Antarktis: Unheimliche Strömungen zerfressen das Eisbollwerk

Aus Wien berichtet

Ein Bollwerk aus Eis vor der Küste der Antarktis bremst den Anstieg der Meere - Gletscher aus dem Hinterland können nicht daran vorbei. Doch Seltsames geschieht: Die Barriere bricht, obwohl die Luft dort kaum wärmer wird. Forscher meinen nun, die Ursache entdeckt zu haben. 

Gefahr von unten: Bröckelnde Barriere Fotos
DPA

Unheimliches geht vor an der Küste der Antarktis. Vor dem Südkontinent liegen mächtige Eiszungen im Wasser. Wie Türsteher blockieren die sogenannten Schelfeis-Blöcke nachströmende Gletscher aus dem Hinterland. Sie bestimmen, wie viel Eis ins Meer gelangt - und damit auch, wie stark der Meeresspiegel weltweit steigt.

Die Lage schien einigermaßen unter Kontrolle. Jedenfalls hat sich die Luft in weiten Teilen der Antarktis noch nicht so stark erwärmt, dass das Eis am Rande des Südpols dramatisch tauen würde. Doch nun zeigt eine Studie, dass sich die Luft gar nicht aufheizen muss, um die Schmelze zu beschleunigen. Eine schleichende Verwandlung des Wassers reiche aus, um die Eisbarriere ins Wanken zu bringen.

Neue Daten zeigen, dass das Schelfeis seine Kraft verliert, obwohl es an seiner Oberfläche nur wenig taut. Die Folgen bereiten Sorgen: In den vergangenen Jahren schoben sich die Gletscher aus dem Hinterland schneller gen Meer - die Eisbarrieren haben also an Wirkung verloren. Immer häufiger krachten Eisberge in den Ozean vor der Antarktis und drifteten nach Norden. Kommen die Gletscher nun gefährlich ins Rutschen, so dass sich der Anstieg der Meere beschleunigt?

Tiefe Schluchten unterm Eis

Forscher meinen jetzt ansatzweise herausgefunden zu haben, was vor sich geht: Nicht etwa wärmere Luft lasse Eiszungen hauptsächlich bröckeln, vielmehr lösten sich die Kolosse von unten her auf. In tiefen Schluchten unter dem Eis sammelte sich vergleichsweise warmes Wasser, das das Schelfeis von unten her zerfresse. Eine rätselhafte Änderung der Winde treibe die Strömungen, berichten Glaziologen um Hamish Pritchard vom British Antarctic Survey (BAS) im Wissenschaftsmagazin "Nature".

"Um das Schwinden der Eismassen zu verstehen, müssen wir ins Meer blicken", erläutert David Vaughan vom BAS, Mitautor der Studie, am Mittwoch auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien: Die größten Eisverluste habe es in Regionen gegeben, in denen das antarktische Meer mit vier Grad vergleichsweise mild sei.

Warum jedoch gelangen die milden Strömungen so nah an den Kontinent? Ein direkter Zusammenhang mit der Klimaerwärmung lasse sich nicht herstellen, sagt Vaughan. Vielmehr tippen die Experten darauf, dass sich die Winde verändert hätten.

Das Rätsel der Stürme

Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass stärkere Südpolarstürme in den vergangenen Jahrzehnten wärmeres Wasser an die Eiskante gebracht haben. Die Winde trieben kaltes Oberflächenwasser von der Küste weg, das Platz machte für milde Tiefenströmungen. "Aber was genau geschieht, wissen wir nicht", räumt Vaughan ein.

Die Beweise für den Schelfeis-Schwund stammen aus dem All: 4,5 Millionen Lasermessungen von Satelliten aus haben die Dicke von 54 Schelfeis-Schollen von 2003 bis 2008 vor der Antarktis vermessen; 20 der Eiskolosse wurden kleiner. Manche Eiszungen vor der Westantarktis sanken pro Jahr um sieben Meter ein, berichten die Forscher in "Nature".

Die Messungen sind jedoch unsicher. Gezeiten, Wetterschwankungen, Meeresspiegeländerungen können den Satelliten falsche Schelfeis-Höhen vorgaukeln. Um ihre Daten zu überprüfen, glichen die Forscher sie mit Radarmessungen ab.

Dass sich die Schelf-Barriere gelockert habe, beweise auch das Eis dahinter, berichten die Experten auf der EGU-Tagung: Alle Gletscher hinter schwindendem Schelfeis rutschten beschleunigt ins Meer. Zu hoffen sei, dass die Winde erneut drehen würden, sagt Vaughan. Die Chancen stünden nicht schlecht: Das Klima in der Region sei offenbar deutlich variabler als angenommen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
schwarzes_lamm 25.04.2012
Zitat von sysopDPAEin Bollwerk aus Eis vor der Küste der Antarktis bremst den Anstieg der Meere: Gletscher aus dem Hinterland können nicht daran vorbei. Doch Seltsames geschieht: Die Barriere bricht, obwohl die Luft dort kaum wärmer wird. Forscher meinen nun, die Ursache entdeckt zu haben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,829714,00.html
Etwas Bewunderung muss ich dem Spiegel schon für seine Beharrlichkeit zum Thema Klima zollen, trotzdem sich in jedem zweiten Artikel widersprochen wird, wie hier wieder zu sehen. Aber auf jeden Fall wird es auch hier mit Sicherheit unterhaltsam, wenn es wieder ans diskutieren über das Klima geht.
2. Es wird wärmer...
ginfizz53 25.04.2012
Zitat von sysopDPAEin Bollwerk aus Eis vor der Küste der Antarktis bremst den Anstieg der Meere: Gletscher aus dem Hinterland können nicht daran vorbei. Doch Seltsames geschieht: Die Barriere bricht, obwohl die Luft dort kaum wärmer wird. Forscher meinen nun, die Ursache entdeckt zu haben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,829714,00.html
... und das Eis taut: Klar, es war die Klimakatastrophe.... Eis schmilzt ja sehr viel heftiger bei -17,8°C als bei -18°C... Eis schmilzt schneller, wenn es gleich kalt bleibt ... Was werden wir als nächstes hören? Ist jetzt schwer zu prognostizieren, weil mein Super-Tera-Flop-Computer für 30Mio etwas rumzickt...
3. dramatisch!
marc0815 25.04.2012
immerwieder dieselben oberflächlich interpretierten Statistiken... Da glaub einer der 54 Eisberge über 5 Jahre beobachtet einen Rückschluss auf die Klimaentwicklung der Erde über Jahrmillionen ziehen zu können. Aber das interessanteste nur 20 der 54 Eisberge sind kleiner geworden? sind die übrigen 34 vielleicht gewachsen? Würde natürlich schlecht zum Artikel passen, also verschweigt man es einfach mal. Ich kenne noch ein zweites dramatisches Phänomen dem SPON mal nachgehen sollte: Ich habe im Januar eine Schneedecke in meinem Garten beobachtet. Die wurde langsam immer kleiner bis sie ganz verschwand. Die globale Erwärmung wird also immer schlimmer. In nur einigen Tagen war sie völlig weg und die Temperaturen sind bis heute auf über 20 Grad gestiegen. Hilfe!
4.
marc0815 25.04.2012
hat sich der Autor mal überlegt, dass das Schmelzen von Eis in Wasser ein völlig natürlicher Vorgang ist? Er sehnt sich sicher nach der nächsten Eiszeit, dann hätten auch die Mineralölkonzerne wieder ein Grund die Preise für Heizöl zu erhöhen weil es dann wirklich knapp wird.
5.
marc0815 25.04.2012
... wem solche völlig unfundierten Artikel nützen. Den Grünen bei der nächsten Wahl? Dann würde SPON es nicht freiwillig drucken hoffe ich. Aber einer anderen Lobby die dafür bezahlt? dann schon eher...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Antarktis
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 62 Kommentare
Buchtipp

Erde von der verrückten Seite