Winddüse: Saharastaub lässt Amazonas-Dschungel sprießen

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In einem Sahara-Tal beschleunigt der Wind - der Staub eines ausgetrockneten Sees gelangt bis nach Südamerika. Dort lässt er den Regenwald wachsen. Die Dünge-Wirkung der Wüste ist weit größer als erwartet.

Bodélé-Niederung in der Sahara: Quelle des Düngers für Südamerika. Zur Großansicht
NASA

Bodélé-Niederung in der Sahara: Quelle des Düngers für Südamerika.

Die Bodélé-Niederung in der Sahara gilt als staubigste Region der Erde. Abermillionen Algenschalen und Minerale bedecken das Becken eines ausgetrockneten Sees, der einst die Ausmaße der Großen Seen Nordamerikas besaß. Früher nährte das riesige Gewässer Tiere und Pflanzen Zentralafrikas - heute düngen seine Relikte den Regenwald Südamerikas.

Winde tragen den nährstoffreichen Staub über den Atlantik. In der Bodélé-Niederung beschleunigt der Wind zwischen zwei Gebirgszügen wie in einer Düse - sie gilt als größtes Staubgebläse der Erde. Der Staub weht bis in den Amazonas-Dschungel, wo die Algengehäuse aus Afrika riesige Bäume düngen.

Der Düngeeffekt sei bislang dramatisch unterschätzt worden, berichten Geoforscher jetzt im Fachblatt "Geophysical Research Letters". Die Bodélé-Niederung liefere 38 Prozent mehr Düngemineralien wie Phosphor und Eisen ins Amazonasgebiet als bislang angenommen, schreiben Charlie Bristow vom Birkbeck College in London und seine Kollegen.

"Der Staub kriecht überall rein"

In den vergangenen 1000 Jahren haben Stürme bereits vier Meter des ehemaligen Seegrunds abgeschmirgelt. Unter widrigen Bedingungen haben die Forscher den Ursprungsort vieler Amazonaspflanzen in der Sahara untersucht: "Ich habe in allen Wüsten gearbeitet, in der Bodélé-Niederung war es am schlimmsten", berichtet Bristow im Wissenschaftsblatt "Nature". "Der Staub kriecht überall hinein, man ist vollkommen mit Staub überzogen, man kann kaum essen, geschweige denn etwas sehen."

28 sorgfältig ausgewählte Staubproben nahmen die Forscher. Vor allem über die großen Mengen an Phosphor und Eisen wunderten sie sich. An diesen beiden Mineralen mangelt es jenseits des Atlantiks besonders. Der Amazonaswald sei quasi abhängig vom afrikanischen Staubgebläse, sagt Bristow.

Zwar bedecke die Bodélé nur ein Fünfhundertstel der Sahara, sie liefere aber etwa die Hälfte des Staubs, der den Regenwald im Amazonas düngt. "Selbst auf Hawaii, einem der staubärmsten Orte der Welt, ist der Phosphor nachweisbar, der mit afrikanischem Staub dorthin gelangt", sagt Oliver Chadwick, Atmosphärenforscher an der University of California in Santa Barbara.

Etwa zehn Tage dauert es, bis der Dünger aus der Bodélé-Niederung den Amazonas erreicht, schrieben Forscher um Yuval Ben-Ami vom Weizmann Institute of Science in Israel jüngst im Fachblatt "Atmospheric Chemistry and Physics". Ein Gutteil des Staubes fege direkt übers Meer.

Nasses Handtuch für Charles Darwin

Diesen Umstand nutzten die Pioniere der Staubforschung. Der Seefahrer Robert James geriet am 7. März 1838 auf dem Atlantik in einen Saharawind. Geistesgegenwärtig hängte er ein nasses Handtuch an den Mast. Den Staub rieb er ab und stopfte ihn in eine Schachtel. Wieder an Land, sandte er die Probe an den Naturkundler Charles Darwin.

Forscher um Anna Gorbushina von der Universität Oldenburg haben den historischen Staub kürzlich untersucht. Er stamme aus der Bodélé-Niederung in der Sahara, berichteten sie im Fachjournal "Environmental Microbiology". Er war 4000 Kilometer unterwegs, bevor er ins Handtuch von Robert James geriet. Gorbushina fand allerdings auch Pilze und Bakterien in den historischen Proben. Forscher diskutieren seit langem die Gesundheitsgefahren in Amerika, die von afrikanischem Staub ausgehen.

Die Staubstürme aus der Bodélé-Niederung in der Sahara landen nicht nur am Amazonas. Lediglich ein Fünftel des Staubs aus der Bodélé gelange dorthin, sagt Bristow. Im Sommer düngten die nährstoffreichen Winde vor allem die Karibik, ergänzt Joseph Prospero von der University of Miami (US-Bundesstaat Florida). Ein Großteil der oberen Erdschichten der Karibikinseln bestehe aus Sahara-Staub.

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