Winzige Reptilien Mini-Chamäleons erstaunen Forscher

Nicht mal drei Zentimeter lang, den Schwanz schon mitgerechnet - so klein ist eine bislang unbekannte Chamäleonart, die Forscher auf Madagaskar entdeckt haben. Die Heimat der Tiere ist ebenfalls winzig: Sie tummeln sich auf nur 50 Hektar.

Von

Frank Glaw

Die Korallenriffe und die sandigen Buchten sind perfekt für jede Tourismusbroschüre. Alles in allem ist das winzige Archipel Nosy Hara an der Nordspitze von Madagaskar aber doch recht karg. Nur wenige bewaldete Flecken bedecken die felsigen Inselchen. In dieser auf den ersten Blick nur eingeschränkt lebensfreundlichen Umgebung haben Biologen nun eine faszinierende Tierart entdeckt: Das winzige Chamäleon Brookesia micra misst von der Schnauze bis zum Schwanzende noch nicht einmal drei Zentimeter - und gehört damit zu den kleinsten Reptilien der Welt.

Farblich machen die braun-grünen Tierchen wenig her, ihre Optik verändern können sie auch nicht. Doch der winzige Wuchs fasziniert die Forscher: "Das ist nichts, wo man langwierige genetische Untersuchungen machen muss, um zu erkennen, dass das etwas Neues ist", sagt Miguel Vences von der Technischen Universität Braunschweig im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Zoologe gehört zu den Autoren eines Fachartikels im Wissenschaftsmagazin "PLoS ONE", der über die Mini-Chamäleons berichtet.

Genetische Untersuchungen haben Vences und seine Kollegen, darunter Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung in München und Jörn Köhler vom Hessischen Landesmuseum in Darmstadt, natürlich trotzdem angestellt. Dabei berücksichtigen die Forscher auch weitere Arten von Mini-Chamäleons, die sie in angrenzenden Gebieten Madagaskars aufgespürt hatten. Insgesamt vermelden die Biologen in ihrem Paper nämlich gleich vier neue Arten.

Die Forscher machten eine "erstaunlich große genetische Distanz" zwischen den Neuentdeckungen aus - und das, obwohl sich diese auf den ersten Blick sehr stark ähneln. Die evolutionären Pfade der Arten haben sich aber offenbar bereits vor vielen Millionen Jahren getrennt.

Heimat so groß wie 70 Fußballfelder

Bleibt, so formuliert es Vences, für Brookesia micra aber eine entscheidende Frage: "Wie haben die Tiere eigentlich so lange Zeit in diesen kleinen Waldfragmenten überleben können?" Die Heimat der Tiere auf Nosy Hara ist nach seiner Schätzung gerade einmal 50 Hektar groß, das sind in etwa 70 Fußballfelder.

"Von den Tieren weiß man kaum mehr, als dass es sie gibt. Zur gesamten Ökologie ist wenig bekannt", sagt Vences. Ein Teil der Erklärung für das Überleben in dem Mini-Habitat ist wohl die beeindruckende Unauffälligkeit der kleinen Reptilien. Die eher langweilig gefärbten Tiere leben am Boden und verbergen sich wenn möglich unter einer Laubschicht. Nachts geht's auf niedrig gelegene Äste zum Schlafen; nur ja nicht auffallen! Direkte Fressfeinde hatten die Tierchen wohl auch nicht - zu ihrem Glück: "Solche Inselformen sind oft sehr konkurrenzschwach", sagt Forscher Vences.

Auch die anderen neuen Chamäleonarten besiedeln nur kleine Gebiete auf Madagaskar. "Durch Lebensraumzerstörung sind sie besonders bedroht", sagt Co-Autor Jörn Köhler. "Eine der neuen Arten, Brookesia desperata, ist nur aus einem kleinen Regenwald bekannt und obwohl dieses Gebiet offiziell unter Schutz steht, wird hinter der Kulisse im Inneren des Reservats fleißig Raubbau betrieben".

Die Tierwelt von Madagaskar, neben den beinahe ikonischen Mausmakis tummeln sich dort unter anderem fast 300 Frosch- und knapp 400 Reptilienarten, gilt als einzigartig. Mit großer Regelmäßigkeit werden bei Expeditionen neue Arten entdeckt. Doch gleichzeitig sind viele von ihnen akut bedroht: Die Weltnaturschutzorganisation (IUCN) schätzt zum Beispiel, dass mittlerweile 40 Prozent der landlebenden Reptilien-Arten auf der Insel gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht sind.

Die politische Lage auf Madagaskar ist alles andere als stabil. Seit dem Jahr 2009 regiert eine Übergangsregierung, die mit Gewalt an die Macht gekommen war. "Eine Rückkehr zu politischer und wirtschaftlicher Stabilität ist gegenwärtig noch nicht abzusehen", warnt das Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen. Naturschutz lässt sich unter diesen Bedingungen nur schwer durchsetzen.

Die Forscher befürchten, dass auch eine weitere neue entdeckte Art, Brookesia tristis, eine ungewisse Zukunft vor Augen hat. Zwar sei der Lebensraum des Chamäleons vor wenigen Jahren unter Schutz gestellt worden. Doch seitdem habe die Abholzung des Gebiets noch zugenommen.

Mit der Wahl der Artnamen wollen die Biologen auf die große Gefahr hinweisen, die den Neuentdeckungen droht. Die Botschaft bei den Bezeichnungen Brookesia desperata und Brookesia tristis versteht man auch ohne Großes Latinum: Desperata heißt verzweifelt - und tristis so viel wie traurig.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es fälschlicherweise, die Chamäleons zählten zu den Geckos. Tatsächlich gehören sie aber zu den Leguanartigen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



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insgesamt 2 Beiträge
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Segesch 15.02.2012
1. Gattungsnamen
Mir ist bewusst, dass Herr Seidler täglich über unterschiedlichste Themen berichten muss, dennoch sollte auch dem Laien klar sein, dass Chamäleons und Geckos nicht das Gleiche sind.
S.Vazaha 15.02.2012
2.
Die Behauptung, die Übergangsregierung sei mit Gewalt an die Macht gekommen verdreht die Tatsachen. Der frühere Präsident wollte 50% des noch nicht bebauten Ackerlandes auf 99 Jahre ohne Gegenleistung an den Daewoo-Konzern verpachten, der dort Mais und Kokospalmen für den benötigten Biosprit in Südkorea anbauen wollte. Dagegen wurde demonstriert und der Präsident ließ mit seiner Garde in die Menge schießen. Nach 120 Toten hat sich die Garde dem Schießbefehl widersetzt. Daraufhin hat sich der Expräsident mit seinem Reichtum nach Südafrika abgesetzt. Das Problem ist jetzt, dass die USA und die EU inklusive Deutschland die Entwicklungshilfe aussetzt haben. Die Madegassen roden jetzt die Wälder, um dort Maniok anzubauen damit sie nicht verhungern. Chameleons kann man nicht essen, so kleine schon gar nicht.
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