungszentrums (Cern) eingedrungen und löste dort einen Kurzschluss aus.

Doch was tun, wenn - wie Wissenschaftler prognostizieren - immer mehr wilde Tiere die Städte bevölkern? Wenn das Unbehagen darüber wächst - angeheizt möglicherweise auch durch Horrorszenarien wie in der populären US-Serie "Zoo", in der Tiere sich gegen die Menschheit verschwören.

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Wildschwein, Waschbär, Fuchs: Wildnis in der Stadt

Ängste müssten immer ernst genommen werden, sagt Derk Ehlert. Er ist Wildtierexperte in der Senatsverwaltung von Berlin. "Selbst wenn Anrufer nachts auf dem Ku'damm partout einen Wolf gesehen haben, der in Wirklichkeit ein Collie ist." Geduldige Aufklärung sei wichtig, damit ein Nebeneinander von Stadtmenschen und Wildtieren gelingt.

"Dass Füchse immer Tollwut haben, wenn sie sich Menschen nähern, ist zum Beispiel Unsinn", sagt Ehlert. Bürgern, die wegen eines Fuchses mit Schaum vor dem Maul Alarm schlagen, erklärt er die Ranz, wie die Brunft bei Füchsen genannt wird: "In der Paarungszeit gehört dieser Schaum dazu. Die sind nicht tollwütig, sondern liebestoll." Zudem sei in Berlin seit Jahrzehnten kein Fuchsbandwurm mehr gemeldet worden.

"Amok laufen"

In Ehlerts Erfahrungsbild passt es nicht, dass Wildschweine einfach mal so "Amok laufen" - wie anscheinend im Kaufland bei Karlsruhe. Wenn sie mal "ausrasten" würden, dann fast immer, weil ihnen ein Fluchtweg abgeschnitten worden sei oder eine Verletzung sie quäle - etwa durch Unfälle mit Autos.

Bundesweit werden jährlich Zehntausende von Waschbären erlegt. Doch das kann - ähnlich wie der Abschuss von rund 600.000 Wildschweinen pro Jahr - den Zuwachs der Populationen in Stadtgebieten kaum bremsen, sagt Mark Harthun, Experte beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

"Sie reproduzieren sich zu schnell." Schädlich seien die Kleinbären dort, wo sie Frösche und andere Amphibien sowie manche Vogelarten auszurotten drohen. Kassel ist unangefochten Hauptstadt der Waschbären. Nach Angaben der Umweltorganisation WWF leben dort rund 100 Tiere auf einem Quadratkilometer - mehr als anderswo in Deutschland.

Zähmen verboten

Weit geringer als in Berlin oder Hamburg sind laut Polizeiangaben die Probleme mit Wildtieren in München. Allerdings klagen dort Anwohner des Stadtparks im Viertel Pasing über die streng geschützten Biber, die ihre Gärten unsicher machten. Abgenagte Baumstämme zeugten davon.

Vielen Berlinern seien Wildtiere trotz aller Probleme willkommen, berichtet Experte Ehlert. So mancher sei stolz, dass sich - ähnlich wie in London - Füchse in der Öffentlichkeit sehen ließen, sogar im Garten vor dem Kanzleramt. Funktionieren könne eine Koexistenz auf Dauer aber nur, wenn es bei "respektvoller Distanz" bleibe.

Deshalb dürften Wildtiere auf keinen Fall angelockt werden - etwa durch Lebensmittel auf Komposthaufen, leicht zugängliche Abfallsäcke oder sogar gezieltes Füttern. "Auch das kommt leider vor, obwohl das Zähmen von Wildtieren gesetzlich verboten ist."

Von Thomas Burmeister, dpa/boj



insgesamt 39 Beiträge
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Olaf Köhler 17.01.2018
1. Genug getan!
Der Mensch in seiner grenzenlosen Gier hat den Tieren ihren Lebensraum genommen. Und nun wundern wir uns, warum die in "unsere Bereiche" vordringen? Was tun? Das, was der Mensch in soilchen Situation am liebsten tut: Alles töten, was ihm nicht passt? Uns mit Zäunen und Mauern "schützen"? (Geht nicht - sieht doof aus und schlimmer noch - kostet Geld). Ich befürchte, dass es zur beschriebenen Koexistenz nicht kommen wird - dazu sind die Eingriffe des Menschen in die Natur schon zu schwerwiegend, um da nch etwas retten zu können. Was das Vernichten des Planeten Erde betrifft - da hat der Mensch schon mehr als genug getan.
martine-primus 17.01.2018
2. das ist schon schwierig...
wenn der Hund im Garten seinen Knochen nagt, davon etwas liegen lässt und sich später Nebelkrähen und/oder Fuchs die Reste einverleiben. Der Fuchs ist bei uns ständig im Garten, bevorzugt nachts/abends. Videoaufzeichnungen belegen das. Naja, zumindest bevor die Staupe die Füchse tötete. Nun haben wir wieder einen (eine Fähe?). Ich freue mich. Nur der Hund... der sieht den Fuchs als Nahrungskonkurrenten ;-)
neanderspezi 17.01.2018
3. Koexistenz zu praktizieren ist Homo nicht gegeben
Was erlauben sich diese Wildtiere? Wollen sie etwa mit dem Menschen Koexistenz üben? Das vernunftbegabteste Wesen duldet das nicht, denn dieses Wesen hat die ausgeprägte Neigung, alles was die Natur für den eigenen Verbrauch bietet, ausschließlich für sich zu beanspruchen und möglichst alle nutzbaren Flächen aus wirtschaftlichen Gründen gern in Monokultur zu verwandeln. Dazu sind Mitesser absolut unerwünscht und die Heimstätten des Menschen als Ausweichquartiere und Fressplätze von Essensresten in Anspruch zu nehmen, ruft nun mal heftige Abwehrreaktionen hervor unter Anwendung von Methoden der Dezimierung mittels behördlicher Vorgaben. Die Krone der Schöpfung hat nun mal den Auftrag sich die Welt untertan zu machen und dies praktiziert sie zunehmend gründlicher.
jowitt 17.01.2018
4. @Olaf Köhler heute, 14:53
Zitat von Olaf KöhlerDer Mensch in seiner grenzenlosen Gier hat den Tieren ihren Lebensraum genommen. Und nun wundern wir uns, warum die in "unsere Bereiche" vordringen? Was tun? Das, was der Mensch in soilchen Situation am liebsten tut: Alles töten, was ihm nicht passt? Uns mit Zäunen und Mauern "schützen"? (Geht nicht - sieht doof aus und schlimmer noch - kostet Geld). Ich befürchte, dass es zur beschriebenen Koexistenz nicht kommen wird - dazu sind die Eingriffe des Menschen in die Natur schon zu schwerwiegend, um da nch etwas retten zu können. Was das Vernichten des Planeten Erde betrifft - da hat der Mensch schon mehr als genug getan.
Warum so griesgrämig? Da der Mensch selbst Teil der Natur ist, kann der Mensch die Natur auch nicht zerstören. Das wäre gleichsam so, als würde man sich selber tragen. Der Mensch kann seine Lebensgrundlage zerstören oder die Lebensgrundlage von anderen Lebewesen, die Natur jedoch nicht. Und auch nicht unseren Planeten. Der würde sich schlicht (mit Hilfe der Natur) wieder erhohlen. Wäre nicht die erste Katastrophe, die die Erde überstanden hat. Also gemach.
babeli 17.01.2018
5.
Wie im vorletzten Spiegel zu lesen, leben die Inder auch in Grossstädten in Coexistenz mit dem Jaguar. Warum sollte es uns nicht gelingen mit harmloseren Tieren zusammen zu leben?
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