Wilkins-Packeis: Eisbrücke in der Antarktis bricht

Ein riesiges Stück des antarktischen Wilkins-Packeises droht abzubrechen: Wie Bilder des europäischen Satelliten Envisat zeigen, geht ein Riss durch die Eisbrücke zu benachbarten Inseln. Es sei nur eine Frage der Zeit, meinen Forscher, bis das Eisschelf ganz abbreche.

Ein Satellit der Europäischen Raumfahrtagentur ESA zeigt den Riss in aller Deutlichkeit: Eine 40 Kilometer lange Eisbrücke vom sogenannten Wilkins-Eisschelf zu den Inseln Charcot und Latady ist an ihrer schwächsten Stelle gebrochen. "Es ist erstaunlich, wie das Eis gerissen ist", sagte David Vaughan, Gletscherforscher vom Britischen Antarktis Survey zu dem Bild des Satelliten Envisat. "Wir haben lange Zeit darauf gewartet, das zu sehen."

Erst kürzlich hatte Vaughan davor gewarnt, dass das riesige Wilkins-Schelfeis, auch Wilkins-Schild genannt, kurz vor dem Abbruch stehe (siehe Video). Die Region nahm in den fünfziger Jahren noch eine Fläche von rund 16.000 Quadratkilometern ein - das entspricht etwa der Größe von Schleswig-Holstein. Mittlerweile ist das Schelf um ein Drittel geschrumpft. Vaughan war im Januar noch mit einem Forscherteam dort gelandet. Er geht davon aus, dass es sein letzter Besuch auf dem Schelf war.

Während die Eisbrücke zum Festland vor 60 Jahren noch rund 100 Kilometer breit war, könnte sie nun den antarktischen Sommer nicht überstehen. "Ich glaube, dass wir noch mehr Eis verlieren werden", sagte Vaughan. Die Wissenschaftlerin Angelika Humbert vom Institut für Geophysik an der Universität Münster ergänzte: "Im vergangenen Jahr hat das Eisschelf etwa 1800 Quadratkilometer oder 14 Prozent seiner gesamten Größe verloren. Die Abbrüche im Februar und Mai 2008 ereigneten sich in nur wenigen Stunden und ließen den Rest der Eisbrücke in einer fragilen Situation zurück."

In den vergangenen 50 Jahren sind neun Schelfeis-Flächen in der Antarktis abgebrochen oder geschrumpft. Oft geschieht dies plötzlich, wie bei Larsen A im Jahr 1995 oder Larson B 2002. Insgesamt sind 25.000 Quadratkilometer Eisfläche - etwa die Größe von Mecklenburg-Vorpommern - verlorengegangen. Entsprechend haben sich die Umrisse des südlichsten Kontinents geändert.

Schuld ist nach Einschätzung von Wissenschaftlern der Klimawandel, der die Antarktis in ähnlichem Ausmaß trifft wie die gesamte südliche Erdhalbkugel. Während die Schmelze in der Arktis unbestritten dramatisch voranschreitet, war die Entwicklung in der Antarktis lange Zeit weniger eindeutig. Hier wurden nur punktuell steigende Temperaturen gemessen, manche Gegenden kühlten sogar ab, auch in der Tiefsee sinken die Temperaturwerte. Doch im Januar veröffentlichten Forscher von der University of Washington in Seattle im Fachblatt "Nature" eine Studie, die erstmals zeigte, dass die Klimaerwärmung die Antarktis überall und nicht nur in Randbereichen trifft.

Einige Eisschelfe sind wissenschaftlichen Analysen zufolge mindestens 10.000 Jahre alt. Vaughan sagte, es dauere viele hundert Jahre, bis sie sich gebildet hätten. Bei seinem Besuch im Januar sei die verbleibende Eisbrücke von Eisbergen so groß wie Einkaufszentren umgeben gewesen.

hei/Reuters

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